1. Die Woch

Motor: „Dann wird dieses Jahr einfach mehr geschraubt“

Motor : „Dann wird dieses Jahr einfach mehr geschraubt“

Die Leidenschaft leidet nicht: Auch wenn viele Veranstaltungen ausfallen - Oldtimerfreunde lassen sich von Corona nicht unterkriegen.

Trotz Pandemie blasen Freunde und Liebhaber von Old- und Youngtimern keinen Trübsal und finden auch unter Corona-Bedingungen Wege, den Spaß an der Oldtimerei aufrecht zu erhalten. „Dann wird dieses Jahr einfach mehr geschraubt und repariert als sonst“, sagt Elmar Betzen vom Bitburg Classic Team. In seiner Garage in Meckel brachte er in den vergangenen Monaten in seiner Freizeit schon mehrere seiner „Affen“ auf Vordermann. Affen? So nennt Elmar Betzen liebevoll seine kleine Sammlung von Honda Monkeys, einem Zweirad, das Honda ab 1961 als Fun Bike baute und den Namen, so geht die Mär, von der Sitzposition ableitete. Man sitzt wie der sprichwörtliche „Affe auf dem Schleifstein“ auf dem kleinen, tief verbauten Zweirad. Zu den absoluten Highlights zählt in diesem Jahr für Betzen ein Ausflug mit der kleinen, aber bärenstarken Honda Monkey mit Devil-Auspuffanlage über die Schwarzwald-Höhenstraße. „Die geht fast 100 km/h und flitzte den Berg hoch wie deutlich stärkere Maschinen.“ Das dies für ungewollte Stopps und Benzingespräche unter anderen Bikern sorgte, ist dabei nicht verwunderlich.

Szenenwechsel – Donnerstagabend, kurz vor 22 Uhr in einer großen Scheune in Bitburg. Um die frisch lackierte Karosserie eines 1960er Volkswagen Käfer tummelt sich ein gut gelauntes Schraubertrio mit Werkzeug und Neuteilen, um dem knapp 61 Jahre alten, bis heute ungeschweißten VW Käfer aus dem Saarland nach und nach wieder Leben einzuhauchen. Mit viel Fingerspitzengefühl bohrt und schraubt Thomas Kröffges unter den wachsamen Blicken von Markus Mertesdorf und Edgar Bujara an der fabrikneuen Fensterdichtung, um sie sicher im Fensterschacht innen zu befestigen.

Für Markus Mertesdorf, der aktuell über eine Sammlung von vier VW Käfer und einem Mercedes-Benz 180 Ponton verfügt, setzte die Begeisterung für die kugelförmigen „Luftlutscher“, wie die luftgekühlten Autos aus Wolfsburg von Fans liebevoll genannt werden, schon in früher Kindheit ein. „Bereits als Säugling war ich mit meinem Vater im Käfer unterwegs. Mit 15 Jahren ließ mich dieses Modell nicht mehr los, ich war von dieser Modellreihe infiziert und nicht mehr aufzuhalten“, erzählt der Käfer-Liebhaber aus Gilzem. Sein Herzstück, ein über einen Zeitraum von fünf Jahren perfekt und authentisch restaurierter 1951er Brezel-Käfer mit Rheuma-Klappen (Bauzeit April 1951 bis September 1952) ist sein absolutes Lieblingsmodell und der beste in der Sammlung. Ein aktuelles Gutachten beziffert den Wert dieses dunkelblauen Volkswagens auf exakt 70 000 Euro. Zum Vergleich – der Neupreis des Modells bewegte sich vor 69 Jahren je nach Ausführung zwischen 4000 und 5000 Mark.

