Der Buchstabenwerfer

Der Buchstabenwerfer

TV höchst persönlich zu Besuch bei Krimi-Autor Edwin Klein in Saarburg

Über 70 Meter weit hat Edwin Klein den Hammer in aktiven Zeiten geschleudert. Aber selbst wenn er noch das Leistungsvermögen seiner Olympia-Teilnahmen 1972 und '76 abrufen könnte: Er hätte nicht die geringste Chance, von seiner Veranda aus die Grundstücksgrenze zu erreichen.30 000 Quadratmeter gepflegtes Grün, da, wo ein Nicht-Saarburger schwerlich vermuten würde, dass es dort immer noch Saarburg gibt. Der Hausherr kümmert sich eigenhändig auf dem Mähtraktor darum, dass die Wiese einen Hauch von Wimbledon-Flair ausstrahlt. Schwer vorstellbar, dass ein Leichtathletik-Hammer dort Löcher hineinreißen dürfte.

Aber die Frage ist ohnehin hypothetisch. Edwin Klein besitzt seit Jahren kein entsprechendes Sportgerät mehr. 1977 legte er den Hammer aus der Hand, um nie mehr einen anzurühren. Keine Spur der einstigen Karriere findet sich im Haus, kein Pokal, keine Urkunde, nichts. Edwin Klein ist einer, der klare Trennungsstriche ziehen kann. Seine Kinder, so erzählt er, hätten erst durch einen Zeitungsartikel erfahren, dass der Papa mal ein Weltklassesportler war.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ein Ereignis, von dem andere ein Leben lang zehren, für einen wie Edwin Klein längst eine vernachlässigbare Größe darstellt. Schließlich hat er es in seinem zweiten Leben als Schriftsteller öfter in Bestsellerlisten und Feuilletons gebracht als in seiner Sportler-Zeit auf Rekordlisten und Sportseiten.

Es scheint, als ob alles, was der Hüne anpackt, zu Gold wird. Na ja, so ganz stimmt der Vergleich nicht: Zu Gold hat es in der Sportkarriere nicht immer gereicht. Vielleicht, weil der wilde junge Mann mit den langen Haaren und dem Stirnband einst als "schlampiges Genie" galt, ausgestattet mit mehr Talent als Disziplin. "Gut, ich habe wegen des Sports keine Party und kein Mädchen ausgelassen", räumt er lachend ein. Und erinnert sich an einen Länderkampf 1972, den er im diesigen Restalkohol-Dunst bestritt - um prompt eine neue Bestleistung zu erzielen.

Wenn er solche Geschichten erzählt, dann sitzen auf dem geräumigen Sofa in dem geräumigen Wohnzimmer seines geräumigen Hauses geballte 193 Zentimeter Selbstbewusstsein. "Erfolg macht unabhängig, Unabhängigkeit bringt Souveränität" - solche Gleichungen wirft er gerne in den Raum. Er wirkt wie einer, der noch nicht viele Niederlagen hat hinnehmen müssen in seinem Leben, jedenfalls nicht da, wo es ihm wichtig war. Aber man möchte auch nicht sein Gegner sein, wenn er zu verlieren droht. Man liefe Gefahr, von einem Bulldozer überrollt zu werden.

Ein Punkt, in dem seine Romanhelden ihrem Autor erstaunlich ähneln. Es sind Alltagsmenschen, die aufgrund der Bedrohung durch reale oder eingebildete Gegner über sich hinauswachsen. "Wer in die Ecke gedrängt wird, beginnt sich zu wehren", sagt Klein, "und dann entwickelt er ungeahnte Fähigkeiten". In der Wahl ihrer Mittel sind seine Protagonisten nicht zimperlich. Die in ihren Augen gerechte Sache rechtfertigt den Einsatz harter Bandagen.

Da wiederum gleicht der Autor seinen Romanhelden. Edwin Klein mischt sich ein, wenn aus seiner Sicht etwas schief läuft in seiner Umgebung. Und dabei teilt er kräftig aus, etwa in der Saarburger Kommunalpolitik. "Lügen", "Filz", "Seilschaften" sieht er da am Werk, wie überhaupt in der Politik, der er zutiefst misstraut, weil er dunkle Mächte dahinter vermutet. "Die wahre Politik wird gar nicht von denen gemacht, die wir sehen", sagt er düster. Sein CDU-Parteibuch hat er zurückgegeben.

Dass sich hinter der offiziellen Lesart mancher Ereignisse etwas völlig anderes verbirgt, sieht er nicht nur im Kleinen. Schnell ist er mit Beispielen zur Hand, vom Kennedy-Attentat über die Barschel-Affäre bis zum 11. September. Keine gängige Verschwörungstheorie, die er nicht kennt. Diesen Begriff meidet er allerdings, raunt lieber von "Kreisen, die zusammenhalten und von denen die normalen Leute nichts ahnen".

Er liebt es, bei den umfangreichen Recherchen für seine Bücher in die Randbereiche des Denkbaren vorzudringen "und dann noch einen Dreh weiterzugehen". So entsteht eine Fiktion, die immer den Eindruck vermittelt, sie könnte schon morgen Realität sein. Stoff, der, handwerklich exzellent geschrieben, Leser süchtig macht.

So hat er riesige Auflagen verkauft, und den damit erzielten Wohlstand dokumentieren nicht nur der BMW 750i, das schicke Anwesen und das starke Golf-Handicap. Trotzdem wirkt das nicht platt aufdringlich. Eher wie ein Ausdruck von Stolz darauf, dass einer, der aus kleinen Verhältnissen kommt, es so weit bringen kann. Und zwar, was ihm wichtig ist, aus eigener Kraft.

Das begann schon zu Werferzeiten, wo er, Amateur-Regel hin oder her, per origineller Zeitungsanzeige Sponsoren suchte - was ihm prompt einen publicity-trächtigen Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" und einen lukrativen Vertrag mit "Jägermeister" einbrachte.

Zur Geschäftstüchtigkeit gesellten sich Zähigkeit und Mut zum Risiko. Klein schrieb vier Bücher für die Schublade, bevor sein erster Krimi, "Deckname Bilog" einen Verlag fand. Als sich der Erfolg abzeichnete, gab er den sicheren Beamtenjob als Oberstudienrat auf.

Jetzt, mit 58, strahlt er jene Art von Zufriedenheit aus, die noch längst nicht satt ist. Der nächste Thriller steht zur Veröffentlichung an, wie stets in wenigen Wochen intensiver Schreibarbeit zu Papier gebracht, nach monatelangem Recherche- und Reifeprozess. Das Fernsehen ruft an, braucht ihn als Experten für "Hart aber fair". Pläne reichlich, auch für den Unternehmer Edwin Klein, der den Autor ergänzt. Und da ist ja auch noch die Familie, zwei Töchter, die studieren, und Ehefrau Christiane, deren beeindruckende Bilder mehr Öffentlichkeit verdienen würden als das Klein'sche Wohnzimmer bieten kann.

Der Mann, der sich manchmal selbstironisch "Buchstabenwerfer" nennt, müsste eigentlich rund um die Uhr jubilieren. Aber wie passt dann der tiefe Pessimismus dazu, wenn es um die Dinge des Gemeinwesens geht? Er sei "im Grunde ein Optimist", sagt Edwin Klein, "der durch Tiefschläge manchmal skeptisch wird". Wie die Helden seiner Romane.

Dieter Lintz