KOLUMNE

Als ich noch jeden Tag zur Arbeit ging, hatte ich es gut. Ich war eine Vollzeitkraft mit Vollzeitaufgaben und Vollzeitverantwortung. Ich musste mich um niemanden scheren, ging aus, wann ich Lust hatte und fuhr jedes Jahr mit meinem Mann vier Mal in Urlaub.

Heute habe ich es besser. Ich arbeite Teilzeit. Mit Teilzeitaufgaben und Teilzeitverantwortung. Ich habe einen dreijährigen Sohn, gehe nur noch aus, wenn meine Freunde mich fast dazu prügeln, und fahre einmal im Jahr in Urlaub. Mein Leben hat sich radikal verändert. Kein Mitleid, bitte. Ich wollte es ja so. Im Grunde bin ich sogar glücklicher als früher. Und doch... Eine berufstätige Mutter ist nicht wirklich beneidenswert. Eine Tatsache, an die ich früher kaum ein Gramm Gehirnschmalz verschwendet habe. Irgendwie würde das schon klappen, Beruf und Familie - wo doch alle Welt familienfreundlich sein will. Spätestens, als mich mein Sohn mit Tränen in den Augen vorwurfsvoll fragte, warum ich denn heute schon wieder arbeiten gehen müsse, wusste ich: Es ist nicht leicht. Mit Elan hatte ich nach 18 Monaten Elternzeit wieder angefangen zu arbeiten und war mir sicher, meine Kollegen würden mein heldenhaftes Tun anerkennen. Offenbar hatte ich zu viele Eltern-Heftchen gelesen. Wenn ich mich mittwochs verabschiede, wünschen mir meine Kollegen ein schönes Wochenende, wobei ihnen "Teilzeiturlaub" förmlich auf der Stirn geschrieben steht. Denn ich bin nicht mehr eine von ihnen. "Verona, du hast es gut," seufzte neulich ein Kollege. "Ja, ich weiß", antwortete ich. Und dachte an die vielen Nachmittage, die ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz verbracht habe, stets mit einer halben Pobacke auf der Parkbank sitzend, um ihn vor hauenden Kindern retten zu können, Wehwehchen wegzupusten oder Gummibärchen auszugeben. Ich habe es gut, weil ich ohne Kind viele Dinge in meinem Leben verpasst hätte: die originellen Liebeserklärungen, den feuchten Gute-Nacht-Kuss, die kleinen weichen Hände, die mein Gesicht streicheln, den unwiderstehlichen Duft eines frisch gebadeten Kleinkinds und das schönste Wort der Welt: Mama. Verona Kerl In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.

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