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Bis dass der Videorecorder uns scheidet

Nicht nur im Studio in Köln, sondern auch in Trier gibt's eine Lindenstraße, wie TV-Redakteur Roland Morgen (42) zeigt.
Nicht nur im Studio in Köln, sondern auch in Trier gibt's eine Lindenstraße, wie TV-Redakteur Roland Morgen (42) zeigt. FOTO: Foto: Christiane Wolff
An diesem Wochenende läuft die 1000. Folge der Fernsehserie "Lindenstraße" Bennarsch, Schildknecht, Kling, Rantzow, Sperling, Beimer, Pavarotti, Griese, Steinbrück, Zimmermann, Nossek. Das ist nicht etwa die großdeutsche Fußball-B-Nationalmannschaft von 1938.

Bennarsch, Schildknecht, Kling, Rantzow, Sperling, Beimer, Pavarotti, Griese, Steinbrück, Zimmermann, Nossek. Das ist nicht etwa die großdeutsche Fußball-B-Nationalmannschaft von 1938. Es sind elf Namen von Verblichenen aus der Lindenstraße, die ich aus dem hohlen Bauch heraus aufzählen kann. Ich kenne mich schließlich aus; bei längerem Nachdenken würden mir mindestens nochmal so viele einfallen, die der Sensenmann und/oder Produzent Hans W. Geißendörfer von der Mattscheibe entfernt haben. Ja, und ich bekenne mich dazu, mir diese Serie seit anno 1985 anzutun. Von bislang 999 Folgen sind mir allerhöchstens acht oder neun durch die Lappen gegangen - technisches Versagen (des Videorecorders). Einmal dabei, nie wieder losgekommen. Folge 1 war für mein Dafürhalten so unterirdisch übel, dass ich glaubte, Teil eines großen Geheimexperiments zu sein: Geißendörfer wollte die geistige Strapazierbarkeit des Fernsehpublikums testen. Als aber auch nach der zehnten Folge nicht Kurt "Verstehen Sie Spaß" Felix hinterm Fernsehschrank auftauchte um mir zu erklären, er hätte gerade meinen ungläubig blöden Gesichtsausdruck gefilmt, da dämmerte mir: Die vom WDR meinen das ernst. So also sieht öffentlich-rechtlich-föderalistische bundesdeutsche Fernsehunterhaltung aus. Ein mutiges Gegenprogramm zu den Reagans, Thatchers, Kohls, Drombuschs und Dr. Brinkmanns jener Tage. Und von mir als Gebührenzahler mitfinanziert - ein guter Grund, bei der Stange zu bleiben. Zum Aussteigen war es da aber ohnehin schon längst zu spät für mich. Die exorbitante Anhäufung unsäglicher Nervensägen - lange bevor die Privatsender das Konzept begierig aufgriffen und multiplizierten - strahlte eine eigentümliche Faszination aus. Einmal Ekelpakete wie Robert Engel und Phil Seegers oder die diversen kollektiven Hormonschübe nicht mitzuerleben, hieß und heißt, wirklich was zu verpassen. Für unsereins, der ja dauernd malocht und deshalb zwingend auf die spätabendliche Video-Konserve angewiesen ist (manchmal vier Folgen im Multipack!), ist die Lindenstraße auch aus Gründen der Zeitökonomie eine prima Sache: Sie bedient fast sämtliche Genre-Vorlieben, die einst Flipper, Commander McLane und seine Raumpatrouille-Orion-Crew, die Bonanza-Jungs, Stanley Beamish und Hausboot-Mädchen Tammy geweckt hatten. In der Lindenstraße gibt es alles - und zwar kompakt: Fantasy (Männer helfen im Haushalt), Science Fiction (noch mehr Männer im Haushalt), Wildwest (Klausi Beimer ballert Bernd Nossek blind), Herzschmerz (Carsten Flöter heiratet Theo Klages) und - na ja, zugegeben: Tiere kommen eher etwas kurz. Sieht man mal von überdimensionalen inneren Schweinehunden ab. Und abgesehen von "Rehlein" und "Taube", aber das sind ja auch nur Kosenamen Immerhin kommt die Abteilung "angewandtes Brauchtum" nicht zu kurz. Beispiel gefällig? Immer und immer wieder gehen Wohnungsinhaber auf das stets selbe ätzende Klingelgeräusch hin zu Tür, öffnen ohne durchs Guckloch zu sehen und stehen urplötzlich ungebetenem Besuch gegenüber, der sich nicht telefonisch angemeldet hat. Ex-Pfarrer Matthias Steinbrück, der einzige, der (rhetorisch) fragend "Stör ich?" die Fremdwohnungen zu betreten pflegte, wurde in Folge 507 (im Sommer 1995) mit einer Bratpfanne erschlagen. Jede Menge angenehme Überraschungen

