Streiten lernen

Streiten lernen

TRIER. Schlechte Stimmung, Streit, Stress, Vandalismus, Gewalt, Lästern und Ärgern – solche Verhaltensweisen vergiften in Schulen häufig das Lernklima. Ein Mittel dagegen ist, die Streitkultur der Kinder zu verbessern: Nicht dem Streit aus dem Weg gehen, sondern ihn konstruktiv zu lösen.

Schlagzeilen wie "Drogenfunde im Klassenzimmer" oder "Schüler stecken Kirche in Brand" zeigen, was sich an vielen Schulen wirklich abspielt. Doch oft wird darüber geschwiegen. Erpressungen zwischen den einzelnen Schülern mutieren zu Kavaliersdelikten, über Mobbing wird nicht gesprochen, obwohl es den schulischen Alltag eines manchen Jugendlichen oft Jahre beherrscht. In vertraulichen Gesprächen erzählt eine Grundschülerin über das "Abzocken", und ein Berufsschüler aus Hildesheim wird monatelang von Mitschülern misshandelt, ohne dass es jemand merkt. Ein innovatives Mittel gegen all diese Symptome, an denen das Schulklima krankt, ist es, die Streitkultur der Kinder zu verbessern: Nicht dem Streit aus dem Weg gehen, sondern ihn konstruktiv zu lösen. Gewaltpräventions-Projekte in Schulen zeigen Erfolg. Mediation wird mittlerweile als Interventionsform bei Konflikten akzeptiert und genutzt. Die Teilnehmer werden mit kommunikativem Basiswissen, Mediation und Konfliktbearbeitung vertraut gemacht. Damit sollen sie bewusst in Konflikte eingreifen und eigenes Verhalten bewusster einschätzen können. Sie sollen lernen, Auseinandersetzungen selbst zu lösen. Der Schlüssel dazu ist, den anderen verstehen zu lernen und danach auch in der Lage zu sein, das eigene Konfliktverhalten kritisch zu überdenken.Verständnis und Selbstkritik

Dabei werden ihnen Kompetenzen vermittelt, die ihnen bei dem Umgang mit Konflikten auch außerhalb der Schule und in ihrem späteren Leben helfen werden. In Rollenspielen lernen die Kinder, ihre Streitereien stufenweise zu lösen. Dieses Modell wird als Friedenstreppe dargestellt, auf der es "Aufstiegsmöglichkeiten" gibt, die den Streithahn jeweils dem oberen Treppchen (der Lösung) ein Stück näher bringen. Indem zum Beispiel die Schüler den Konflikt aus der Sicht des anderen schildern, wird ein Perspektivwechsel vorgenommen. Die Kinder und Jugendlichen trainieren, Gefühle zu verbalisieren und sich anderen gegenüber verständlich auszudrücken. Ein trauriges Krokodil-Kuscheltier zu trösten, gehört genauso dazu, wie die Beschreibung des eigenen Gefühlslebens. Mit Comic-Figuren und Handpuppen können stellvertretend verbale Aggressionen ausgelebt werden. Auf der Friedenstreppe gelten Gesprächsregeln, die es den Kindern erleichtern, aktives Zuhören zu erlernen. Das sind unter anderem "ausreden lassen" und "keine Beleidigungen". Inhalte der Ausbildung sind außerdem die Unterscheidung zwischen Konflikt und Gewalt, Sensibilisierung für Konfliktgeschehen und Eskalationen, das Erkennen von für die Mediation geeigneten und ungeeigneten Fällen, Sensibilisierung für geschlechtsspezifisches Verhalten, Kenntnis von Deeskalationsstrategien und Kommunikations-Kompetenzen allgemein. Die Begeisterung der Schüler zeigt deutlich positive Trends. Die Rückkehr zu "alten Werten" gewinnt immer mehr an Bedeutung. Ein Mediationsprogramm dauert ein Jahr und wird im Idealfall auch danach weiterentwickelt. Netzwerke und regelmäßige Treffen der Schüler-Streitschlichter ermöglichen einen regionalen Austausch untereinander. Ina Simon hat eine Praxis für Psychotherapie und Mediation in Saarburg ( www.ina-simon.de). Als Gastautorin schreibt sie regelmäßig im Trierischen Volksfreund.