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So weit weg wie die Ritterzeit - Warum sich die Deutschen mit dem Gedenken an den Ersten Weltkrieg schwertun

So weit weg wie die Ritterzeit - Warum sich die Deutschen mit dem Gedenken an den Ersten Weltkrieg schwertun

Das Thema Erster Weltkrieg spielt in Schulen kaum eine Rolle. Trotzdem sei es wichtig, dass sich auch Jugendliche mit diesem Teil der Geschichte auseinandersetzten, sagt Diego Voigt. Er ist Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

In Frankreich und Großbritannien spielt das Gedenken an den Ersten Weltkrieg eine viel größere Rolle als in Deutschland. Warum das so ist, darüber sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit Diego Voigt, dem Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Herr Voigt, welche Rolle spielt in Deutschland die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg?

Diego Voigt: Der noch viel grausamere Zweite Weltkrieg überlagert natürlich in Deutschland das Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Weil aber im Ausland, etwa in Großbritannien oder Frankreich, der Erste Weltkrieg und die Erinnerung daran eine viel größere Bedeutung haben als bei uns, hat das mittlerweile auch auf Deutschland ausgestrahlt. Hierzulande hat man allerdings erst sehr spät damit angefangen, etwa Gedenkfeiern anlässlich des Kriegsbeginns vor 100 Jahren zu planen.

Woran liegt es, dass es in Deutschland keine echte Gedenkkultur im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg gibt - anders als etwa in Frankreich?

Voigt: In Frankreich heißt der Erste Weltkrieg bezeichnenderweise la Grand Guerre, der große Krieg. Die Kämpfe im Ersten Weltkrieg fanden überwiegend nicht in Deutschland statt. Auch hielt sich hier im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg die Zerstörung in Grenzen, ebenso die Zahl der Opfer. Anders in Frankreich: Dort gab es in den Kämpfen gegen Deutschland 1,7 Millionen Tote - und das bei einer erheblich kleineren Bevölkerungszahl in dem Nachbarland.

Trotzdem scheint der Erste Weltkrieg in vielen deutschen Familien nicht vergessen zu sein. Viele kramen jetzt im Zuge des Erinnerns Fundstücke aus dieser Zeit aus. Also ganz vergessen zu sein scheint der Krieg doch noch nicht.

Voigt: In der Tat. In deutschen Familien wurden die Kriegserinnerungen in Form von Orden, Uniformteilen, Fotos oder Feldpostbriefen bewahrt. Ich nenne das eine Kultur der Zigarrenkisten. Die Erinnerung wurde in Zigarrenkisten aufbewahrt. Dadurch haben auch die Jüngeren Gelegenheit, sich authentisch mit dieser Zeit auseinanderzusetzen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass sich Jugendliche mit diesem Teil der Geschichte ausein-andersetzen?

Voigt: Der Erste Weltkrieg ist für die jungen Leute so weit weg wie für mich und Sie etwa die Ritterzeit. Es gibt halt kaum noch einen authentischen Bezug dazu. Erst wenn ihnen klar wird, dass der Erste Weltkrieg vielleicht Bestandteil der Familiengeschichte war, gewinnt das Thema an Bedeutung.

Wie wird denn der Erste Weltkrieg in den Schulen thematisiert?

Voigt: Eine deutsche Schulklasse befasst sich mit dem gesamten Ersten Weltkrieg gerade mal zwei, höchstens vier Stunden. Daher bieten wir als Volksbund Rheinland-Pfalz laufend Fahrten zu dem Schlachtfeld von Verdun an. Dort kann man exemplarisch den ganzen Irrsinn des Krieges aufzeigen. Insgesamt müsste das Thema stärker in den Lehrplänen verankert werden. Denn es gilt immer noch: Aus der Geschichte für die Zukunft lernen.

Ihr Verband bietet ja neben Fahrten nach Verdun auch sogenannte Camps an, bei denen Jugendliche Kriegsgräberstätten pflegen sollen. Ist das noch zeitgemäß?

Voigt: Die Camps sind ausgebucht. Und das, obwohl die Jugendlichen während ihrer Ferien auf einer Kriegsgräberstätte arbeiten müssen, ohne dafür Geld zu bekommen - vielmehr: Sie müssen dafür bezahlen. Das zeigt, der Bedarf ist da. In den Camps lernen die Jugendlichen natürlich andere Länder abseits des normalen touristischen Programms kennen und können dabei Geschichte aufarbeiten. Natürlich sind es besonders interessierte Jugendliche, die dorthin mitfahren. wie