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Der Charme des Gesetzes

Lässt Bücher ungern links liegen und pflegt ihren grünen Balkon mit Blick auf die Paulinskirche: Ex-Richterin Irmtrud Finkelgruen.
Lässt Bücher ungern links liegen und pflegt ihren grünen Balkon mit Blick auf die Paulinskirche: Ex-Richterin Irmtrud Finkelgruen. FOTO: Fotos: Willi Speicher
Dass Richter gemeinhin von Berufs wegen nicht mit der angenehmsten Klientel zu tun haben, liegt auf der Hand. Aber wer jahrelang einer Schwurgerichtskammer vorgestanden hat, watet mehr als jeder andere durch die Untiefen menschlicher Existenz.

Mafiöse Auftragskiller, zerstückelte Leichen, Psychopathen, Eifersuchtsmörder: Die Abgründe, mit denen sich Irmtrud Finkelgruen in den letzten Berufsjahren vor der Pensionierung auseinander zu setzen hatte, wären geeignet, den stärksten Mann in Depressionen verfallen zu lassen. Aber sie ist kein Mann. Und depressiv schon gar nicht. Im Gegenteil. Von der „faszinierenden Materie“ spricht sie, vom Sich-Vortasten in den „Grenzbereichen des Menschlichen“, und die lebhaften Augen unter dem schlohweißen Pony signalisieren eine ausgeprägte Lust am Nachschreiten der verschlungenen Pfade in die düsteren Abteilungen der Psyche. Das sind Momente, in denen Irmtrud Finkelgruen nicht viele Fragen braucht, um zu ausführlichen Antworten auszuholen. Dann nimmt sie eine nahezu liegende Position auf dem bequemen Sofa im Wohnzimmer ihrer behaglichen Altbauwohnung in der Nähe der Trierer City ein. Und der stets mit eleganter weißer Spitze praktizierte Zigarettenkonsum kann schon mal einen 30-Minuten-Takt erreichen.

Eine Wohnung, so individuell wie die Besitzerin

Das Domizil steht, was die Individualität angeht, seiner Besitzerin in nichts nach. Durch Überlastung akut einsturzbedrohte Bücherregale skandinavischer Herkunft säumen die engen Flure und kontrastieren lebhaft mit der afrikanische Ausstrahlung des Wohnbereichs. Ein handgeschnitzter afghanischer Tisch, dessen Höhe gerade mal das Schienbein eines durchschnittlichen Mitteleuropäers erreicht, ein passender bodenhoher Stuhl, an der Wand ein Beduinenspiegel, wallende Palästinenserkleider als Dekoration, dazu von der Decke baumelnde Marionetten mit unverkennbar juristischem Einschlag: Wer so wohnt, ist auch sonst alles andere als stromlinienförmig. Das liegt bei der 65-Jährigen schon in der Biographie begründet. Keine Bilderbuch-Juristenkarriere, stattdessen ein abgebrochenes Studium der Theaterwissenschaften und der Soziologie in Köln. Verschiedene Jobs aller Art, frühe Hochzeit, ein Sohn kommt zur Welt. Bei der Büro-Arbeit für eine Organisation von Nazi-Opfern entdeckt sie die Juristerei – die trockenen Zivilrechtsfälle, mit denen sie zu tun hat, erscheinen ihr „aufregend wie ein Krimi“. Jenseits der Dreißig ein Studium mit Kind, Trennung vom Ehemann, mit knapp Vierzig nach einem überdurchschnittlichen Examen der Berufs-Einstieg als Richterin und der Umzug nach Trier.

Wer es da noch an die Spitze eines Schwurgerichts bringt, muss schon über besondere Fähigkeiten verfügen. Vielleicht ist es gerade der mäandernde Lebensweg, der Irmtrud Finkelgruen die Fähigkeit verliehen hat, anders zu verhandeln als (viele) andere Richter. Wer je einem ihrer Verfahren beiwohnte, konnte kaum übersehen, dass da eine Vorsitzende auf dem Podium saß, der es nicht nur darum ging, zu einem tragfähigen Urteil zu kommen, sondern auch darum, zu verstehen. Selten kam jemand so nahe daran, die Crux des Strafprozesses zu überwinden: Dass da oft erfolgreiche, gebildete, sprachlich gewandte, gutbürgerliche Menschen über solche zu Gericht sitzen müssen, die am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala zu Hause sind. Die daraus resultierenden Kommunikationsprobleme suchte man in Finkelgruen-Verfahren vergebens. Statt dessen eine geschickte „Dramaturgie“, wie sie es nennt, eine sensible Fragetechnik, unendlich viel Geduld beim Zuhören, eine clevere, kollegiale Rollenverteilung im Richter-Team – 1und ein unbändiger Wille zur Aufklärung.

