Wie der Weltkrieg in Gerolstein begann

Wie der Weltkrieg in Gerolstein begann

Im Jahr der Mobilmachung Deutschlands, im Sommer 1914, wurde das beschauliche Gerolstein zu einem Knotenpunkt für den militärischen Nachschub. Das zeigen die Aufzeichnungen des Apothekers Ferdinand Winter, die im Eifelvereinsblatt zu finden sind.

Gerolstein/Chatham. Die aus der Region stammende Sabine Christodoulou wohnt seit langem in Chatham in Großbritannien, verfolgt aber immer noch das Geschehen in der Region über das Internet. So fand sie auch den Aufruf des Trierischen Volksfreunds an seine Leser, Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg zu melden.
Ihr Großvater war Ferdinand Winter, der im vergangenen Jahrhundert eine Apotheke in Gerolstein besaß und zudem als Chronist für den Eifelverein tätig war. Zu Beginn des Krieges war Winter im Urlaub, in den Südtiroler Dolomiten: "In den Bergen drangen nur unbestimmte Gerüchte an unser Ohr, der Landesrat beschwichtigte mit großen Plakaten die vielleicht besorgten Fremden, erst in Bozen ergriff uns der große Ernst der Lage. Wir beschlossen die sofortige Abreise." Winter beschreibt die Stimmung in Bozen: "Die Volksmenge umwogte und umbrandete uns unter den Klängen patriotischer Weisen und Lieder. Es war wie eine große Familie, jeder kannte den anderen, als wenn alle Schranken und Standesunterschiede verwischt wären und aus vielen Frauenaugen sah man die Tränen rinnen."
Als Winter in Gerolstein ankam, ging er sofort zum Bürgermeisteramt, um sich in der Landstammrolle anzumelden, jener Liste also, in der die Wehrpflichtigen gesammelt werden. Gerolstein scheint wie verwandelt: "Auf der Munterley nimmt ein Zug des hier liegenden Eisenbahn-Regiments Stellung, um Fliegerangriffe auf die Bahnanlagen abzuwehren (…) Aus dem Industriegebiet werden Hunderte von Eisenbahnbeamte zur Bewältigung des riesigen Eisenbahnverkehrs herangezogen, Zug um Zug rollt heran, Tag und Nacht. Zehntausende werden täglich in der rasch aufgeschlagenen Kriegsverpflegungsanstalt gespeist.
Keinerlei Verwirrung entsteht in dem Riesenbetrieb, es war eben alles vorbedacht und geht daher wie am Schnürchen." Durch Gerolstein führte damals schon die Eisenbahnlinie Köln-Trier, die eine strategisch bedeutende Achse war, um den Truppen, die gegen Frankreich marschierten, den Nachschub zu gewährleisten. Folgt man Winters Aufzeichnungen, wird deutlich, wie sehr auch die Bevölkerung das Militär unterstützt hat: "Unsere Soldaten sollen nicht hungern, sagten die Eifelbauern, und schleppten Wagen herbei, beladen mit Brot, Eiern, Schinken und sonstigen guten Sachen."
Auch an den Bahnsteigen seien große Kessel für Suppe und Kaffee aufgestellt. Zudem habe die Militärverwaltung auf dem Gelände des Gerolsteiner Sprudels eine Etappenfeldbäckerei errichtet. Dort würden 200 Bäcker Tag und Nacht im Durchschnitt 12 000 Brote täglich backen.
Winter schließt seinen Eintrag im Eifelvereinsblatt mit den patriotischen Sätzen: "Aber wir wollen auch weiterhin unverzagt unsere Pflicht tun, auf das hoffentlich in nicht zu ferner Zeit der Tag kommen möge, wo auch wir, wie unsere zu den Übungen ausziehenden Rekruten tatsächlich es singen das Lied: Auch dieser Feldzug, er geht vorüber; dann soll die Hochzeit sein - in Gerolstein." hpl

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