Der Wolfsmensch

Der Wolfsmensch

Schaurig-unheimlich schallt es durch den Wald, aber das ist kein Wolf, der heult, sondern ein Mensch: Werner Freund. Der Forscher hat viele Wölfe von klein auf mit der Flasche aufgezogen, ihnen zu essen gegeben und mit ihnen gespielt. Was er dabei beobachtete, hat der bekannte Experte in mehreren Büchern festgehalten. Derzeit sind 25 Wölfe in der Obhut von Werner Freund – darunter Nachwuchs von Polarwölfen.

Bevor die Sonne untergeht, füttert Werner Freund die weißen Tiere und ihre Jungen. Als er die Tür des Geheges öffnet, wartet das Rudel bereits auf ihn – im Tierpark am Rande der Stadt Merzig, etwa eine Stunde Autofahrt von Trier entfernt. Der 78-Jährige setzt sich auf einen Baumstamm, greift in den mitgebrachten Eimer, holt ein Stück Fleisch heraus und nimmt es in den Mund. Einer der Wölfe schnappt danach, dann geht es reihum. Immer mittendrin: Werner Freund.Der furchtlose Wolfsexperte hat früher ferne Länder und Völker erforscht und lange Zeit als Soldat gearbeitet. Vor fast 40 Jahren kam er nach Merzig, wenig später entstand sein Tierpark. Heute leben hier neben Polarwölfen auch europäische, kanadische und sibirische Wölfe. „Ich habe zwei Leben, eines als Wolf und eines als Mensch“, sagt Freund.Drei der Tiere, die Freund füttert, haben ein mehr bräunliches Fell. Das sind die Jungwölfe, die erst vor sieben Monate geboren wurden. Jetzt sind sie fast schon so groß wie ihre Eltern.Als alle satt sind, streichelt er mit einem Stock, einem Ochsenziemer, die Tiere – auch die jungen. Wolfseltern passen eigentlich sehr auf ihren Nachwuchs auf. Freund blieb jedoch mit seiner Helferin Tatjana Schneider, die schon sehr lange im Park mitarbeitet, immer in der Nähe. Die Eltern gewöhnten sich an ihn. „Ich spiele den Alpha-Wolf“, sagt er, das Rudel sieht in als eine Art Oberchef an. Doch er und seine Frau Erika, die ebenfalls ohne Angst die Wölfe besucht, müssten jedes Mal die Kleidung wechseln, bevor sie das Gehege eines anderen Rudels betreten – jedes Rudel hat einen anderen Geruch.Bei den Polarwölfen sitzt Werner Freund weiterhin auf dem Baumstamm. Plötzlich hebt er seinen Kopf und heult wie ein Wolf. Immer wieder. Erst herrscht Stille, kein weiterer Laut ist zu hören. Dann erklingt ein einzelner Gesang, ein Wolf antwortet dem Wolfsmenschen. Und wenig später antworten weitere Tiere. Es schallt durch den Wald. Freund antwortet mit einem weiteren Heulgesang. Sein ganzes Leben hat er erst Bären, dann Wölfe erforscht. Doch die scheuen Jäger würden ihn immer noch überraschen. „Sie sind verschieden, jeder einzelne. Jedes Tier muss anders behandelt werden.“ Miguel CastroInternet: Mehr Infos zum Wolfspark und Werner Freund gibt es auf www.wolfspark-wernerfreund.deGibt es freilebende Wölfe bei uns?In unserer Region, also in der Eifel, an der Mosel oder der Saar, im Hunsrück und Hochwald, leben zurzeit keine freilebenden Wölfe. Die letzten europäischen Wölfe, die in den Wäldern der Eifel gewohnt haben, sind vor mehr als 100 Jahren von Menschen erschossen worden. Das war im Jahre 1888, als in Deutschland noch Kaiser Wilhelm II. herrschte.Doch in anderen Gebieten Deutschlands gibt es neuerdings wieder Wölfe, etwa 60 Tiere. Die meisten leben im Osten Deutschlands, in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Einzelne Tiere wurden auch schon in anderen Bundesländern gesichtet. Denn ab und zu gehen Wölfe allein auf die Reise. Dabei können sie weite Strecken zurücklegen.Um das herauszufinden, legten Forscher jungen Wölfen Sender an. Einige Tiere liefen bis zu 70 Kilometer am Tag. Zum Vergleich: Ein guter Wanderer schafft etwa die Hälfte, wenn der Weg nicht zu steil ist.Dass der Wolf sich irgendwann noch einmal in der Eifel niederlässt, hält Julia Kranz vom Adler- und Wolfspark Kasselburg für unwahrscheinlich. „Der Wolf fühlt sich in riesigen Waldgebieten wohl, in denen keine Menschen unterwegs sind.“ Bei uns seien die Wälder dafür einfach zu zerstückelt, also zu klein. slg/dpaWarum heulen Wölfe?Jeder kennt es, das schaurige Wolfsheulen. Doch es hat nichts mit dem Vollmond zu tun, wie viele meinen, erklärt Tierpflegerin Julia Kranz. Wölfe heulen zum Beispiel, um anderen Wolfsgruppen zu signalisieren: „Hallo, hier leben wir! Fresst uns nicht unser Futter weg!“ So gibt es keine Probleme zwischen unterschiedlichen Wolfsfamilien. Doch auch, wenn ein Mitglied des Wolfsrudels stirbt, kann es sein, dass die Wölfe gemeinsam heulen, als ob sie damit ihre Trauer ausdrücken wollen. Übrigens: In Merzig hat Wolfsforscher Werner Freund beobachtet, dass die Wolfswelpen der Polarwölfe schon 13 Tage nach ihrer Geburt zum ersten Mal gesungen haben. (slg/mc)