Auch Dächer haben Augen

Auch Dächer haben Augen

Was war das früher immer aufregend, wenn Oma oben in den Mansarden aufräumte. Nicht nur wegen der spannenden Sachen, die da unter Staub und weißen Tüchern hervorkamen. Durch die kleinen Dachfenster, die wie viereckige Augen aussahen, sah die Welt ganz anders aus, viel kleiner. Dafür waren die Wolken plötzlich ganz nah und die Sonnenstrahlen zwinkerten von der Seite. Ja wirklich: Auch Dächer haben Augen.

Besonders bei alten Häusern stehen sie oft selbst wie kleine Häuser aus den Dächern heraus. Andere dieser Dach augen sehen aus, als hätten sie geschwungene Augenbrauen oder als ob sie gerade die Augenbrauen hochziehen würden.

Wie schon gesagt: Solche Fenster gehörten früher zu den sogenannten Mansarden. Das sind die Dachräume dahinter. Am Anfang waren die Dächer geschlossen. Man begann, sie aufzubrechen und Fenster einzusetzen, als man anfing, in Dächer Wohnräume einzubauen. Das war vor gut 300 Jahren. Die Räume wurden "Mansarde" genannt.

Das Wort kommt vom Namen des französischen Architekten François Mansart und seines Neffen Jules, die in ihren Gebäuden in Paris Unmengen solcher Mansarden einbauen ließen. Anfangs haben nur arme Leute in solchen Dachzimmern gewohnt. Später wurden die kleinen gemütlichen Zimmer unterm Dach richtig modern. Maler haben sie gemalt und Schriftsteller haben darüber Gedichte geschrieben. Und sogar der berühmte Dichter Johann Wolfgang von Goethe hat in seinen Erinnerungen vom hellen Licht geschwärmt, das durch sein Mansarden-Fenster ins Zimmer fiel. Er hatte mal wieder recht. Nicht nur wegen der Fenster: Inzwischen weiß jeder, wie schön Dachräume sein können.

Manchmal werden auch heute noch Mansarden-Fenster gebaut. Aber meistens werden sie von modernen Dachfenstern abgelöst. Wer am Sonntag zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann mal schauen, wie viel unterschiedliche Arten von Fensteraugen es gibt. Da kann man nur staunen. Manche Dächer sind richtig vieläugig, manche haben schöne Augen und manche ganz langweilige, genauso wie Menschen. Eva-Maria Reuther