KOLUMNE

Wieder fängt ein neues Jahr an. Erschreckend schnell, finden Sie nicht auch? Und beim obligatorischen Gläschen Sekt beschließt man, diesmal wirklich alles ganz anders zu machen. Ich nehme mir vor, nie mehr mit meinen Kindern zu schimpfen. Mein Mann will sich das Rauchen abgewöhnen. Die Kinder versprechen, immer Ordnung zu halten. Wie schön! Wäre da nicht, in der hintersten Ecke des Hirns, eine kleine wache Zelle, die sich "Gewissen" nennt. Genau das aber meldet sich gerade dann, wenn man frohgemut seine guten Vorsätze verkündet. Was war denn im vergangenen Jahr? Hatte ich mir nicht vorgenommen, meine Wäsche endlich kontinuierlich zu bügeln, dann nämlich, wenn sie anfällt? Und, was ist daraus geworden? Zum Jahreswechsel stehen fünf Bügelkörbe herum, die zum Teil noch Sommersachen enthalten. Und dann die Kinder: Hatte mein Sohn nicht vor, alle anfallenden losen Arbeitsblätter aus der Schule sorgfältig abzuheften? Bei der vorweihnachtlichen Aufräum-Aktion fanden wir derer etwa tausend Stück, lose versteht sich. Also, doch nichts dran an guten Vorsätzen, oder? Aber wie heißt die Devise der Zeit? Denke positiv! Ich schimpfe bestimmt nicht wieder. Mein Mann raucht nicht mehr und die Kinder halten Ordnung. Am Neujahrstag klappt das tatsächlich. Nun gut, wenn man bis mittags schläft und dann außer Haus ist Doch schon am nächsten Tag wendet sich das Blatt. Gegen Abend betrete ich die Kinderzimmer und denke, mich trifft der Schlag. Alles, aber auch alles, was man ausschütten kann, liegt auf dem Boden verteilt herum. Ich bitte höflichst darum, aufzuräumen. Nichts geschieht. Ich werde deutlicher. Erste Weigerungen werden formuliert. Ich werde laut. Man brüllt zurück. Oh je, und nun folgt eine Schimpfkanonade - aus meinem Mund! Mein Mann kommt dazu. "Was ist denn hier los?" Beide Streitparteien reden auf ihn ein. Er wird nervös und tastend fahren seine Hände in die Hemdtasche, die Heimat der Zigarettenpackungen. Wenig später finde ich ihn qualmend vor der Haustür. "Eigentlich war das doch klar," meint er. "Wir sollten uns nur noch Dinge vornehmen, die wir tatsächlich durchhalten können." Recht hat er. Beim Abendessen am Familientisch beraten wir. Und jetzt ist der Fall für uns klar. Der einzige Vorsatz, den wir durchhalten können ist: Keine guten Vorsätze mehr! Oder doch? Anke Emmerling Das Buch "Familienbande" mit 60 Kolumnen aus dem Trierischen Volksfreund ist für 9,90 Euro in allen TV -Pressecentern erhältlich.