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Camp Konrad im Kammerwald

Beton-Dachüberstand mit Lichtdurchlässen: An alles war gedacht worden beim Bau der "Adenauer-Villa".Fotos: Fritz-Peter Linden
Beton-Dachüberstand mit Lichtdurchlässen: An alles war gedacht worden beim Bau der "Adenauer-Villa".Fotos: Fritz-Peter Linden
"Das also ist das so genannte Adenauer-Haus", spulte Stefan Hommes ab. Es sollte wahrscheinlich nach amerikanischem Vorbild eine Art deutsches Camp David werden. Der Bau wurde ungewöhnlich rasch genehmigt und ebenso ungewöhnlich rasch hochgezogen. Damals konnte man noch von hier aus den Ernstberg und den Nerother Kopf sehen, das war einer der traumhaftesten Ausblicke in der Eifel." (Alle kursiven Zitate aus: Jacques Berndorf, "Eifel-Jagd", Grafit-Verlag, 1998) Allen Dingen, sagte Konrad Adenauer einmal, habe der Liebe Gott Grenzen gesetzt. "Nur nicht der Dummheit." Ein besonders aufwändiges Narrenstück bröckelt seit fast 50 Jahren im Eifel-Wald vor sich hin - und es hat viel mit dem ersten deutschen Bundeskanzler zu tun. Prachtstück mit allem Pipapo Tief versteckt im Kammerwald zwischen Duppach und Steffeln (Kreis Daun) stehen die immer noch respektablen Reste der Villa, die nie fertig gestellt oder gar bewohnt wurde. Geplant und genehmigt war sie als "Jagd- und Gästehaus" für den damaligen Kanzler Adenauer. Camp Konrad sozusagen, auf knapp 2000 Quadratmetern Grundstück. Drei Etagen, 600 Quadratmeter Wohnfläche, atombombensicherer Keller, Hubschrauber-Landeplatz auf dem betonierten Flachdach - und als Extra ein traumhafter Panoramablick von der Anhöhe in die Eifeltäler. Kurz: Ein Prachtstück mit allem Pipapo, eingepackt in herrlichste Natur, als Geschenk für den laut ZDF-Umfrage "besten Deutschen" aller Zeiten. "Wo bist du denn jetzt?" "Im Wald", sagte ich wahrheitsgemäß. "Und gleich geht das Gewitter los, und ich muss in die Ruine laufen, damit ich nicht nass werde." Im Herbst 1955 ließ der damalige AEG-Vorstand (und Adenauer-Freund) Friedrich Spennrath das Haus nach einem Vorschlag von Adenauer-Tochter Lotte Multhaupt für den Kanzler bauen. Doch dem "Alten" hatte das teure Geschenk ein allzu starkes Filz-Aroma - er schlug die Freundesgabe aus. Der Bau wurde im Winter 1955/56 gestoppt und geriet in Vergessenheit. Seit einigen Jahren wird die Ruine allerdings wieder von einer wachsenden Zahl Neugieriger angesteuert - zu Fuß oder im Pferdesattel. Beinahe allen diesen zeitgeschichtlichen Spurensuchern ist eines gemeinsam: Sie haben Jacques Berndorfs Krimi "Eifel-Jagd" gelesen. Der Filz derfrühen Jahre Seit der Schriftsteller darin seinen Helden Siggi Baumeister von einer der Hauptfiguren zur verfallenen Villa lotsen und dort im Regen Unterschlupf suchen ließ, ist das Interesse an der "Adenauer-Ruine" wieder erstarkt, immer mehr Berndorf- und Eifel-Begeisterte wollen sich den geheimnisvollen Krimi-Schauplatz "in echt" ansehen. "Das ist auf keiner Karte als besonderes Bauwerk verzeichnet. Jede Grillhütte steht drin. Dieses Ding aber nicht", sagt Angelika Gockeln vom "Reuther Hof". Tatsächlich markiert in der Wanderkarte nur ein winziger schwarzer Punkt das Haus. Angelika Gockeln reitet oft mit Gästen zur Ruine und wundert sich darüber, dass sich rund um den Bau nicht nur viel Grünzeug, sondern auch ein beharrliches Schweigen breit gemacht hat. "Da ist es unheimlich schön und gleichzeitig total einsam. Deshalb wollten die ja dem Adenauer dort eine Bude hinklotzen." So viel steht indessen fest: Ganz astrein war das Projekt nicht. "Das war die schnellste und schwärzeste Baugenehmigung, die es je gegeben hat", berichtet Michael Preute alias Jacques Berndorf. Stimmt: Keine zwei Wochen nach Einreichung des Antrags beim Landratsamt Prüm im Juli 1955 ( TV -Bericht von 1999), war Bauschein C 168/55 ausgestellt. "Wie kommt man denn da hin?" "Die Genehmigung lag noch nicht vor, da waren die schon aus dem Keller raus", berichtet Preute. Und sie kamen ziemlich weit: Alle drei Geschosse wurden fertig gestellt, die Schlitze für die Elektroleitungen in die Wände gestemmt, ein Teil der Kabel verlegt. Große Fenster sollten viel Tageslicht herein lassen und den Blick in die Eifellandschaft ermöglichen. Zwei Kamine hatte die "Bude": Einen drinnen und den zweiten an der Außenwand zur überdachten Terrasse. Die zweifelhaften Hintergründe des Prachtbaus sind längst vergessen und verjährt. Bei Michael Preute aber häufen sich mittlerweile die Anrufe, weil sich seine Leser immer wieder nach dem Weg zur Ruine erkundigen. "Das ist echt irre", sagt Deutschlands erfolgreichster Krimi-Autor im TV -Gespräch. "Mindestens fünf Anfragen" gehen in der Woche bei ihm ein, mehr als zu jedem anderen seiner Eifeler Schauplätze. "Das Interesse an Adenauer ist eben immer noch sehr groß", sagt er. "Wie kommt man denn da hin?", laute die am häufigsten gestellte Frage. "Ich sage dann immer: Da müsst ihr die Leute in Duppach fragen." Worauf die Anrufer meist empört reagieren: "Aber da ist doch nie einer auf der Straße..." Und wie kommt man hin, ohne zu fragen? Ausgangspunkt der etwa halbstündigen Wanderung zum Adenauer-Haus ist die Duppacher Mineralquelle. Von dort aus folgt man dem Weg in Richtung Wald - und sollte sich dann ganz der Wanderkarte anvertrauen. Die Ruine befindet sich an einem der höchsten Punkte im Kammerwald. Und an einem der weltfernsten - wie schon Siggi Baumeister wusste: Ich beobachtete den Rauch des Feuers, der durch ein Loch in der Betondecke kräuselte. Das Knistern des Holzes im Feuer schuf eine eigentümlich intime Spannung, als säßen wir auf einem anderen Planeten. Und tatsächlich saßen wir wohl auf einem anderen Planeten und ließen uns vom Eifelwald beschützen... FRITZ-PETER LINDEN