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Mit dem Krieg begann die Diskriminierung

Der Ausbruch des Krieges im August 1914 war ein Schlag für die Deutschen, die seit Generationen in Russland lebten und speziell in der damaligen Hauptstadt St. Petersburg die wissenschaftliche und wirtschaftliche Elite prägten. Inna Ganschow

Während die deutschen Kolonisten an der Wolga die Feindseligkeit seitens der russischen Bevölkerung um diese Zeit überwiegend bei ökonomischen Kontakten außerhalb ihrer Kolonien spürten, da sie relativ geschlossen siedelten, erfuhren die hauptstädtischen Deutschen in ihrer direkten Nachbarschaft und bei anderen sozialen Kontakten eine deutliche Diskriminierung. Im Mai 1915 wurde ein Höhepunkt erreicht, das Entsetzen nach Frontmeldungen über den Einsatz chemischer Waffen äußerte sich in Pogromen gegen die deutschen und andere Unternehmer mit deutsch-lautenden Familiennamen. Vor Angriffen, allerdings nur verbalen, blieb nicht einmal die deutsch-stämmige russische Zarin Alexandra Fjodorowna verschont, die auf den Straßen als Spionin beschimpft wurde.
Zeitungs- und Polizeiberichte malen ein trauriges Bild der Plünderung deutscher Läden. Für viele Deutsche ist es ein deutliches Zeichen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen und der Aufforderung der russischen Regierung zu folgen, das Land zu verlassen.
Viele von ihnen haben entweder verwandtschaftliche Kontakte erhalten oder neue wirtschaftliche Beziehungen in Deutschland etabliert, was ihnen eine Auswanderung etwas erleichterte. Von den meisten wurde diese Auswanderung jedoch als Abschiebung empfunden, so beispielsweise von der Familie Wogau.
Die Wogaus hatten ein ganzes Kohl- und Immobilien-Imperium aufgebaut und waren nach Meinung der Zeitschrift Forbes 1913 eine der ersten fünf reichsten Familien Russlands. Am 31. Mai 1915 schreibt die Zeitung Moskowskie wedomosti über randalierende Petersburger, die unter anderem das Büro von Wogau & Co. zerstörten: "Die Hooligans haben Safes aufgebrochen, alle Unterlagen der Firma vernichtet und jegliches Bargeld entwendet.
In den Lagern der Firma wurden alle Waren gestohlen und anschließend, wie es sich gehört, die Gebäude in Flammen gesetzt. Der Gesamtverlust allein dieser Firma belief sich auf zwei Millionen Rubel."
Dabei war die Familie Wogau neben den wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten, die sie betrieben, in der Moskauer Stadtduma politisch aktiv und vor allem wohltätig.
Das deutsche Leben nahm von 1914 bis 1917 deutlich ab. Vereine und Kulturorganisationen stellten ihre Aktivitäten ein, aber der deutsche Geist hat St. Petersburg nie verlassen. Die älteste Schule, die Petrischule, die bereits 1709 für die Kinder der eingeladenen deutschen und holländischen Ingenieure, Ärzte und Flottenspezialisten gegründet worden war, hat nie aufgehört, den Unterricht auf Deutsch anzubieten. Ihre Absolventen haben die russische Wissenschaft, Medizin und Architektur weltweit berühmt gemacht.
Das historische Zentrum der damaligen Hauptstadt an der Newa ist von den Abiturienten der Petrischule architektonisch geprägt. Die Schule hat in über 300 Jahren unterschiedliche Namen und Nummern getragen, Deutsch war bald die einzig erlaubte Kommunikationssprache, bald wurde es nur verstärkt unterrichtet, aber im Volksmund war die Schule immer die "Petrischule", die hinter der "Kircha" liegt.
So machte die Geschichte ihre Runde und alles kam zurück: St. Petersburg statt Leningrad, Petrischule statt Schule Nr. 4 und der deutsch-russische Kulturdialog, der auch nach zwei Weltkriegen nicht aufhörte.
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volksfreund.de/wk1