KOLUMNE

Heute ist Sankt Martin. Das bedeutete in den vergangenen Tagen für Mütter, die mit ihren Kindern eine Spielgruppe besuchen, unweigerlich: Es muss gebastelt werden. Eine Martinslaterne muss her, und wer etwas auf sich hält, darf sein Kind nicht mit einem Millionenexemplar aus dem Supermarkt zum Feuer gehen lassen.

Schließlich wird verglichen. Nicht etwa unter den Kindern. Denen ist es wurscht, ob sie die Standardversion der pausbäckigen, bunten Falt-Sonne vor sich hertragen oder ein Kunstwerk Marke Mama-hat-sich-ausprobiert. Aber der Ehrgeiz der Eltern ist angestachelt: Schließlich soll so ein traditionelles Ritual wie der Martinszug nicht durch industrielle Massenware entweiht werden. Am Montag war es so eit. Auf dem Spielgruppenkalender steht: "Wir basteln Laternen". Mit großem Gepäck machen wir uns auf zum Kindergarten: Der zweieinhalbjährige Niklas, der einjährige Ben und ich mit Transparentpapier, Bastelkarton, Kleister, Pinsel, Schere in der Tasche und der Standardausrüstung wie Windeln, Feuchttücher, auslaufsichere Trinkbecher, Frühstück für zwischendurch und Hausschuhe. Am Kindergarten das gerade mühsam Verstaute wieder auspacken und an den spielenden Kindern vorbei in den Gruppenraum. Raus aus den Jacken und Schuhen, zwischen umherwuselnden Kindern Mini-Tische und Stühle hereintragen, Bastelutensilien auspacken und loslegen. Keine leichte Aufgabe, zumal sich der einjährige Ben zu gerne beteiligen möchte und sich für den Kleister interessiert. Eine zirkusreife Darbietung wird mir abverlangt: Während ich, den Stil des Kleisterpinsels im Mund, mit der einen Hand den Luftballon festhalte und mit der anderen versuche, die Transparentpapierschnipsel auf den Ballon zu kleben, muss ich irgendwie verhindern, dass mein Jüngster im Kleister badet. Verbale Aufforderungen mit "Neeiiinn", die Hand nicht in das Glas mit der Klebemasse zu stecken und die Schnipsel nicht zu kosten, versanden. Also muss ich mit Rücken, Ellbogen und Oberarmen das klebrige Terrain abschirmen. Sozialpädagogin Brigitte: "Da kann nichts passieren. Ist nur Stärke." Na dann... Aber, ob die das ganze mögliche Ausmaß auch erkannt hat? Schließlich hat sie auf den Terminplan auch geschrieben "Wir basteln". Dabei schert sich mein Zweijähriger, für den ich gerade versuche, eine gelbe Sonne mit zackigen Strahlen zu entwerfen, ganz und gar nicht um das kreative Geschehen. Ihn lockt die Kletterwand. Und mir sind die Hände gebunden! Schnell den vollgekleisterten Ballon Brigitte in die Hand gedrückt, sprinte ich zur Gefahrenzone und bewache den Abstieg von der obersten Sprosse. Kurz darauf ist die Zeit auch schon um, und außer einem gelben Ballon ist von der Sonne nichts zu erkennen. Dann müssen wir wohl zuhause weiterbasteln. Aber hängt auf dem Speicher nicht noch die Supermarkt-Sonne aus dem letzten Jahr? Sybille Schönhofen In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.