Ortswechsel – über die kurvenreiche Kreisstraße 84 geht es hoch nach Mohrweiler bei Malberg. Droben, etwa 300 Meter über dem Meeresspiegel, treffen wir in dem kleinen, in einer Sackgasse endenden Dörfchen auf Heiko Müller, Kfz-Mechaniker und Liebhaber von Kreidler-Zweirädern und Fan von Ford-Motorsport-Klassikern. Nach dem Öffnen des Garagentors bekommen Freunde von Old- und Youngtimern leuchtende Augen. Ein Escort 2000 RS, mehrere Kreidler-Zweiräder und ein PS-starker Ford Escort Cosworth mit Allradantrieb stehen in der aufgeräumten und mit viel Herzblut durch­organisierten Garage. Der wegen seines wie ein Knochen geformten Kühlergrills so genannte „Hundeknochen“-Escort präsentiert nach dem Öffnen der Motorhaube seine hochglänzende Vergaserbatterie. „Für mich bedeuten Oldtimer Freiheit, Ruhe und Zeitlosigkeit. Du steigst ein, machst die Tür zu, schaltest ab und genießt die Erholung“, erklärt Heiko Müller. Er organisiert unter anderem auch seit Jahren das Treffen „Mobiles Kulturgut Eifel“ in Bitburg, das dieses Jahr wie viele andere Veranstaltungen abgesagt werden musste. „Wenn alles gut geht, wollen wir am ersten Sonntag im Mai 2021 einen Neustart mit der Veranstaltung wagen und hoffen, dass es klappt.“

Old- und Youngtimer sind etwas für Männer mit Benzin im Blut und Begeisterung für Technik. Carmen Bode aus dem Raum Trier wird bei dieser Aussage fast ungehalten und runzelt die Stirn. „Ich war noch ein kleines Mädchen, als mein Vater zusammen mit meinem Onkel den Motor eines Opel Kapitän A ausbaute und reparierte. Das faszinierte mich als Kind so sehr, dass ich unbedingt Kfz-Mechanikerin werden wollte. Da ich später keine Lehrstelle fand, musste ich mich um­orientieren. Stattdessen absolvierte ich mit Erfolg eine Ausbildung zur Rundfunk- und Fernsehtechnikerin.“ Ihre Begeisterung für Oldtimer und insbesondere den Käfer führte dazu, dass Carmen sich aufmachte, den Traum-Käfer aus ihrem Jahrgang zu finden und diesen zu restaurieren. „Als ich in den 80ern bei meinem ersten Käfer das Kupplungsseil wechseln musste, bin ich schier fast verzweifelt, habe es aber dennoch ohne fremde Hilfe und alleine hinbekommen“, erzählt die Käfer-Liebhaberin. Ihr aktuell frisch restaurierter 1200er ist jetzt fast fertig und wird nach dem Winter Anfang 2021 zugelassen.

Mit nur 134 jemals gebauten Exemplaren ist das 63 Jahre alte BMW 503 Coupé der Serie II von Edgar Bujara quasi bereits von „Geburt“ an eine Rarität – mit elektrischem Schiebedach und in Rot schrumpft jedoch die Verfügbarkeit dieses V8-Klassikers von BMW heute auf ein absolutes Minimum und sorgt bei Kennern des Markts für Staunen und Raunen – stünde in der Halle daneben nicht eines von 58 jemals gebauten Cabriolets derselben 503-Baureihe. „BMW baute ab Mitte der 50er Jahre mit den Baureihen 502 und 503 bis zum Roadster 507 technisch fortschrittliche V8-Zylinder-Motoren, die heute zusammen mit Formgebung und Fertigung die Faszination dieser Klassiker ausmachen“, erläutert der BMW-Fachmann. Mitte der 1950er Jahre waren diese Modelle bis zur Einführung des Tatra 603 aus der Tschechoslowakei die einzigen V8-PKW aus europäischer Fertigung. Besonders stolz ist der Oldtimerliebhaber aus Bitburg jedoch auf die dunkelblaue, viertürige BMW 502 Baur Cabriolet-Limousine mit Schmetterlingstüren. Von diesem viertürigen „Barockengel“ aus dem Mai 1955 waren nur maximal 13 Stück jemals bei Baur in Stuttgart als Sonderkarosserie gefertigt worden.