„Es tut immer weh, wenn am Ende eines Prozesses etwas offen bleibt“, sagt die Ex-Richterin und vergisst einen Moment lang, die nächste „Ducal rot“ anzuzünden. Doch trotz aller Mühe bleibe „fast immer ein Teil, der sich in letzter Konsequenz nicht klären lässt“. Aber „die Finkelgruen“ wirkt nicht so, als wäre sie jemals Gefahr gelaufen, ob der schwierigen Seiten ihres Berufs in Schwermut zu verfallen. Und das nicht nur wegen der grellbunten Schals oder Gewänder, die sich bei genauem Hinsehen gelegentlich als Farbtupfer unter der schwarzen Robe ausmachen ließen. Da ist reichlich Freude am Leben spürbar, an Gesprächen und Freundschaften, an politischen Diskussionen, an Musik und Theater.

Monatelang rund um die Uhr unter Personenschutz

Als sie im „Agovic-Prozess“ fast ein halbes Jahr wegen Morddrohungen rund um die Uhr unter Personenschutz stand, wurden ihre gelegentlichen Besuche mit der smarten Bewacher-Truppe im Stammlokal „Weinhexe“ geradezu zur Legende. Es muss fröhlich zugegangen sein, fast freundschaftlich. Ihre damaligen Beschützer kommen übrigens fast geschlossen samt Familien zur demnächst anstehenden Abschiedsfeier, man ist per Du, selbst die Kinder der Beamten kennen „Oma Finkelgruen“. Das sei „insgesamt schon eine tolle Zeit gewesen“, so das angesichts der Bedrohungslage durchaus überraschende, aber glaubhaft wirkende Resümee. So kann nur reden, wer nicht viel Angst hat. Auch nicht davor, unbequem zu sein.

Als vor Jahren ein Trierer Staatsanwalt mit Freunden in der Kneipe Nazi-Lieder sang, war es Irmtrud Finkelgruen, die nicht tatenlos zusah. Kein Fall für ein Helden-Epos, aber doch ein mutiger Schritt in einem Umfeld, wo Justitia gemeinhin in eigener Sache die Reihen und die Binde vor den Augen fest geschlossen hält. Aber auch das hat mit der Lebensgeschichte zu tun. Mit der Sozialisation in der 68er-Studienzeit und dem Engagement für die FDP, als sie noch die wellige Partei eines Karl-Hermann Flach war und nicht die flache Partei eines Guido Westerwelle. Und vor allem mit der jüdischen Familie ihres früheren Ehemanns, die der Nazi-Verfolgung tödlichen Tribut zollen musste. Wenn sie davon spricht, setzt sie sich auf, wird ernst, blättert im Kopf die Familiengeschichte durch.

Kein Zufall, dass Zeitgeschichte eines ihrer vorrangigen Interessengebiete ist, ein vernachlässigtes allerdings - wie so viele im Dauerstress der letzten Berufsjahre. Dafür wird nun, nach der Pensionierung, mehr Zeit sein, wie auch fürs Reisen und die Enkeltochter. Und vielleicht auch für ein eigenes Buch – einen Kriminalroman, was sonst. Ein klassischer Krimi schwebt ihr vor, bei dem man erst am Schluss heraus kriegt, wer der Täter war. Die eine oder andere Erfahrung aus ihrer langen Laufbahn will sie einbringen. Ihrem Image als Paradiesvogel würde ein solches Werk wohl endgültig den letzten Schliff verleihen. Aber so originell der Mensch Finkelgruen auch ist: Als fröhliches Original in Richterrobe, als „Mama Gnädig“ gar, hätte sie niemand eingestuft.

Dafür war sie, wo sie es für nötig hielt, zu streng. Wobei auf der Anklagebank eine schmächtige Frau mit schwerer Jugend, die zur Befriedigung ihrer Kaufsucht Bankkunden betrog, schon mal eher mit Milde rechnen konnte als ein bulliger Mann, der seine Familie tyrannisierte. Aber die Spannweite der Spielräume bei der Urteilsfindung ist nun mal der Charme des Gesetzes – jedenfalls für den Richter.

Dieter Lintz