Zappelphilipps unstete Geschwister

Zappelphilipps unstete Geschwister

TRIER. Fast jedes zehnte Kind leidet an Aufmerksamkeitsstörungen oder am "Hyperkinetischen Syndrom", bekannt als "ADS" oder "ADHS". Für Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität machen Mediziner in erster Linie eine biochemische Funktionsstörung bei der Signalübermittlung im Gehirn verantwortlich.

Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann stellte in seinem Buch "Der Struwwelpeter" im Jahr 1845 erstmals das Phänomen des "Zappelphilipps" dar. Erst seit 1987 gibt es die medizinische Bezeichnung ADHS. Deren Merkmale sind Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Schwierigkeiten bei Wahrnehmung, Verarbeitung und Speicherung von Informationen. "Die von ständiger innerer Unruhe getriebenen Kinder können ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Wesentliche fokussieren. Sie sehen in einem Winkel von 360 Grad um sich herum alles gleichzeitig", sagt Christine Wiegand, Kinder- und Jugendpsychologin aus Trier. Das werde in der Schule zum Problem, denn die Kinder läsen nicht aufmerksam, arbeiteten nicht gründlich und überprüften ihre Ergebnisse nicht. Weitere Symptome wie ziellose motorische Hyperaktivität können auftreten - vor allem bei Jungen, die fünf- bis neunmal so häufig betroffen sind wie Mädchen. ADHS-Kinder fallen oft durch unberechenbares, impulsives Verhalten, starke Stimmungsschwankungen und eine niedrige Frustrationsschwelle auf. Auch leiden sie unter einem geringen Selbstwertgefühl, Mutlosigkeit oder Realitätsverlust und werden durch ihr dissoziales Verhalten leicht zu Außenseitern. "Alle Verhaltensauffälligkeiten können auch andere Ursachen haben. Die Abgrenzung ist schwierig", sagt Wiegand. Auch Marie-Luise Ipach, Leitende Kinder- und Jugendärztin bei der Kinderfrühförderung in Trier, betont: "Die Diagnose ADHS ist bei extremer Ausprägung leichter zu stellen als bei weniger starker Symptomatik, bei der es sich um geringe Abweichungen vom Normverhalten handeln kann." Beide Expertinnen sind sich einig, dass Verhaltensabweichungen heute durch die visuelle Reizüberflutung der Kinder gefördert werden.Klare Strukturen für den Tag

Auch in der Erziehung lägen mögliche Ursachen einer Erkrankung. Eltern sollten bei der emotionalen Zuwendung konsequent sein und ihren Kindern klare Strukturen schon bei der Regelung des Tagesablaufs bieten. Besteht ein begründeter Verdacht auf ADHS, muss zunächst durch einen Intelligenztest eine Minder- oder Hochbegabung ausgeschlossen werden. Um ein umfassendes Bild zu bekommen, werden Eltern, Lehrer und Erzieher befragt, Schulzeugnisse ausgewertet und vorgeburtliche Ereignisse, wie etwa Störungen im Schwangerschaftsverlauf, untersucht. "Sehr aufschlussreich sind Selbstbeurteilungs-Fragebögen für Elf- bis 18-jährige", sagt Wiegand. "Eine gründliche Diagnose ist sehr wichtig, um emotionale Fehlbela-stungen und tiefenpsychatrische Wurzeln zu erkennen", sagt Kinderärztin Ipach. Aus der Gesamtschau, die Auffälligkeiten schon seit mindestens sieben Jahren und in mindestens zwei Lebensbereichen belegen muss, wird eine Therapie abgeleitet, die auch die Eltern einbezieht. Die Hauptsäulen sind Verhaltenstraining und die Beratung aller Beteiligten über das Festlegen von allgemeingültigen Strukturen und klaren Grenzen. "Um die Funktion der nicht optimal wirkenden Transmitter im Gehirn zu normalisieren und damit das Kind für eine Verhaltenstherapie fähig zu machen, kann in ausgeprägten Fällen Methylphenidat gegeben werden, das als Medikament unter dem Namen Ritalin oder Medikinet bekannt ist", sagt Ipach. Die Entscheidung liege bei den Eltern. Der Einnahmeverlauf müsse aber ärztlich geführt werden. Eltern sollten nicht selbst mit Medikamenten experimentieren. Ratsuchende in Trier können sich an die Kinderfrühförderung und Elternberatung Luxemburger Straße 144, Telefon 0651/828610, wenden. Dort gibt es eine Selbsthilfegruppe.