1. Blaulicht

Das Angebot professioneller Hilfe ist die passende Antwort

Leserbrief : Wir brauchen „Sirenen im Kopf“ und keine Schuldzuweisungen

Flutkatastrophe

Zum Interview „Noch ist es nicht zu spät“ mit dem Wasser-Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Dieter Gerten (TV vom 19. Juli):

In einigen Medien befleißigt man sich, so kurz nach der Flut-Katastrophe, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und macht dabei den ein oder andern „Systemfehler“ und das Versagen von Behörden und Verantwortungsträgern aus. Dies trifft aber nach meinem Eindruck weder den Kern der Sache, noch werden daraus hilfreiche, sprich: bessere Vorsorgemaßnahmen - abgeleitet.

Der technikgläubige Mensch sieht vordergründig schnell das Versagen des Systems, strukturelles Versagen. Das ist nach meiner Wahrnehmung aber nur die „halbe Miete“,  vom Klimawandel mal ganz abgesehen. Ich habe selbst vielfache Warnungen in den Wettervorhersagen in verschiedenen Medien gehört und gesehen, die ausreichend früh verbreitet wurden; ebenso die der Warn-App KATWARN und die des DWD. In den Köpfen der Betroffenen war jedoch ein solches Szenario, wie es sich dann tatsächlich darstellte – wenn überhaupt — nur aus Katastrophenfilmen bekannt.

Hochwasser kennt man in Rheinland-Pfalz an den Flussläufen, und daher haben die Anwohner sich auf stetige Vorhersagen und ein mögliches, zeitnahes Reagieren darauf, Zug um Zug eingestellt: Wasser steigt, dann nächste Aktion uns so weiter.

Das jedoch in kürzester Zeit die kleineren Zuläufe, Bäche und Rinnsale zu reißenden Fluten werden könnten, bei angesagten Niederschlagsmengen von zum Teil über 150Liter/Quadratmeter und bis über das X-fache ihrer normalen Pegelstände, war in den Köpfen nur sehr abstrakt vorhanden, da nie erlebt. Die anschließende Konfrontation mit der Realität fiel leider umso härter aus.

Sicherlich sind für zukünftige Situationen auch hinsichtlich der Vorwarnung, baulicher und infrastruktureller Anpassungen an Extrem-Klima-Ereignisse bessere Lösungen herstellbar. Das ersetzt aber nicht die „Sirenen im Kopf“, nämlich die Vorstellung der betroffenen Menschen von den tatsächlich zu erwartenden Auswirkungen, den notwendigen Maßnahmen, effektivem Verhalten und persönlicher Vorbereitung, wie Lebensmittel, Wasser, Papiere… – sowie regelmäßiges, gemeinsames „Training“ aller Beteiligten.

Den betroffenen, verletzten und traumatisierten Menschen kann ihr Leid und die Bedrohung ihrer Existenz nicht durch das Herauskramen eines „Schuldigen“ genommen werden. Solidarität, Hilfe und Mitmenschlichkeit und das Angebot professioneller Hilfe sind auf diese Katastrophe die passende Antwort!