Vom Alltag ausgebrannt

TRIER. Vier Kinder, Beruf, gute Ehefrau, Tip-Top-Haushalt. Und, und, und. Vor fünf Jahren war Andrea Hansen am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Lösung: In einer Mutter-Kind-Kur lud sie ihren völlig leeren "Akku" wieder auf. "Diese Möglichkeit müsste jede Mutter haben", findet Hansen.

Einfach zu viel: Um alles hat sich Andrea Hansen gekümmert. Um die vier Kinder, den Haushalt, den Ehemann, Freundschaften, . . . Nur sich selbst habe sie bei allem vergessen. "Unser Nesthäkchen Lotta war noch klein, und plötzlich konnte ich keine Legosteine mehr fallen hören", sagt die 42-Jährige.Im dicksten Schlamassel die Ärmel hochkrempeln

Schon mehrmals hatte ihr eine Freundin ans Herz gelegt, eine Mutter-Kind-Kur zu beantragen. Doch Andrea Hansen ist wie viele Mütter: Auch im dicksten Schlamassel krempelt sie die Ärmel hoch und denkt, dass es schon irgendwie gehen wird. "Außerdem hatte ich Angst vor dem ganzen Formularkram, und ich dachte mit Schrecken an das ganze Zeug, was ich für die Kinder und mich mitschleppen müsste." Und was wäre, wenn die Kinder - "wie man so häufig hört" - krank würden? Doch als dann gar nichts mehr ging, gab es nur eine Lösung: Andrea Hansen stellte einen Kurantrag. Eine Beraterin half, die Kur wurde genehmigt und die vierfache Mutter und ihre Kinder fuhren los, raus aus dem Alltagstrott, Richtung "Tankstelle". In persönlichen Gesprächen wurde schnell klar, dass Andrea Hansens Burn-Out-Syndrom nicht in einer Fehlorganisation begründet ist, sondern darin, dass sie ihre Ansprüche zu hoch schraubt. "Das hat das Ausgebranntsein gefördert." Der innere Antrieb, in allen Bereichen perfekt zu sein, habe zu der Überlastung geführt. "Das Fatale ist auch, dass mir das Problem nicht auf der Stirn geschrieben steht. Aber innen brodelte es." In der Kur lernte Andrea Hansen, besser für sich selbst zu sorgen. Konkret heißt das: Grenzen frühzeitig zu stecken, Zeit für sich zu finden und die Ansprüche herunterzuschrauben. Sie sei durch die Anwendungen körperlich fitter geworden, und schon der Umstand, sich eine Zeit lang an einen gedeckten Tisch setzen zu können, habe verschüttet geglaubte Glückshormone freigesetzt, sagt Andrea Hansen. Zu Hause hätte sie das nicht hin- bekommen, ist sie sich sicher. "Der Abstand und die Zeit, die man in einer Kur findet, sind wichtig. Bereits durch das Wegfahren lernt man, was viele Mütter nicht können und was wichtig ist: Loszulassen." Noch heute profitiere sie von der Auszeit, die ihr den Weg aus dem Teufelskreis von Überlastung und Krankheit gezeigt hat."Heute ist Zeit für mich"

Das Erlernte fortwährend umzusetzen, sei nicht einfach. Nach einer gewissen Zeit schleiche sich die Gewohnheit wieder ein. Doch Andrea Hansen ist wachsamer geworden. Sie zieht die Notbremse früher. Dann macht sie ihren Lieben klar: "Heute ist Zeit für mich." Oder, wenn ihr bewusst wird, dass sie wieder einmal wie aufgescheucht durch den Supermarkt rennt, muss sie manchmal über sich selbst lachen und macht einen Schritt langsamer. "Das geht auch und genauso schnell." Die Mutter-Kind-Kur sei für sie und ihr Familienleben sehr wichtig gewesen. "Eine Kur müsste Frauen und Kindern regelmäßig zustehen." Doch das Gegenteil ist zurzeit der Fall. Immer mehr Kurhäuser schließen, und immer mehr Kuranträge werden abgelehnt. Das bringt Andrea Hansen auf die Palme. Noch heute geht sie regelmäßig zur Nachsorge. Sie trifft sich mit Frauen, die, wie sie, auch nach Jahren noch von der Kur zehren. "Wir sind ein netter Kreis von acht Frauen, die alle im gleichen Boot sitzen, haben jede Menge Spaß zusammen und erinnern uns an das Erlernte." Die Gruppe sei sich einig: "Das Muttersein ist nicht das Problem, ist keine Krankheit. Mütter sind lediglich zahlreichen Belastungen ausgesetzt, die krank machen." Weitere Informationen zu Mutter-Kind-Kuren im Internet unter der Adresse www.muettergenesungswerk.de * Der TV stellt an dieser Stelle regelmäßig den Alltag der sechsköpfigen Trierer Familie Hansen vor.

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