KOLUMNE

Ein eingefleischter Städter sagte mir neulich: "Landleben ist doch was für Romantiker." Mag sein. Auch wir dachten bei der Wahl unseres ländlichen Wohnsitzes an Vorstellungen wie diese: "Dämmernd liegt der Sommerabend über Wald und grünen Wiesen; Goldner Mond im blauen Himmel, strahlt herunter duftig labend" (Heinrich Heine).

Nur, inzwischen haben wir festgestellt: Um uns herum gibt es zu viel blauen Himmel, Wald und grüne Wiesen! Neulich zum Beispiel gab ich mich ganz dem Geist der Romantik hin und lauschte auf der Bank in der Abendsonne sitzend dem Gebrumm einer Hummel. Die äußerte sich gerade sehr angetan von den blühenden Herbstastern. Was genau sie mir sagen wollte und ob sie dafür poetische Verse fand, ging allerdings in Donnerhall unter. Eine Staffel Düsenflieger jagte über den blauen Himmel. Um der erschreckten Hummel und mir den Übergang in allzu drastische Stille zu erleichtern, sprang augenblicklich ein benachbarter Rasentraktor an. Dessen phonstarkes Dröhnen kreiste bis zur Dämmerung hingebungsvoll über grüne Wiesen. Das sorgte zwar für romantisches Läuten in den Ohren. Jenes wiederum wäre aber ohne den sich dazu gesellenden rhythmischen Einsatz eines Bohrhammers zu eintönig gewesen. Ähnlich muss auch derjenige empfunden haben, der die ländliche Jam-Session bei Einbruch der Dunkelheit um das Kreischen einer Kreissäge bereicherte und damit einen aktiven Beitrag zur Dezimierung des Zuviel an Wald lieferte. Ich glaube, wir Landbewohner müssen unsere Vorstellung von Romantik einfach der Neuzeit anpassen: "Donnernd fliegt der Düsenjäger über phonstarkes Gerät, das zum Hämmern eines Bohrers, viel zu grüne Wiesen mäht. Dazu kreischt die runde Scheibe, die den Wald in Stücke sägt" (Anke Emmerling). Anke Emmerling In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.