KOLUMNE

Es gibt Abschnitte im Leben, bei denen man ganz froh ist, wenn sie abgeschlossen sind. Gemeint ist nicht der entsorgte Ehemann oder der Eintritt ins aktive Rentnerdasein. Sondern: die Grundschulzeit. Und zwar nicht die eigene, sondern die der Kinder.

Drei Kinder, geschickt im Dreijahresrhythmus gezeugt, boten elf Jahre am Stück Grundschul-Alltag. Immer wieder bekräftigten Sohnemann, Lehrerin und die Familie in den vergangenen Wochen, dass es Zeit für einen Wechsel zur weiterführenden Schule wird. Heureka! Komisch nur, dass das Gesicht unseres Sohnes am Morgen des letzten Schultags so länglich und leicht grünlich wirkt. Ein letzter Gruß seiner tags zuvor kranken Lehrerin, die ihm vielleicht ein Virus weitergereicht hat? Dennoch beschreite ich frohgemut die Quinter Kirche zum Abschlussgottesdienst. Doch was ist das? Feuchte Augen, traurige Blicke der Viertklässler, ihrer Eltern, der Lehrerin: Die ganze Gesellschaft gleicht stimmungsmäßig eher einer Trauergemeinde. Tatsächlich macht sich ein Kloß im Hals bemerkbar - fast wie am ersten Schultag. Tja, hier saß man schon mit dem Kindern im Kindergarten- und Babyalter. "Laudato Si", stimmen die Kinder an - ach ja, das Lied ihrer Schulkinder hatte doch die geschätzte Klassenlehrerin während ihrer Heirat so berührt. Damals hatte es sich jedoch irgendwie fröhlicher angehört. Der letzte Weg von der Kirche zur Verabschiedung auf dem Quinter Schulhof mit liebevollen Vorträgen anderer Klassen ähnelt dem Gang zum Schafott. Gefleckte Gesichter, rot geränderte Augen, gesenkte Blicke. Wir feiern doch nur den Abschluss der 4b, ruft es laut in mir. Heraus kommt nur die stille Erkenntnis, dass Berliner glücklicher als Rheinland-Pfälzer sein müssen: Sie haben nämlich zwei Jahre mehr Grundschule. Zum endgültigen Kraftakt gerät der Abschied im Klassenzimmer, der in einem kollektiven Gefühlrausch versinkt. "Danke unserer Klassenlehrerin Melanie Britten, es war eine tolle Zeit!" Aus und vorbei: Die Grundschule ist wirklich zu Ende. Fluchtartig verlassen wir die Schule. "Ich kann ja Frau Britten nach den Ferien in der Schule besuchen", tröstet sich unser Sohn, nun wieder mit normaler Farbe im Gesicht. Sieht so aus, als ob die Grundschulzeit doch nicht ganz zu Ende ist. Gabriela Böhm In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.