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RADSPORT: "Nach 300 Kilometern voll im Himmel"

RADSPORT: "Nach 300 Kilometern voll im Himmel"

KAP ARKONA/MANDERSCHEID. (teu) Wie in einem "Geisterzug" fuhr Sebastian Blumentritt aus Manderscheid zusammen mit 150 anderen Radfahrern Tag und Nacht von Süden nach Norden durch Ostdeutschland.

Irgendwann nachts auf einer Landstraße irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern: "Kannst du mal aufhören zick-zack zu fahren?", fragt ein Radfahrer seinen Nebenmann. Sebastian Blumentritt schaut auf. Nur mit großer Konzentration kann er sein Rennrad geradeaus steuern. Bereits 400 Kilometer sitzt er im Sattel. Nonstop. Vom Fichtelberg im Erzgebirge, 1214 Meter hoch gelegen, soll es in weniger als 24 Stunden "hinunter" an die Ostsee gehen: 601 Kilometer. Als Kind las Olaf Schau von Radfahrern, die vom Erzgebirge an die Ostsee fuhren. Das wollte er auch machen. Die Idee zur "Fichkona" genannten Radtour war geboren. 1986, noch zu DDR-Zeiten, wagte Schau als damals 17-Jähriger einen ersten Versuch. Er benötigte zwei Tage und musste für Teilstrecken auf die Eisenbahn ausweichen. Doch sein Traum blieb. 1998 gelang es Schau zusammen mit fünf Begleitern zum ersten Mal, die Distanz in weniger als 24 Stunden zu bewältigen. In den Folgejahren gesellten sich immer mehr Radsportbegeisterte hinzu. "Es ist nicht so, dass man sich in ein Martyrium stützt", widerspricht Sebastian Blumentritt der Auffassung, man müsse masochistisch veranlagt sein, um eine solche Tortur zu überstehen. "Es bringt auch Spaß in der Gruppe. Es ist einfach, dass man etwas ausprobiert, was man nicht für möglich gehalten hat", sagt der Abiturient. Los geht es ja auch locker. Um 11 Uhr setzt sich der 150-köpfige Tross auf dem Fichtelberg in Bewegung. "Erst einmal geht es 20 Kilometer in rasender Abfahrt runter, aber dann kommt Hügelland", berichtet Blumentritt. Die erste Verpflegung nach 180 Kilometern ist nach etwas mehr als fünf Stunden erreicht. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 34 Kilometer pro Stunde. Die Hälfte ist geschafft, als es zu dämmern beginnt. "Nach 300 Kilometern war ich schon voll im Himmel: Nackenschmerzen und die Beine müde. Man merkt gar nicht mehr, was man eigentlich macht", sagt Blumentritt. Vor der Nacht habe er Angst gehabt. Nicht grundlos: "Es war sehr hart, weil die Müdigkeit irgendwann kommt. Und man kann nichts dagegen machen. Man kann versuchen, sich mit seinem Nebenmann zu unterhalten oder einen Energy Drink nehmen. Ich habe krampfhaft probiert, mich auf irgendetwas zu konzentrieren, aber das ging nicht", sagt Blumentritt. Von der Müdigkeit beeinflusst bleiben surrealistische Bilder von Radfahrern, die wie ein "Geisterzug" durch die Ortschaften Mecklenburgs rauschen, in seinem Gedächtnis. Als es hell wird, liegen noch 150 Kilometer vor dem gelernten Rettungssanitäter. "Einerseits sehr viel, andererseits wenig", meint der 23-Jährige. Wer so weit gekommen ist, gibt nicht mehr auf. Während der ganzen Fahrt hatte Blumentritt Lieder von Rosenstolz gehört. Als er um 9.30 Uhr zum Ziel abbiegt, hört er die Stimme von Sängerin Anna aus den Lautsprechern. "Liebe ist alles" heißt ein Lied der Gruppe. "So ist es auch mit dem Radfahren, auch wenn die Schlampen mal müde sind", sagt Sebastian Blumentritt in Anspielung auf einen anderen Titel der Band.