Die Dietrich lockt ins Apollo

Die Dietrich lockt ins Apollo

Viereck und Kreise, Rechtecke, Bogen, schwarze und weiße linealgrad gezogen", notierte er 1942 in sein Kriegstagebuch. Wieder einmal musste der Soldat Conrad Martin in dieser Nacht in Russland Wache schieben. Wie immer vertrieb er sich die Zeit damit, niederzuschreiben, was ihm durch den Kopf ging.

Viereck und Kreise, Rechtecke, Bogen, schwarze und weiße linealgrad gezogen", notierte er 1942 in sein Kriegstagebuch. Wieder einmal musste der Soldat Conrad Martin in dieser Nacht in Russland Wache schieben. Wie immer vertrieb er sich die Zeit damit, niederzuschreiben, was ihm durch den Kopf ging. Vielleicht hatte der Trierer irgendwo Bilder russischer Konstruktivisten gesehen, jedenfalls klingt die Eintragung im Tagebuch so. Auf die Kunst wollte der Funker schließlich nicht einmal im Krieg verzichten. Zwei Jahre zuvor hatte er als Soldat in Paris den großen Picasso getroffen. Zum Abschied hatte ihm der berühmte Maler eine Abbildung seines Kriegsbildes "Guernica" geschenkt. Freilich: Bis Conrad Martin sich selbst wieder den Rechtecken und Kreisen, dem "herrlichen Kobaltblau" und dem "versöhnenden Grau", von denen sein Tagebuch berichtet, künstlerisch zuwenden konnte, sollten noch Jahrzehnte-, genau genommen die Jahre bis zu seinem 71. Geburtstag vergehen. Erst im Ruhestand fand der einstige Schüler der Trierer Werkkunstschule wieder endgültig zurück zu seiner großen Liebe, der Malerei. Bis dahin blieb die Staffelei für ihn eine lebenslang genährte, unerledigte Leidenschaft.Wenn in diesen Tagen die Katholische Akademie Trier den Maler Conrad Martin zum 90. Geburtstag mit einer Ausstellung würdigt, so ehrt sie damit einen Mann, der in Trier zweifellos unvergessen ist, allerdings nicht allein wegen seines malerischen Werks. Mindestens ebenso große Bedeutung hat Conrad Martin als Werbepionier. Der Besitzer des Trierer "Atelier - später Werbeatelier - Martin" war in der Nachkriegszeit der wichtigste Werbegraphiker und der erfolgreichste Messebauer der Region. Conrad Martin war im Wortsinn ein Mann der ersten Stunde. Als es 1945 bei der Rückkehr aus dem Krieg um Sein oder Nichtsein ging, zögerte der 31-jährige Heimkehrer nicht lange. Er besann sich auf sein Studium an der Trierer Werkkunstschule und seine Anstreicherlehre im heimischen Betrieb und begann Schilder zu malen. In den Räumen des elterlichen Anwesens in der Sichelstraße eröffnete er sein erstes "Atelier". Ein paar Jahre später war das Atelier Martin die erste Adresse für Werbegraphik, und noch etwas später auch für Messebau. Bis heute ist das Atelier Martin ein Begriff, zuzeiten war es eine Institution. Es war, als ob ohne Martins Plakate, Straßentransparente und Kinowerbung gar nichts ginge.Die Werbemannschaft im Schatten des Doms gestaltete Litfaßsäulen und Weihnachtsdekorationen für die Stadt. Überlebensgroß lockte mit ihrer Hilfe Marlene Dietrich über den Trierer Kinos "Neues Theater" und "Apollo". Anderswo riefen Martins Plakate mit der Steipe die Trierer Bürger auf, sich per Los-Kauf am Wiederaufbau ihrer beschädigten Stadt zu beteiligen. Für den wirtschaftlichen Aufschwung und seine Messen wurden entsprechende Stände gebraucht. Ob Sekt, Gummistiefel oder Baumaschinen, wer auf sich hielt, ließ bei Martin bauen und sich von seiner Firma darstellen. Versteht sich, dass auch die heimische Moselstadt mit einem bis heute attraktiven Stand des Ateliers auf der Berliner Touristikmesse mehrsprachig aufforderte: "Kommen Sie nach Trier". Selbst das Land Rheinland-Pfalz oder die luxemburgische Luxair setzten auf die Trierer Firma, um sich zu präsentieren. Geradezu legendär sind die alljährlichen Fastnachtsfeste des Ateliers. Für das erste, in einem Saal am Bahnhof, mussten die Schnäpse noch auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Später wurde es komfortabler, die