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Flüchtlingsschiff
Die „Aquarius“ erreicht den sicheren spanischen Hafen

Die 629 Flüchtlinge an Bord der „Aquarius“ erreichten gestern das spanische Valencia. Italien und Malta hatten ihre Häfen für sie gesperrt.
Die 629 Flüchtlinge an Bord der „Aquarius“ erreichten gestern das spanische Valencia. Italien und Malta hatten ihre Häfen für sie gesperrt. FOTO: dpa / Alberto Saiz
Valencia. Mit viel Jubel endet die Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes, das Italien abwies, in Valencia. Der Willkommenskurs der neuen Regierung erregt aber auch Kritik.

Als die ostspanische Küste vom Deck der „Aquarius“ aus sichtbar wird, geht es los: Dutzende Flüchtlinge tanzen und singen wie in Trance. Nach einer achttägigen Irrfahrt durch das Mittelmeer erreichen die Insassen des Seenot-Rettungsschiffes in Valencia gestern endlich einen sicheren Hafen. An Land gehen unter dem Beifall von Helfern vorwiegend jüngere Männer, aber auch unbegleitete sechs- oder siebenjährige Kinder, Frauen mit Kindern auf dem Arm, schwangere Frauen. Sie wirken alle ausgelaugt und unsicher, gehen aber erhobenen Hauptes. Einige singen, einige springen vor Freude, die meisten schweigen.

„Sie sind glücklich, aber nervös, weil sie nicht wissen, was sie erwartet“, erzählt Sara Alonso Esparza vom staatlichen spanischen Radiosender RNE, die auf der „Aquarius“ mitfahren durfte, nachdem Italien vor einer Woche die 629 Flüchtlinge abgewiesen und Spanien sich zur Aufnahme bereit erklärt hatte. Sie wird die Szenen an Deck nie vergessen, sagt sie.

Die Ankunft der „Aquarius“ war am Wochenende in ganz Valencia Gesprächsthema Nummer eins – noch vor dem 3:3-Remis der spanischen Auswahl bei der WM gegen Portugal. „So sind wir in Spanien eben. Wenn jemand Hilfe braucht, helfen wir, wo wir nur können“, sagt die 24-jährige Studentin Ana auf dem Rathausplatz. Am Rathaus prangt ein riesiges Plakat: „València Ciutat Refugi“ – „Valencia, Stadt der Zuflucht“. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß. Supermarktketten und Tante-Emma-Läden spendeten Lebensmittel und andere Dinge. Mehr als 2500 Bürger und Familien riefen an oder schickten E-Mails, um vor allem Frauen oder Jugendlichen Zuflucht anzubieten.

Ist Spanien nicht nur ein Urlaubs-, sondern auch ein Flüchtlings-Paradies? Ministerpräsident Pedro Sánchez ist nur wenige Tage im Amt, aber in der Migrationspolitik räumt er schon auf. Es geht nicht nur um die „Aquarius“. Der 46-Jährige kündigte unter anderem an, dass die illegal in Spanien wohnenden Menschen – rund 800 000 – wieder ins Gesundheitssystem aufgenommen werden sollen. Die konservative Regierung von Mariano Rajoy, die Sánchez per Misstrauensvotum stürzte, hatte sie 2012 ausgeschlossen. Zeichen setzt Madrid auch mit der Ankündigung, man werde die umstrittenen messerscharfen Klingen an den Grenzzäunen der Afrika-Exklaven Ceuta und Melilla entfernen.

Es gibt viel Zustimmung und Anerkennung im Land. Aber es gibt auch die, die anders denken. Die die Abweisung der „Aquarius“ durch die italienische Regierung loben. Die einflussreichen konservativen Medien zum Beispiel. „Spanien erlebt aufgrund der Lockwirkung eine Flüchtlingslawine“, titelte zum Beispiel gestern die Zeitung „ABC“. Flüchtlinge aus aller Welt würden Spanien überfluten, meinen auch einige ranghohe Politiker von Rajoys Volkspartei.

Bei einer Protestkundgebung fremdenfeindlicher Organisationen anlässlich der „Aquarius“-Ankunft kamen am Samstagabend in Valencia gerade mal 30 bis 40 Menschen zusammen. „Sehr viele denken wie wir, aber sie wollen sich nicht zeigen. Noch nicht. Bald wird das aber anders sein“, sagte Rentnerin María Jesús. „Die Spanier zuerst“, war auf Plakaten zu lesen.

Die Radiojournalistin Alonso Esparza könnte den Demonstranten viel erzählen. Vom 16-Jährigen aus Liberia, der auf der „Aquarius“ weinte und erzählte, er sei allein, weil seine ganze Familie an Ebola gestorben sei. Oder vom Musiker Jack, der nach eigenen Angaben von der Terrorgruppe Boko Haram gefoltert wurde und zu seiner Schwester in Madrid wolle. Die „Aquarius“-Flüchtlinge können nun Hoffnung schöpfen. Aber alle, die künftig im Mittelmeer aufgegriffen werden, haben eine ungewisse Zukunft. Die Hilfsorganisation SOS Méditerranée hofft dennoch, dass die Irrfahrt der „Aquarius“ zu einem Weckruf für Europa wird.