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"Mein Großvater war ein Mann, der den Krieg nicht wollte"

"Mein Großvater war ein Mann, der den Krieg nicht wollte"

Ein altes Soldbuch, Fotos und eine kleine Metallfigur sind die Schätze, die Albrecht Stock hütet. Es sind die Erinnerungen an seinen Großvater Karl Knipp, der in Trier zum Militärdienst herangezogen wurde, und an dessen zwei Brüder.

Trier. "Musketier Karl Knipp" steht in altdeutscher Handschrift auf der ersten Seite des kleinen vergilbten Heftchens. Es ist das Soldbuch eines Mannes aus dem Bergischen Land, der kurz vor der Geburt seines ersten Sohnes in Trier zum Militärdienst eingezogen wurde.
Das Büchlein ist 99 Jahre alt, ausgefertigt am 7. Mai 1915, einer der kleinen Schätze, die Albrecht Stock und seine Familie aus der Zeit des Ersten Weltkrieges aufbewahrt. "Bei uns im Bergischen waren die Leute damals sehr christlich", erzählt Stock, "Mein Großvater war ein Mann, der den Krieg nicht wollte und nicht guthieß", ist er überzeugt.
Selbst 1944 geboren, lernte Albrecht Stock seinen Großvater nicht mehr kennen. Aber seine Mutter und auch die Großmutter haben ihm sehr viel über den Mann erzählt, von dem er einige alte Fotos aufbewahrt. Sie zeigen einen schlanken und ernst blickenden Mann mit Schnauzbart, der an den Schultern weiße Klappen trägt.
"Das zeichnet ihn als Musiker aus", weiß Stock, der sich im Internet auf Spurensuche nach der Geschichte seines Vorfahren begeben hat. "Mein Großvater spielte Flöte", sagt er und zeigt eine Feldpostkarte, die dieser einst an einen seiner Brüder geschickt hatte. Darauf posieren uniformierte Männer und in Krankenschwesterntracht gekleidete Frauen für den Fotografen. Im Vordergrund, auf dem Boden, liegen und knien Musiker, darunter der mit einem Kreuz gekennzeichnete Karl Knipp.
Drei Brüder aus der kinderreichen Familie waren vor knapp 100 Jahren zum Kriegsdienst herangezogen worden. "Sie haben alle überlebt", weiß Albrecht Stock. Karl, der Älteste, und seine Brüder Fritz und Wilhelm. Einer von ihnen war in Verdun, erlitt einen Beinschuss. "Mein Großvater kam von Trier nach Hermeskeil, aber im Sommer 1917 dann nach Aachen. Dort gehörte er zu einer Einheit, die Gefangenentransporte mit der Bahn durch ganz Deutschland organisierte. Und auf der Rückfahrt kam er dann häufiger zuhause vorbei, das belegen die Fahrkarten, von denen wir noch einige haben."
Besonders ans Herz gewachsen ist dem 70-jährigen Wahltrierer Albrecht Stock eine etwa zehn Zentimeter große Hohlgussfigur. Ein Soldat in voller Montur. Das Verblüffende: der kleine Metallsoldat gleicht nahezu vollkommen dem Mann auf dem alten Foto, das seinen Großonkel Fritz zeigt. Ein weiteres Foto zeigt alle drei Brüder, in Uniform vor Bäumen auf einer Wiese mit hohem Gras stehend.Wie es nach 1918 weiterging

 Kleiner Schatz: Das Soldbuch von Karl Knipp aus dem Jahr 1915, das sein Enkel Albrecht Stock hier zeigt.
Kleiner Schatz: Das Soldbuch von Karl Knipp aus dem Jahr 1915, das sein Enkel Albrecht Stock hier zeigt.


Wie es den jungen Männern im Krieg ergangen ist, welche Erlebnisse sie prägten, ist nicht überliefert. Auch nicht, ob die schwere Muskelerkrankung, an der Karl Knipp nach dem Krieg erkrankte, etwas mit diesen schweren Jahren zu tun hatte.
"Mein Großvater hatte Glück", ist Albrecht Stock dennoch überzeugt. "Er hat als Arbeiter bei einer Schneiderei eine feste Anstellung bekommen. Dadurch war nach seinem Tod 1935 die Rente für meine Großmutter besser." Diese lebte bis 1969. Sie habe viel von ihrem Mann erzählt, erinnert sich Albrecht Stock. "Und dabei war fast immer von der Kaiserzeit die Rede, obwohl sie noch einen Weltkrieg erlebt hat."
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volksfreund.de/wk1