Unverhofftes Familientreffen in Verdun

Unverhofftes Familientreffen in Verdun

Drei Geschwister im Krieg. Sie treffen sich völlig überraschend in Frankreich: in einem Lazarett bei Verdun. Einer der Brüder wird kurze Zeit später für tot erklärt, überlebt aber. Das sind Geschichten des Ersten Weltkriegs.

Igel. Willi Schaack ist ein freundlicher und gut gelaunter Mann. Der 86-Jährige lebt in Igel, kennt als "Trierer Jung" und Zollbeamter jede Menge Leute. Ein Foto von sich will er dennoch nicht in der Zeitung sehen. "Sonst denken die noch, ich will mich wichtig tun."
Es sind die Fotos, die seinen Vater zeigen, die er zur Geltung bringen will, Michael Schaack, 1884 geboren in Wallendorf in der Eifel, gestorben 1952 in Trier. Und es ist die Geschichte von seinem Onkel Paul, die er erzählen will. Und von seiner Tante Marie, die bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Belgien heiratete. Die drei Geschwister haben sich einst mitten im Krieg getroffen, unverhofft, in einem Lazarett bei Verdun, dem blutigsten Schlachtfeld jener Zeit.
"Mein Vater und mein Onkel waren damals verletzt worden", sagt Willi Schaack, "meine Tante arbeitete als Helferin in der Klinik."
Wie genau das Treffen verlief, weiß der rüstige Senior nicht. "Mein Vater hat nie über seine Verwundung oder den Krieg gesprochen. Und auch von meinem Onkel war nichts zu erfahren." Willi Schaack hat also nach seiner Pensionierung intensiv recherchiert, Urkunden und Schriftstücke gesammelt und penibel geordnet.Todesurkunde erreicht Eltern

Orden von Michael Schaack. TV-Foto: Rainer Neubert.


In einer der abgehefteten Klarsichthüllen ist die Todesurkunde von Onkel Paul zu finden, die am 4. Mai 1915 an dessen Eltern geschickt worden war. Darauf vermerkt in sachlicher Sprache die Nachricht, dass Paul Schaack bei Mouton an den Folgen seiner Verletzungen gestorben sei. "Vermutlich ging damals in der Heeresverwaltung so einiges schief", vermutet Enkel Willi. Denn er hat auch ein Schreiben vom 25. November 1915, in dem die Todesnachricht widerrufen wird. "Mein Onkel hatte sich nach seiner Verwundung in den Urlaub begeben, was wohl irgendwie nicht richtig registriert worden ist."
So überlebten alle drei Geschwister den ersten der Weltkriege. Michael Schaack, der ursprünglich das Schreinerhandwerk gelernt hatte, arbeitete dann bei Post und Finanzamt. "Er hat vom Krieg nichts erzählt, war sehr religiös und später auch in der Partei", erzählt der Sohn, der im Zweiten Weltkrieg selbst mit 17 Jahren Soldat wurde und die Zeit von April 1944 bis Weihnachten 1948 in französischer Gefangenschaft verbrachte.
Ein ähnliches Schicksal habe auch der Schwiegersohn seiner Tante Marie erlebt, der als Belgier in deutsche Gefangenschaft geriet. "Meine Tante hat dann Onkel Paul gebeten, ein Paket an ihn weiterzureichen. Das ist aufgeflogen. Er hatte noch Glück, dass er wegen Wehrkraftzersetzung lediglich eine Geldstrafe zahlen musste."
Paul Schaack starb 1979. Mit 89 Jahren wurde er von den drei Geschwistern am ältesten. Marie starb bereits 1948. Michael Schaack wurde 68 Jahre alt.
volksfreund.de/weltkrieg