Bernd Benninghoven vom Zylinderhaus, dem Erlebnismuseum für historische Fahrzeuge und Technik in Bernkastel-Kues könnte unter Umständen jetzt auf die Idee kommen, in Bitburg anzuklopfen und die Verfügbarkeit des 502 Baur-Cabriolets zu erfragen. Aber auch ohne dieses Modell hat das Museum ein Highlight nach dem anderen zu bieten und ist ein einzigartiger Ort, um sich über historische Vor- und Nachkriegsfahrzeuge und Technik zu informieren. Zudem ist der Vorplatz des Museums in Bernkastel am ersten Freitag im Monat zu einem lockeren unbeschwerten Treffpunkt für Benzingespräche unter Old- und Youngtimerfreunden geworden. So auch am vergangenen Freitag, der allerdings den Abschluss der Saison in diesem Jahr einläutete. Und das war auch die Gelegenheit, Old- und Youngtimerfreunde anzusprechen, was für sie die Faszination Oldtimer ausmacht. „Das Tanken“, sagt der Besitzer eines knapp 5,80 Meter langen und 2,00 Meter breiten 1957er Chrysler Imperial Southamptom Coupés mit 6,4 Litern Hubraum und zwei Tonnen Leergewicht. „Jedes mal, wenn ich zum Tanken an einer Tankstelle vorfahre und fast zwei Säulenlängen blockiere, werde ich gefragt: ,Was verbraucht die Kiste denn?‘ Das ist immer wieder aufs Neue ein Erlebnis.“

Und was tankt ein Oldtimer überhaupt? Die meisten Nachkriegsfahrzeuge kommen mit Eurosuper 95 oder Superplus 98 ohne Probleme parat, oder sie bekommen beim Tanken einen Blei­ersatz dazu.

Dass für einen fast 70 Jahre alten Volkswagen Käfer im Zustand 1+ schnell mal 70 000 Euro fällig werden können, ist inzwischen keine Seltenheit. Der bis heute jedoch teuerste gehandelte Oldtimer ist ein 1957er nur viermal gebauter Ferrari 335 Sport Scaglietti. Er erzielte im Februar 2016 bei einer Auktion im Pariser Auktionshaus Artcurial mit 32 075 200 Euro den höchsten bis dahin erzielten Wert für ein Automobil.

Und wie geht es weiter mit der Old- und Youngtimerszene? Die Nachfrage lässt trotz Corona nicht nach. Die Betrachtung der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass der Bestand von Oldtimern mit H-Kennzeichen stark angewachsen ist. Am PKW-Gesamtbestand beträgt ihr Anteil jedoch lediglich rund ein Prozent. Dieser Umstand dürfte Kritikern – etwa mit Blick auf die Abgase – den Wind aus den Segeln nehmen. Dass es sich beim Thema Old- und Youngtimer spätestens dann um ein Geschäftsmodell mit Wertschöpfung handelt, wird deutlich, wenn alte, gebrauchte Teile wiederverwendet und in anderen Fahrzeugen eingesetzt werden.

 Carmen Bode in ihrem 1964er VW 1200.
Carmen Bode in ihrem 1964er VW 1200. Foto: Markus Angel
 Edgar Bujara in der 1955er BMW 502 Baur Cabrio-Limousine.
Edgar Bujara in der 1955er BMW 502 Baur Cabrio-Limousine. Foto: Markus Angel
 Schraubertrio mit Thomas Kröffges, Markus Mertesdorf und Edgar Bujara am 1960er VW 1200.
Schraubertrio mit Thomas Kröffges, Markus Mertesdorf und Edgar Bujara am 1960er VW 1200. Foto: Markus Angel
 Elmar Betzen mit den Honda Monkeys.
Elmar Betzen mit den Honda Monkeys. Foto: Markus Angel

Dass Old- und Youngtimer darüberhinaus Sehnsüchte erfüllen, Spaß machen, Erinnerungen wachhalten, Glücksgefühle wecken, aggressionsfreie Kontakte mit netten Menschen ermöglichen, ist dabei schon fast selbstverständlich.