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Abitur 2020: Der Sprung ins „wahre Leben“

Abitur 2020 : Der Sprung ins „wahre Leben“

Der März hat begonnen und mit ihm eine ganz besondere Zeit für Tausende Schüler in Rheinland-Pfalz. Es ist eine Zeit, die auch an vermeintlich unbeteiligten Menschen nicht spurlos vorübergeht.

Insbesondere dann, wenn sie regelmäßig mit Bus und Bahn unterwegs sind. Bereits im Februar, vor Beginn der Karnevalstage, kann man dort verkleidete Schüler sichten, zum Beispiel in Bademänteln oder mit Schultüten ausgestattet. Anfang März folgen Hupkonzerte im Umkreis der Gymnasien. Dann wird es einige Wochen still. Ende März stehen die Chancen gut, dieselben Schüler, die noch einen guten Monat zuvor im Nachthemd unterwegs waren, in Anzügen und Abendkleidern anzutreffen. Dann ist es geschafft.

Fast 2000 Schülerinnen und Schüler aus Trier und den Landkreisen Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm und Vulkaneifel werden dann ihre Abiturzeugnisse in Händen halten. Eine Schulband wird spielen, der Direktor wird den Jahrgang für sein Engagement innerhalb und außerhalb des Unterrichts loben. Stolze Kinder werden für Fotos mit ihren noch stolzeren Eltern posieren.

Es ist das Ende der oftmals wichtigsten Zeit im bisherigen Leben der jungen Erwachsenen. Eine Zeit, die schon lange nicht mehr nur aus Büffeln für Mathe, Biologie oder Französisch besteht. Sondern auch aus einer Vielzahl von Ritualen, die den Schulabschluss unvergesslich machen sollen.

Mit den Vorbereitungen, die für diesen inoffiziellen Teil des Abiturs nötig sind, stehen sie den eigentlichen Prüfungen mittlerweile kaum noch in etwas nach. „Die Schüler fangen meistens um Ostern an und haben dann ein Jahr Vorlauf“, das habe sich so etabliert, sagt Wolfgang Mayer, Schulleiter des Cusanus Gymnasiums in Wittlich.

Dann werden kleine Gruppen gebildet, die sich mit allen möglichen Bereichen der Planung befassen: Zunächst braucht es ein Motto, für dessen Bestimmung oft ein hochkomplexes Wahlsystem erdacht wird. Wie viele Stimmen soll jeder haben? Gibt es eine Stichwahl? Darf man kumulieren und panaschieren?

Es muss eine Abizeitung her. Die braucht Sponsoren, eine Druckerei, Steckbriefe der Schüler, am besten amüsante Lehrerzitate aus den vergangenen achteinhalb Jahren. Wer hatte da nochmal mitgeschrieben?

Natürlich braucht man einen Abistreich, einen Gottesdienst, Ideen für eine Mottowoche. ­Dabei verkleiden sich alle Schüler der Stufe jeden Tag nach einem bestimmten Oberthema. Gerne genommen sind zum Beispiel die Themen „Erster Schultag“ oder „Helden der Kindheit“. Über alle Vorschläge muss ­selbstverständlich ­basisdemokratisch abgestimmt werden.

All das muss in jedem Fall besser, größer, origineller sein als in den vergangenen Jahren, hatte man sich damals doch immer über die fehlende Kreativität der höheren Jahrgänge lustig gemacht. Wenn schließlich alles organisiert ist, und ganz nebenbei auch die Abiturarbeiten bestanden wurden, steht die Zeugnisverleihung vor der Tür und mit ihr der große Abschlussball.

Es braucht Einladungen, Catering, Dekoration, Musik. Die Jungs brauchen Anzüge: Fliege oder doch lieber Krawatte? Die Mädchen ein Kleid, von dem sie sich möglichst sicher sein können, dass es kein zweites Mal zu sehen sein wird.

In den vergangenen Jahren sind die Ansprüche an diesen allerletzten Abend an der alten Schule immer weiter gestiegen. Es soll eine Abschlussfeier werden, an die man sein Leben lang gerne zurückdenken möchte.

DIE WOCH hat mit Abiturienten des Jahres 1950 und Lehrern des Jahres 2020 gesprochen; mit Schulen und Unternehmen in der Region. Wie sie diese besondere Zeit des Jahres erleben und was sich daran geändert hat, lesen Sie hier. Die kuriosesten Abistreiche finden Sie hier.