"Nur bleiche Gesichter und blaue Lippen"

"Nur bleiche Gesichter und blaue Lippen"

Auf den Tag genau 20 Jahre liegt die Stadion-Katastrophe von Sheffield zurück, bei der 96 Fans des FC Liverpool ums Leben kamen. Augenzeuge Gary Burns erinnert sich.

Sheffield. Gary Burns wollte am 15. April 1989 live dabei sein, beim englischen Pokal-Halbfinale im nordenglischen Sheffield: Sein FC Liverpool musste gegen Nottingham Forest ran. Der damals 17-Jährige erlebte eine Tragödie, die ihn bis heute verfolgt: 96 Liverpool-Fans kamen im Hillsborough-Stadion ums Leben, auf der hoffnungslos überfüllten Tribüne an der Leppings Lane. Die (übersetzten) Auszüge aus Burns' Erinnerungen an eine der schlimmsten Sport-Tragödien der vergangenen Jahrzehnte sind kursiv gedruckt.

Vor dem Spiel. Tribüne an der Leppings Lane, Blöcke 3 und 4:

Als der Anstoß näher rückte, wurde es immer enger im Block. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, fühlte mich immer unwohler, hatte auch meine Kumpels verloren. (…) Irgendwo vor mir stand eine Frau. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich hörte sie schreien. Ein anhaltender, gellender Schrei: ,Lasst mich hier raus!'" Ich erinnere mich, wie vor dem Zaun ein Ordner vorbeiging. Einer hinter mir schrie: "Öffnet die Tore, hier sterben Leute!" (…) Vom Anstoß habe ich nichts mitbekommen.

Gary Burns war einer von über 3000 Menschen, die in den Stehplatz-Blöcken eingequetscht waren. Nach vorn und auch zum nur halbvollen Seitenblock hin versperrten über zwei Meter hohe Gitterzäune aus blauem Metall den Weg. Von hinten drängten derweil immer mehr Fans nach vorn.

Es war das seltsamste, surrealste Gefühl. Man steht im Freien, unter strahlend blauem Himmel und droht zu ersticken. Über uns eine Schicht aus heißer, stickiger Luft, wie ein unsichtbares Dach. Dazu ein Geruch, den ich noch nie erlebt hatte, ein beißender Gestank. Es roch nach Angst. Keine zwei Meter vor mir war die normale Welt, in der man normal atmen konnte. Aber sie schien mir tausend Meilen entfernt. (…) Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich über den Zaun kam. Irgendwie schaffte ich es auf die Laufbahn. Die frische Luft traf mich wie ein Schlag. Mir war heiß, meine Kleidung war durchnässt. (…) Später merkte ich, dass die Mannschaften schon den Platz verlassen hatten.

Um 15 Uhr wurde das Spiel angepfiffen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten Menschen tot, wie sich später zeigte. Nach sechs Minuten wurde die Partie abgebrochen. 94 Menschen kamen an jenem Tag ums Leben, zwei weitere starben später an den Folgen der Katastrophe. 766 Menschen wurden verletzt. Eine Sheffielder Turnhalle wurde zur Leichenhalle umfunktioniert. Das jüngste Opfer war der zehnjährige Jon-Paul Gilhooley, ein Cousin des heutigen Liverpool-Kapitäns Steven Gerrard.

Ich hatte noch nie zuvor eine Leiche gesehen. (…) Aber das hier war nicht wie in einem Hollywood-Film. Kein Blut, keine Wunden, keine sichtbaren Zeichen einer Verletzung. Nur bleiche Gesichter und blaue Lippen. (…) Die einzigen Leute, die ich helfen sah, waren Fans. Ich erinnere mich, wie Polizisten auf dem Platz einen Korridor bildeten, weil sie wohl immer noch dachten: Liverpool-Fans auf dem Rasen? Das wird wohl ein Platzsturm sein!

Einige Monate später ergab eine Untersuchung unter Aufsicht Lord Justice Peter Taylor, dass das Versagen der Ordnungskräfte und der Polizei der Auslöser der Katastrophe war: Durch die Öffnung eines Ausgangstores ohne Drehkreuze war der Druck auf den Mittelblock demzufolge noch weiter erhöht worden. Zudem seien die Tore zum Spielfeld viel zu spät geöffnet worden. Laut der englischen Tageszeitung "The Guardian" (Ausgabe vom Montag) wurden zudem Polizeiberichte nach der Katastrophe bewusst "geschönt". Zur Rechenschaft gezogen wurde bis heute niemand. Organisationen wie "Justice for the 96" (Gerechtigkeit für die 96 Toten) setzen sich weiterhin für die Opfer und deren Angehörige ein.

EXTRA

Sheffield und die Folgen: Der neun Monate nach der Hillsborough-Katastrophe veröffentlichte "Taylor-Report" hatte große Auswirkungen auf den Fußball: So verschwanden die Zäune aus den britischen Stadien. Auch die Stehplatz-Tribünen mussten aus den Arenen weichen. Bei internationalen Spielen auf Fifa- und Uefa-Ebene gilt inzwischen ebenfalls ein Stehplatzverbot. (AF)