KOLUMNE

Mensch, Mama, prima, jetzt sieht der Busch ja wie ein Fußball aus!" Was? Entsetzt schaue ich auf unsere Forsythie, die ich tatsächlich gerade kreisrund gestutzt habe. Hat's mich also auch erwischt! So wie den, der eben im Deutschland-Trikot an mir vorbeigedribbelt ist, um das runde Leder mit elegantem Fallrückzieher in meinem eckigen Terrakottakübel zu versenken.

"Toor!" Eigentlich will ich ja die rote Karte zeigen - die Fuchsienblüten gefielen mir weit besser als diese Ballkunst - doch da lugt ein Kopf zur Haustür heraus, an dessen zugehörigem Hals ein schwarz-rot-goldenes Band mit Flaschenöffner baumelt. "Kommt, gleich ist Anpfiff fürs Eröffnungsspiel!" Ich werfe die Heckenschere weg, der Fußball ist ja bereits entsorgt. Sohn und Mutter stürmen zusammen durch den Elfmeterraum (Diele, Küche, Wohnzimmer) bis zum viereckigen Kasten, um den sich ab heute alles dreht - ja, drehen muss: "Manno, ich wär' jetzt auch lieber im Stadion als vorm Fernseher. Warum haben wir keine Karten?", mault der Sohn. "Dazu hätte man nicht Fan, sondern Preisausschreiben-Gewinner sein müssen!" Doch als sein Blick auf die als Rasenspielfeld bedruckte Papiertischdecke auf dem Wohnzimmerparkett, den großen Spielplan, der statt Kunst an der Wand hängt, und die Nuss-Nougat-Creme im Fußballglas fällt, ist das Glück wieder perfekt - fast: "Papa, pass mir mal das Malzbier rüber!" Doch der ist beschäftigt, schließlich müssen noch die eben getauschten Fußballbildchen ins Album (die eckigen, in die das Runde aus dem Portemonnaie versenkt wurde...). Die Tochter schaut zu: "Mensch, das ist doch Beckham, einer von den Süßesten! Cool, spielt der heute auch mit?" Entsetzte Blicke wandern von Vater zu Sohn. Antwort und gelbe Karte bleiben aus, denn da klingelt doch tatsächlich das Telefon. Wer wagt es? Etwa ein weiterer Fußballmuffel? Aber nein, es ist nur ein Nachbar: "Wollen wir das Fußballspiel nicht gemeinsam gucken?" "Ja prima, kommt doch rüber!" Zu Gast bei Freunden - es lebe die WM im eigenen Haus! . Anke Emmerling In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.