Benno Zimmermann hingehen starb bereits 1988 an Aids. Vielleicht, weil ein gewisser Dieter G., damals Redakteur beim Trierischen Volksfreund , in einem so genannten kritischen Beitrag für die TV -Fernsehseite den symbolischen Zeigefinger erhoben und allen Ernstes bezweifelt hatte, dass Fernsehsendungen das Thema Aids behandeln dürfen? Herr G. als Moralapostel - das war so lachhaft wie die "Spanische Inquisition" bei Monty Pythons Flying Circus, allerdings ganz und gar nicht so lustig gemeint. Aber die Lindenstraße bescherte mir auch jede Menge angenehmer Überraschungen der lokalkolorierten Art. Etwa, als die aus Trier stammende Band "Material Boiz" (die ganz früher "Sev'n Inch" hieß) mal einen Gastauftritt hatte. Oder als Ex-Stadttheater-Schauspielerin Susanne Evers (die Ossi-Suse Suzanne Richter) sich als festes Lindenstraßen-Ensemble-Mitglied etablierte. Nach fast 20 Lindenstraßen-Jahren zehre ich von der Gnade der frühen Geburt. Jung-Seher und Neueinsteiger kann ich mit meinen profunden Serienkenntnisse zutiefst beeindrucken. Wer weiß denn noch, wer Joschi Bennarsch war? Ich! Risiken und Nebenwirkungen? Als bekennender Lindenstraßen-Freak habe ich natürlich klare Erwartungen an die Folgen 1001 bis 2000. Zum Beispiel die, dass Dr. Dressler nach einer Fahrt zur Lourdes-Grotte seinen Rollstuhl aus dem Fenster wirft und wieder eigenfüßig geht, dass Klausi Beimer sich endlich einen funktionstüchtigen Rasierapparat zulegt (oder geschenkt bekommt), Jacqueline Aichinger und Pat Wolfson sich vermählen, Marcella Varese beim Strip-Poker verliert, Luder Lisa Hoffmeister und Olli Klatt für den gemeinsamen Mord an Matthias Steinbrück büßen müssen und Jo Zenker alias Til Schweiger nie, nie, nie wieder zurückkommt. Else Kling geht vermutlich in Folge 1166 ins Altersheim. Philipp Sperling feiert sein Comeback als Betreiber eines privaten nordrhein-westfälischen Kernkraftwerks. Und Helga "Mutter" Beimer geht mit Gunther von Hagen auf "Körperwelten"-Tournee (womit ich nicht behaupte, dass sie das als Exponat tut). Ach ja: Olaf Kling eröffnet eine Gebrauchtwaffenhandlung. Dass Maike Schildknecht eine wundersame Wiederkehr à la Bobby Ewing feiert, habe ich mir schon abgeschminkt und da bin ich mir ausnahmslos einig mit vielen anderen Leuten, die mir teilweise unter Tränen gestanden haben, dass sie auch Lindenstraße sehen - und zwar heimlich. Keine Bange, Leute, ich oute Euch hier nicht. Bleibt die spannende Frage, ob regelmäßiger Lindenstraßen-Konsum süchtig macht. Keine Ahnung. Ich persönlich könnte jederzeit damit aufhören. Will ich aber nicht! Für den (sehr unwahrscheinlichen) Fall, dass ich mal in einer Talk-Show gefragt werde, was denn - außer TV -Lokalredakteur - mein Traumberuf wäre, habe ich mir eine ziemlich originelle Antwort ausgedacht: "Inländer- und Hetero-Beauftragter in der Lindenstraße". Boaah! Klingt nach interessantem, wichtigen und spannendem Doppeljob - doch manhat in Wirklichkeit kaum was zu tun. Roland Morgen