KOLUMNE

Immer wieder frage ich mich, sind wir wirklich so hilflos und dumm? Mussten wir mit dem positiv ausgefallenen Schwangerschaftstest die Hälfte unserer Gehirnmasse abgeben oder nimmt man gemeinhin an, dass eine Schwangerschaft unsere Gehirnzellen zerstört, und zwar nicht nur die weiblichen sondern auch die männlichen?

Oder wie lässt es sich erklären, dass Eltern - ob sie es wollen oder nicht - mit guten Ratschlägen überschüttet werden? Das fängt schon beim oben erwähnten positiven Schwangerschaftstest an. Wird dieser in einer Frauenarztpraxis durchgeführt, braucht man für den Nachhauseweg schon bald ein Leiterwägelchen, um all die guten Ratgeber zu schleppen. Spätestens am Morgen nach der Entbindung geht es dann weiter. Jetzt weiß der frisch gebackene Herr Papa auch, warum er sich beim Autokauf für den Kombi entschieden hat - wie sonst sollte er den Zeitschriftenberg transportieren? Naja, wenigstens weiß das junge Elternpaar dann auch, warum es ständig müde ist. Das liegt nur zum Teil am Nachwuchs, der nachts öfter mal wach wird. Zum größeren Teil liegt es an den vielen Stunden, die man für die Lektüre der Ratgeber braucht. Ich gestehe es hiermit: Ich habe sie am Anfang alle gelesen. Sie wissen ja, wir gehören zu den Eltern, die alles richtig machen wollen… Mit den Jahren haben wir uns dann die Frage gestellt, ob die regelmäßig wiederkehrenden Belehrungen, wie viel Taschengeld unsere Kleinen bekommen sollen und welche Weihnachtsgeschenke sinnvoll sind, und Debatten über das Pro und Kontra größerer Fernreisen immer lesenswert sind. Doch die Angst, einen für die Erziehung unserer Kinder entscheidenden Hinweis zu verpassen, sitzt tief. Deshalb ist unser Bücherregal auch gut gefüllt mit Erziehungsratgebern jeglicher Art, und die Notwendigkeit der Publikationen ist nicht von der Hand zu weisen. Wie sonst könnten wir wissen, dass Kinder im allgemeinen sehr bewegungsfreudig sind und sich deshalb viel bewegen müssen, dass das Fernsehen nach 20 Uhr für das eine oder andere Kind nicht so sinnvoll ist, weil es die realitätsnahe Darstellung eines Mordes nicht verkraften kann, und dass ein Säugling, wenn er nachts aufwacht, Hunger oder vielleicht Zahnungsschmerzen hat. Dieses ganze Wissen und noch viel mehr haben wir uns angelesen. Nicht auszudenken, was aus unseren Kindern ohne diese Erkenntnisse geworden wäre! Doch sind wir im Laufe der Jahre gereift, wir erkennen - mit Stolz kann ich sagen - oft schon auf den ersten Blick, ob ein Artikel, ein Ratgeber oder eine Zeitungsnotiz lesenswert ist und ob sich die gut gemeinten Ratschläge auf unsere Familiensituation übertragen lassen. Und - wir sind in anspruchsvollere Regionen vorgerückt: Im Moment beschäftigen wir uns mit einem Artikel über den Einfluss der Linkshändigkeit bei Schülerinnen auf das Gesamtklassengefüge und auf das Lehrverhalten der Lehrperson… Aber davon kann ich Ihnen ja ein anderes Mal erzählen. Ursula Schaffer Hinweis: Das Buch "Familienbande" mit 60 Kolumnen aus dem Trierischen Volksfreund ist für 9,90 Euro in allen TV -Pressecentern erhältlich.

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