KOLUMNE

Papa, ich will nicht in den Kindergarten!" Jetzt heißt es wieder einmal ruhig bleiben und Nerven bewahren. "Darüber diskutieren wir jetzt nicht." Der Versuch des Angesprochenen, den bevorstehenden Nervenkrieg durch Nichtbeachtung zu vermeiden, misslingt. Der Vierjährige ist heute nicht dazu aufgelegt, sich ablenken zu lassen. "Paapaaa!!! Ich will aber heute nicht in den Kindergarten!!!! Ich will mit Leo spielen."Das schnappt natürlich der kleine Bruder gerne auf: "Kindergarten?! Leo auch Kindergarten gehen!", mischt sich der Zweijährige prompt ein. Das lässt zwar darauf hoffen, dass es in absehbarer Zeit ein ähnliches Verweigerungsproblem nicht geben wird. Im Moment eröffnet es aber ein zweites verbales Schlachtfeld, das die Eltern der Stöpkes in einige Erklärungsnot bringt. Warum muss der eine, und der andere darf nicht? So etwas in die sich sprunghaft-unkonventionell entwickelnden Gedankenabläufe eines Vierjährigen zu bringen, gehört nicht zu den leichtesten Übungen der Erziehung."Aber Jan, Du musst doch nicht in den Kindergarten. Du darfst! Da ist es schön. Und da hast du so viele Freunde, mit denen Du spielen kannst..."Vor einigen Wochen war es besonders schlimm. Zwar hatte es immer mal wieder Tage gegeben, an denen Filius zum Spaß im Kindergarten überredet werden musste. In diesen Tagen entwickelte sich die morgendliche Unlust des Sprösslings aber täglich zum Drama, das an jedem zweiten Tag damit endete, dass die nervenstarke Erzieherin den klammernden Sohn vom Hals des Vaters pflückte und sich dieser von dannen machte, mit dem unsicheren Gefühl, ob diese harte Tour der kindlichen Seele nun bleibende Schäden zufügen würde."Muss ich heute in den Kindergarten?" Allein diese Frage genügte in diesen Tagen, damit sich im Hause Neubert Nackenhaare sträubten. Doch eines morgens ließ eine zweite Frage aufhorchen: "Ist Raphael heute wieder da?"Raphael, Jans Freund, mit dem er bereits in der Krabbelgruppe so manchen Streich ausgeheckt hatte, war seit gut zwei Wochen in der Mutter-Kind-Kur. Vorsichtiges Nachfragen: "Raphael? Vermisst du den?" Antwort ist ein klägliches "Ja".Und tatsächlich. Wieder einmal war das Frühstück ein Drama und das Verfrachten des Sohnes in das Auto mehr eine Zwangsmaßnahme. Als wir dann ankamen, spazierte Freund Raphael gerade zum Eingangstor. Fensterscheibe heruntergekurbelt. "Hallo Raphael!" Papas Gruß wird natürlich ignoriert, Die Erwiderung gilt dem Beifahrer. "Hallo Jaan!" Dessen Tränen versiegen umgehend. "Hallo Raphael!!!" Die erste echte Kinderfreundschaft ist etwas Wunderbares."Papa, ich will heute nicht in den Kindergarten." Ab und zu gibt es auch heute noch Protest. Aber mit dem Verweis, dass Raphael bestimmt schon da ist, lässt sich Filius in der Regel umstimmen. Wie gut ist es doch, dass Raphaels Eltern in diesem Jahr zur gleichen Zeit in Urlaub fahren wie wir!Rainer NeubertIn unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.