Der Wein ist weiblich

Der Wein ist weiblich

Im Netzwerk Vinissima tauschen sich Frauen über die endlen Tropfen aus. Verkostungen, Seminare und Exkursionen - Das Interesse am Wein führt die Frauen zusammen.

Wer eine Vinissima sein will, muss den Wein lieben. Knapp 400 Frauen sind in dem bundesweiten Netzwerk Mitglied. Anlaufstelle für die Vinissima in der Region Mosel und Ahr ist Christa Jüngling vom Paulinshof in Kesten (Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues).

Schmeckt ein Wein bei einer Probe im Flugzeug anders? Welche Rolle spielt die Körpersprache beim Verkauf? Die Bandbreite der Seminarthemen des Netzwerks Vinissima, das 1991 gegründet wurde, ist vielfältig - ebenso wie die Professionen der Mitglieder. Die meisten Vinissima - so nennen sich die Frauen des Netzwerks - sind zwar Winzerinnen. Aber auch Fachhändlerinnen, Gastronominnen, Önologinnen und Sommelièren gehören dazu. Zwei der bekanntesten Mitglieder: die Luxemburger Sterneköchin Léa Linster und Sommelière Nathalie Lumpp aus Baden-Baden, die zu Deutschlands führenden Weinexperten zählt.

"Uns alle eint das Interesse am Wein", sagt Christa Jüngling. Die Winzerin vom Paulinshof in Kesten ist die Regionalsprecherin für den Bereich Mosel/Ahr. "Wir sind nicht kommerziell orientiert - und nicht feministisch. Und wir treffen uns auch nicht zum Austausch von Kochrezepten", betont die 62-Jährige und fügt mit einem Lächeln hinzu, dass es bei Mitgliederversammlungen auch ein Herrenprogramm gebe. Das Netzwerk bietet eine Plattform zum Austausch, zum Kennenlernen und zur Weiterbildung - beispielsweise über biodynamischen Anbau, die Glaskultur in der Gastronomie und neue Medien. Die Seminare werden manchmal auch von den Vinissima selbst gehalten - jede kann aus ihrem Fachgebiet referieren.

Das Jahresprogramm ist vielfältig: Weingüter werden besichtigt und Exkursionen in Anbauregionen unternommen - zum Beispiel nach Griechenland und Andalusien. Die Vinissima feiern Feste und organisieren aufwendige Proben. Jedes Jahr gibt es eine Podiumsdiskussion und alle zwei Jahre eine große Verkostung. Warum aber gibt es ein Netzwerk speziell für die Frauen der Weinwelt? "Die Branche ist schon eher männlich besetzt", erklärt Jüngling. An der Spitze eines Weinbetriebs stehe meist ein Mann. "Die Sichtweise von Frauen auf fachliche Dinge aber ist anders als die von Männern", gibt sie zu bedenken. "Strategische Entscheidungen werden oft von Frauen gefällt. Und sie sind häufig für die sensiblen Dinge zuständig.

Zum Beispiel für Proben und Verkostungen, für die Benennung von Weintypen und die Gestaltung von Etiketten." Vinissima wird man nicht einfach so: Es braucht eine Patin, die eine Empfehlung ausspricht und für die Anwärterin einsteht. Anschließend lernt diese das Netzwerk ein Jahr lang als Interessentin kennen und kann sich dann entscheiden, ob sie einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen möchte. Christa Jüngling jedenfalls ist begeisterte Vinissima - wegen des fachlichen Mehrwerts und auch der zwischenmenschlichen Komponente: "Hinter jeder Frau steckt eine interessante Geschichte."

www.vinissima-ev.de

Christa Jüngling:

Zusammen mit ihrem Ehemann Klaus hat Christa Jüngling ab den 1970er Jahren den Paulinshof, einen damals verfallenen Gutshof, wieder aufgebaut und vergrößert. Seit Beginn der 1980er Jahre kümmert sie sich zum Beispiel um Buchhaltung, Verkauf und Kundenbetreuung. Außerdem managt sie den Export der Paulinshof-Weine - nach Japan, Großbritannien, Skandinavien, in die Schweiz und die USA. Im Jahr 1999 wurde sie als erste Frau in der hundertjährigen Geschichte des Bernkasteler Rings in den Vorstand gewählt, dem sie noch heute angehört. Seit 2006 hat Christa Jüngling das Diploma in Wines and Spirits, eine der weltweit renommiertesten Weinausbildungen des britischen Wine and Spirit Education Trust (WSET). Die Weinakademie Österreich hat ihr zudem den Titel Weinakademiker verliehen, mit dem erfolgreiche Absolventen ausgezeichnet werden.
www.paulinshof.de

Drei Vinissima über Vinissima:

"Ich liebe Wein und Winzer/innen, Weinkultur und Landschaft, Netzwerken und ‚spinnen‘, Information und verrückte Ideen - das alles finde ich auf hohem Niveau bei den tollen Weinfrauen von Vinissima. In meiner beruflichen Tätigkeit beim DLR Mosel arbeite ich mit den Qualitätsbetrieben der Dachmarke Mosel zusammen. So ergibt sich eine Win-win-Situation, von der alle Seiten profitieren."
Heidemarie Kreckel ist beim Dienstleistungszentrum ländlicher Raum (DLR) Mosel unter anderem zuständig für die Beratung und Zertifizierung der Qualitätsbetriebe Dachmarke Mosel.

"Ich schätze die Zusammenarbeit mit Vinissima, da die Mitglieder ausgesprochen engagiert und sympathisch sind. Jedes Mitglied hat andere Stärken, wovon alle profitieren können. Es ist oft ungeheuer wertvoll, Erfahrungen auszutauschen und damit Fehler zu vermeiden oder Entscheidungen zu fällen. Meine Erfahrungen im Berufsleben haben mich gelehrt, dass es sich sehr gut mit Frauen arbeiten lässt. Sie sind vielseitig und sehr belastbar."
Annegret Reh-Gartner führt das Riesling-Weingut Reichsgraf von Kesselstatt auf Schloss Marienlay im Ruwertal. 2011 ist sie vom Diners Club Magazin als Winzerin des Jahres ausgezeichnet worden.

"Vinissima ist für mich eine gelungene Mischung aus Networking, Inspirationsquelle und jeder Menge Spaß mit ‚weinsinnig‘ tollen Frauen und bietet einem einen ganz besonderen Einblick in die Welt des Weines!"
Manuela Schewe ist Inhaberin der Weinbar Weinsinnig in Trier.