Laune immer ausgelassener, wurden die Einfälle immer exotischer.Als 1951 eine aus Düsseldorf importierte und in rosa Toilettenpapier eingewickelte Kleopatra im Mittelpunkt des Festes im "Dreikönigshaus" stand, berichtete die Presse: "Sogar die Wochenschau hatte spitzbekommen, dass sich im Café Bley was tut. Fremde Frauen waren schnell aus der Umgebung entfernt, denn die eigene Gattin sieht bestimmt die Wochenschau". Fröhlich hatte 1914 auch das Leben des Urtrierer Jungen begonnen, den Freunde und Familie liebevoll Conny nannten und der aus der alteingesessenen, angesehenen Dekorations- und Malerfirma "Johann + Konrad Martin im traditionsreichen Haus "Fetzenreich" in der Sichelstraße stammte. "Obwohl ich am Anfang des ersten Weltkrieges geboren bin, hatte ich eine glückliche Kindheit und Jugendzeit", berichtet der Maler und Graphiker in seinen Erinnerungen. Im übrigen sei er nach Auskunft der Mutter ein braves Kind gewesen, "mit Strohhut und Matrosenanzug". Dass er wie Albrecht Dürer und Christoph Columbus am 21. Mai geboren war, deutete Martin zeitlebens als Omen. "Malen - reisen - entdecken" - das sei das geistige Vermächtnis der Beiden gewesen. Farben und Zeichnen faszinierten den kleinen Jungen von Anfang an. Weshalb er nach Abschluss des Gymnasiums denn auch zum Studium an die Trierer Werkkunstschule ging.Der junge Conny war allerdings nicht nur ein lernbegieriger Schüler seiner Lehrer Heinrich Dieckmann und Reinhard Heß. Er pflegte auch den aufrechten Gang. Als Dieckmann 1943 von den Nazis entlassen wurde, verließ er unter Protest mit anderen die Schule. Der Traum vom Malen schien dennoch nicht ausgeträumt. Nach dem Wehrdienst richtete die verständnisvolle Mutter dem kunstsinnigen Sohn ein Atelier in der Trierer Bahnhofstraße ein, das er später gemeinsam mit der Malerin Gretel Lauer betrieb. Dort entstanden eine Reihe bemerkenswerter Porträts und Ölgemälde, die der französischen Moderne verpflichtet sind. Sehr reizvoll bleibt Martins Stilleben mit Kaffeemühle oder das mit Kaffeekanne, meisterlich ist ihm damals das Bild der Malerfreundin Gretel gelungen oder die Ansicht der "Eifelstadt Schleiden".Die Ateliergemeinschaft fand ein jähes Ende. 1939 wurde Martin als Soldat einberufen. Von den Arbeiten jener Vorkriegszeit bis zu denen des Ruhestands ist es ein großer Schritt. Was sich als Werk der letzten 20 Lebensjahre darstellt, sind Arbeiten, die in hohem Maß von ihrer graphischen Qualität leben. Die reißbrettartige Architektur, der Einsatz der Farbe als räumliches Element lassen überall den einstigen Werbegraphiker erkennen. Allerdings: Ihre räumliche Wirkung, ihre Tiefe, ihre unerwarteten Perspektiven machen die farbkräftigen abstrakten Bilder auch interessant und regen an zu weit reichenden Gedankenspielen über Raum und Zeit.Etliche Arbeiten sind unter dem Eindruck der weiten Reisen entstanden, die Martin gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg in alle Welt unternahm. Kunst als Leben - die Frage stellte sich für Conrad Martin mehr als einmal. Entschlossen wie immer hat er sie beizeiten für sich beantwortet. Als ihm 1947 eine Tätigkeit als Lehrer an der Werkkunstschule angeboten wurde, entschied er sich für ein Leben als freier Unternehmer. Als Nebentätigkeit unterrichtete er dennoch viele Jahre dort Schrift Design.Auch für Conrad Martin blieben Leben und Kunst ein offenes Programm: "Ich muss erkennen, dass aus der Fülle der Erlebnisse vieles unverarbeitet bleibt", resümierte er vor seinem Tod 1985. Gleichwohl hatte er sich einen Spruch aus dem Büro seiner Frau als Lebensmotto zu eigen gemacht: "Fange nie an, aufzuhören, und höre nie auf, anzufangen".Die Katholische Akademie Trier, Robert Schuman-Haus, zeigt bis 15. Juli eine Ausstellung mit Bildern Conrad Martins: Sie ist montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr geöffnet. Eva-Maria Reuther