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Wenn Angst das Leben bestimmt

Panikattake: Angststörungen können unbehandelt lebensbestimmend werden.Foto: Katja Krämer
Panikattake: Angststörungen können unbehandelt lebensbestimmend werden.Foto: Katja Krämer
TRIER. Herzrasen, Schweißausbrüche, Ohnmacht: Von einem Tag auf den anderen erkrankten Marion Thieltges und Beate Koch an einer Angst- und Panikstörung. ARRAY(0x1f1ab3af0)

Bekannte konnten nicht verstehen, dass die Frau, die immer alles im Griff hatte, plötzlich Feste früh verließ und ihre Arbeit kündigte. Sie ahnten nicht, was die 43-Jährige durchmachte. Mit Herzrasen, Atemnot und Schweißausbruch kämpfte sie zum ersten Mal am 17. Hochzeitstag. Es sollte ein schöner Abend werden. Bevor der Kellner das Essen serviert hatte, brach Marion Thieltges zusammen. "Der Kreislauf", sagte der Arzt. Die Frau war körperlich gesund, doch innen brodelte es. Die Angst begleitete sie ständig."Ich bin oft Karussell gefahren"

Schwindel und Kollapse wiederholten sich: "Ich bin oft Karussell gefahren." Sie verbrachte die meiste Zeit im Bett oder rannte von Arzt zu Arzt und wehrte sich gegen die Einnahme von Antidepressiva: "Die Angst geht nicht mit Tabletten weg." Als sie in der Notaufnahme landete, bestand ihr Mann darauf, dass etwas passieren müsse. Marion Thieltges begann eine Therapie, und die Krankheit bekam einen Namen: Angst- und Panikattacke. Beim Gespräch mit einem Psychologen hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass ihr jemand gegenüber sitzt, der sie versteht. "Von diesem Tag an ging es bergauf." Es sei wichtig gewesen, an die Hand genommen zu werden. In der Firma schenkte sie reinen Wein ein und kündigte. Heute nimmt Marion Thieltges sich oft Auszeiten vom "ewigen Geben", einem der Faktoren, der ihre Seele krank machte. Während der Therapie wird deutlich, dass es viele Gründe für die Angstattacken gibt: "Mein Körper konnte nicht mehr, und unverarbeitete traumatische Erlebnisse kochten innerlich hoch." Nach und nach setzt sich ein Puzzle zusammen, das sie mit dem Therapeuten anschaut. Durch die Therapie und Atemtechniken, mit denen sie den Körper ruhig stellt, bekommt Marion Thieltges die Angst besser in den Griff. Regelmäßige Treffen mit einer Selbsthilfegruppe helfen: "Endlich sitzen Leute um mich herum, die mich verstehen." "Man kann erreichen, mit der Angst zu leben", sagt auch Beate Koch. Sie hat einen jahrelangen Horrortrip hinter sich. Jahre vergingen, bevor sie sich jemandem anvertraute. Sie fürchtete, nicht verstanden oder von ihrem Partner verlassen zu werden: "Ich schämte mich." Ihren Beruf gab sie auf und suchte sich einen Job als Putzhilfe. "Wenn die Panik kommt, kann ich raus gehen." Sie schaffte sich Fluchtwege. Mit psychologischen Ratgebern hielt sie sich halbwegs über Wasser. Mit dem totalen Zusammenbruch brachte ein Arzt sie auf den richtigen Weg: Endlich fand sie, auf 43 Kilo abgemagert und seelisch am Ende, ein Ventil: Sie macht eine Therapie und eröffnet ihrem Partner, dass sie an Panikattacken leidet.Ihr langes Schweigen sei keine Ausnahme. "Die meisten Betroffenen reden nicht darüber, Angst gilt als Schwäche", weiß Beate Koch. Heute sprechen die Frauen offen über ihre Angst. "Plötzlich hat der Mann der Kollegin es, die Tochter einer Bekannten", so Marion Thieltges.