KOLUMNE

Arbeitskleidung zu Hause? "Das ist doch kein Problem", sagt mein Mann. Er hat einen Blaumann fürs Grobe und fürs Tagesgeschäft das, was mann immer so trägt: Hemd, Hose, Pulli - praktisch, flexibel, bequem, waschbar.

Klar, das könnte ich auch, aber das ist mir zu einfach - schließlich bin ich eine Frau! Und als solche, so verfolge ich es immer aufmerksam im Fernsehen, muss ich, jedenfalls rein ästhetisch, für alle Eventualitäten gewappnet sein. Wenn zum Beispiel mal wieder ein unangemeldet ermittelnder Kommissar hereinplatzt, hängt meine Glaubwürdigkeit entscheidend von sorgfältig gewählter, makellos gepflegter Kleidung ab! Und wie viel mehr mein Ruf als modische Trendsetterin, wenn statt des Kommissars früh am Morgen zufällig meine Freundin im Cabriolet vorfährt, um mich beim Pläuschchen am polierten Glastisch von der Notwendigkeit einer Shopping-Tour zu überzeugen! Also rein in die Seidenbluse und ran an den Herd. Ich bin gerüstet! Aber dann tritt das ein, was sie in den Filmen nie zeigen. Das Bratfett hinterlässt Flecken auf dem kostbaren Gewand. Am nächsten Tag zerreißt ein Trompetenärmel beim Roden der Hecken. Der Schlitz des Bleistiftrocks schließt sich schon bald an und gibt das Bein frei, weshalb die Brombeerranken leichtes Spiel mit den Nylonstrümpfen haben. Die Bändchen der Wickelbluse senken sich erst in Tomatensoße und dann ins Spülwasser. Am Ende der Woche ist das perfekte Auftreten dahin, buchstäblich sogar - spitze Highheels zum Staub saugen oder Garten umgraben sind eben nicht gerade die Offenbarung! Und gekommen ist immer noch keiner - weder Kommissar noch Freundin. Der eine ermittelt wohl woanders, die andere hat wahrscheinlich genug damit zu tun, ihren Glastisch zu polieren. Macht nichts, meine Kollektion ist sowieso aufgebraucht. Im ultrabequemen Flanellpyjama sitze ich am Computer, die Füße in Filzpantoffeln, die Haare zerzaust. Wie angenehm! Und da - klingelt es an der Tür. Natürlich öffne ich nicht, aber zu meinem Entsetzen dreht sich der Schlüssel im Schloss. "Hallo, Überraschung, ich habe noch jemanden mitgebracht!" Es ist mein Mann. Doch weil ich ganz diskret verschweige, dass ich überhaupt da bin, muss er tatsächlich Kommissar spielen. Das Rauschen des Computers führt ihn auf meine Spur: "Nanu, was ist denn mit Dir los? Was hast Du da an, Deinen Schlafanzug?" "Nein, äh, Arbeitskleidung." Und dann müssen wir beide lachen: "Ist doch kein Problem..." Anke Emmerling In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.