KOLUMNE

Eltern bleiben Eltern - selbst dann, wenn sie mehr als tausend Kilometer entfernt in der Provence vor einem Wohnwagen in der Abendsonne sitzen und sich grämen. Grämen, weil sie die Stangen ihres Vorzelts im heimatlichen Trier vergessen haben, grämen, weil der Fernseher nicht so funktioniert wie er soll und grämen, weil die Tochter nicht anruft.

Die ist nämlich mit dem Fahrrad unterwegs. Alleine. Von Zewen durch die Südeifel Richtung Welschbillig - und in der Provence ist es doch schon am Dämmern. Während meine Eltern sich in den letzten Strahlen der mediterranen Sonne die Gefahren ausmalten, denen ich auf meiner Fahrt begegnen mochte, durchströmten mich kräftige Glücksgefühle. Die Hügeligkeit der Südeifel ließ meinen Körper reichlich Endorphine produzieren. Auf meinem schönen neuen Fahrrad grüßte ich im Vorbeiradeln zwei weidende Esel, bewunderte die bilderbuchmäßig konkave Wölbung des Hanges, den ich erstrampelte und freute mich über die Abendsonne auf einem blühenden Rapsfeld. Als ich auf dem höchsten Punkt zwischen Möhn und Welschbillig angelangt war, stieg ich ab. Ich ließ meinen Blick über die grüne Weite der Hochfläche schweifen. Wie ich wusste, war der Weg auf dem ich stand ein Teil des Jakobswegs. Meine Gedanken trugen mich Richtung Santiago. "Der gleiche Weg", dachte ich und spürte ihn unter meinen Füßen. Ich fühlte den lauen Abendwind auf meiner Haut, sah die Sonne untergehen - und seufzte. Wenn ich eines Tages Urlaub in der Provence mache, mein Vorzelt sich nicht aufbauen lässt und der Fernseher flimmert, vielleicht werde ich dann froh sein, mich von den quälenden Gedanken an meine missliche Lage dadurch abzulenken, dass ich mir die Gefahren der Südeifel in Erinnerung rufe. Als ich glücklich und verschwitzt zuhause ankam, klingelte mein Handy. Es war mein Vater. Er klang empört, besorgt und erleichtert zugleich. Es war ja schon dunkel in der Provence. Eltern, sie bleiben eben Eltern. Katharina Hammermann In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.