Wenn das ABC zum Albtraum wird

Wenn das ABC zum Albtraum wird

WITTLICH. Wenn durchschnittlich begabte - oftmals hoch begabte - Schulkinder Schwächen beim Lesen oder Schreiben haben, kann es sich um Legasthenie handeln. Damit Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche frühzeitig gefördert werden können, fordern Fachleute Routinetests in Grundschulen.

"Meist fällt das bei Kindern zum Ende des ersten Schuljahrs auf, wenn sie ganz einfache Laute nicht schreiben können oder Schwierigkeiten haben, sich Buchstaben zu merken", sagt Barbara Flohr, Legasthenie-Therapeutin aus Dreis. Ursache für derartige Schwierigkeiten sei bei den Kindern eine teilweise Funktionsstörung einzelner Wahrnehmungsbereiche wie Sehen oder Hören. Derartige Störungen hätten in den letzten Jahren zugenommen, sagt Renate Jarosch, Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Landesverbands Legasthenie. Bei einer insgesamt unauffälligen Entwicklung weichen die betroffenen Kinder deutlich in bestimmten Bereichen ab, wie im Lesen, in der Rechtschreibung, in der Sprache, räumlichen Wahrnehmung oder Feinmotorik. Die Koblenzer Therapeutin Jarosch spricht davon, dass die Zahl der Betroffenen zugenommen hat. Obwohl es keine gesicherten statistischen Werte gibt und die Dunkelziffer sehr hoch ist, glaubt sie, dass bis zu fünf Prozent aller Schulkinder in Deutschland legasthen sind. Die Versorgung der kranken Kinder sei nicht optimal, es fehlten Therapeuten. Auch die schulische Förderung ließe sehr zu wünschen übrig, sagt Jarosch. Der richtige Umgang mit Legasthenie sei nicht genereller Bestandteil der Lehrerausbildung. Mit "diagnostischen Bilderlisten" könnten einfache Routine-Tests bei Grundschülern gemacht werden.Drei plus drei plus drei plus drei plus drei

Auch die Dyskalkulie - eine Rechenschwäche -, die wie Legasthenie genetische, soziale oder geburtsbedingte Ursachen haben kann, sei in der Öffentlichkeit vernachlässigt worden. "Kinder mit einer Rechenstörung rechnen beispielsweise nicht fünf mal drei, sondern drei plus drei plus drei plus drei plus drei", sagt Jarosch. Noch länger als legasthene Kinder könnten Kinder mit einer Dyskalkulie ihr Problem kaschieren. "Die Psyche ist noch stärker bedroht als bei Legasthenikern", sagt die Expertin. Oft gingen mit der Legasthenie und Dyskalkulie Begleitstörungen wie Angst, Depressionen, Sozialverhaltensstörungen oder das so genannte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) einher, sagt der leitende Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Mutterhaus Trier, Alexander Marcus. Dann nämlich, wenn das Kind wegen seiner Schwäche von Mitschülern gehänselt und dadurch entmutigt werde oder Schule und Eltern Druck ausübten. Was also tun? Auf einem immer unübersichtlicheren Markt existierten vielfältige Angebote mit hoffnungsvollen Versprechungen, deren Einlösung bezweifelt werden müsse, glaubt Therpeutin Flohr. Für Therapieansätze in der Legasthenie bedeute das: gezieltes und systematisches Auseinandersetzen mit der Schriftsprache, eine ausführliche Förderdiagnostik und ein schrittweiser Aufbau der Schriftsprache mit so genannten selbst-kontrollierenden Strategien.Kassen zahlen nicht immer

"Ein routinemäßiger Test in Grundschulen wäre wünschenswert", sagt auch Flohr. Wenn Defizite erkannt und von anderen Ursachen abgegrenzt würden, könne eine gezielte Förderung beginnen. Allerdings ist die Legasthenie, die medizinisch als Erkrankung gilt, bei den Krankenkassen nur teilweise als Krankheit anerkannt, Betroffene können nur unter bestimmten Voraussetzungen Zuschüsse für ihre Therapien erwarten. Weitere Informationen zum Thema Legasthenie im Internet unter www.legasthenieverband.org.

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