1. Die Woch

Novemberpogrom 1938: Ein Schulfoto als Anstoß zur Erinnerung

Novemberpogrom 1938 : Ein Schulfoto als Anstoß zur Erinnerung

In Gedenken an den Novemberpogrom 1938: Franz-Josef Schmit hat das Schicksal zweier Jüdinnen aus Wittlich recherchiert.

(red) Das Foto aus dem Jahr 1925, aufgenommen auf dem Schulhof der öffentlichen jüdischen Volksschule in Wittlich, zeigt 14 Jungen und Mädchen mit ihrem damaligen Lehrer David Hartmann. Seit 1921 wirkte er auch als Kultusbeamter in der Wittlicher Gemeinde. Hartmann wurde schon vor 1938 Opfer von antisemitischen Pöbeleien. Beim Pogrom demolierten SA-Männer die Wohnung und misshandelten seinen damals 75-jährigen Schwiegervater Joseph Hess so schwer, dass er wenige Tage später starb. Hartmann selbst kam ins Wittlicher Gefängnis. Synagoge und Schulgebäude waren schwer in Mitleidenschaft gezogen, so dass der 10. November 1938 auch das Ende von Hartmanns Tätigkeit in Wittlich bedeutete. Er verließ mit seiner Frau und drei kleinen Kindern Anfang 1939 Wittlich Richtung Palästina.

Die Namen der Schulkinder sind bekannt. Sie gehören überwiegend den Jahrgängen 1915/1916 an. Außer den beiden jüngsten Mädchen konnten alle noch rechtzeitig Nazi-Deutschland verlassen, während das nicht allen Eltern der hier abgelichteten Kinder mehr gelang. Die Aufnahme ist das einzige überlieferte Foto, auf denen die beiden Holocaustopfer Margot Kaufmann und Charlotte Ermann abgebildet sind.

Margot Kaufmann wurde im Sommer 1918 geboren. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Markus Kaufmann – in Wittlich von seinen Freunden im Männergesangverein und der Feuerwehr nur Max genannt – war im November 1917 an der Westfront im Elsass gefallen. Zunächst zog Martha Kaufmann mit ihrem Säugling nach Altenkirchen zu ihren Eltern. Im Frühjahr 1922 eröffnete die Kriegerwitwe in der Kahrstraße, wo bereits die Vorfahren ihres Mannes gewohnt hatten, einen kleinen Laden. Im Jahr 1937 waren die Einnahmen so gering, dass Martha mit ihrer Tochter Wittlich verließ. Das Haus erwarb die Pfarrgemeinde St. Markus für gerademal 10 000 Reichsmark. In Frankfurt am Main lebten Mutter und Tochter, wie eine dünne Akte im Hessischen Staatsarchiv Wiesbaden zeigt, am Existenzminimum. Margot besuchte Nähkurse und versorgte ihre Mutter, die aufgrund einer Lähmung auf den Rollstuhl angewiesen war. Zeitzeugen haben berichtet, dass Margot schon in Wittlich die Möglichkeit ausgeschlagen hatte, mit einem Partner ins Ausland zu gehen.

Beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen ist ein Dokument auf der Datenbank zu finden, das das insgesamt spärliche Wissen zu Martha und Margot Kaufmann zumindest untermauert. Vor allem handelt es sich um ein Dokument der Nachdenklichkeit und Betroffenheit, wie sie im Nachkriegsdeutschland eher selten waren. Verfasst hat das Schreiben ein Chemieingenieur namens Julius Philipp Vetter, Nichtjude aus Sprendlingen bei Frankfurt/M: „21. April 1947. Betr.: Margot Kaufmann, letzter Wohnsitz Frankfurt a. Main, Baumweg 64, keine weiteren Angaben möglich. Das Mädchen lebte mit seiner gelähmten Mutter uns benachbart auf demselben Flur. Die Leute waren Juden, anständige Menschen, der Vater war im ersten Weltkrieg gefallen, hatte also sein Leben für Deutschland geopfert. Margot machte Heimarbeit in Kleidungsstücken (Arbeitsanzüge), um die Mutter betreuen zu können, die sich allein nicht helfen konnte. 1940 wurde plötzlich durch SA (oder SS?) die Wohnung beschlagnahmt samt allem darin befindlichen. Am nächsten Tag wurde das Mädel abtransportiert… wohin? Die Mutter wurde in das israelitische Krankenhaus gebracht und wird dort an einer Spritzenverabreichung gestorben sein. Ich habe von Beiden nichts mehr gehört bis heute und möchte, falls Margot die Verschleppung überstanden hat, ihr ein Heim bieten in meinem Haushalt.“

Was der Briefschreiber vielleicht viel später erfahren hat: Martha Kaufmann war nach Theresienstadt deportiert worden, wo sie am 18. September 1942 starb. Margot gilt bis heute als „im Osten verschollen“. In Wittlich erinnert eine kleine Stichstraße bei der Kirche St. Bernhard an Margot Kaufmann.

Charlotte Ermann, ebenfalls Jahrgang 1918, war das einzige Kind des Kolonialwarengroßhändlers Wilhelm Ermann. Sie gehört gleichfalls zu den Opfern des Holocaust, deren Leiden und Sterben noch immer nicht eindeutig geklärt sind. Nach dem Schulbesuch in Wittlich besuchte Charlotte 1934/35 ein Schweizer Internat bei Lausanne. Im Februar 1933 war ihre Mutter Emmy plötzlich im Alter von 43 Jahren verstorben. Als 1935 Wilhelm Ermanns Schwägerin ihren Mann verliert, zieht Jenny Herz (verheiratete Mayer) von Luxemburg nach Wittlich und kümmert sich um den Haushalt in der Villa Ermann. Am Tag des Novemberpogroms in Wittlich weilte Jenny bei Freunden in Grevenmacher. Als die SA-Rabauken, angeführt von SA-Standartenführer Fritz Ancel, in die Villa in der damaligen Wilhelmstraße 6 (heute: Trierer Landstraße) eindringen, wird auch Wilhelm Ermann verhaftet und ins Wittlicher Gefängnis eingeliefert. Zusammen mit der Hausangestellten wird Charlotte in der Garage eingesperrt.

Matthias Joseph Mehs hat in seinem Tagebuch festgehalten: „Am schlimmsten war es in der Villa Ermann, eines reichen, ruhigen, anständigen Menschen, der wohl noch nie einem Menschen was zu Leid getan. Das Zerstörungskommando drang ein, schlug Porzellan, Kristall, Silber, Uhren, Möbel, Küche, Gemälde, alles drunter und drüber zusammen. Er selbst wurde abgeführt, nachdem man noch 6000 RM bei ihm beschlagnahmt hatte.“ Der wertvolle Bechstein-Flügel wurde mit Äxten zerschlagen und zum Fenster rausgeworfen. Was Mehs nicht erwähnt: Auch das recht neue Mercedes-Cabriolet von Ermann war weg und tauchte später bei der Gestapo in Trier wieder auf.

Als NSDAP-Ortsgruppenleiter und Stadtbürgermeister Dr. Karl Hürter von den Zerstörungen erfährt, schickt er einen Polizisten zur Ermann-Villa, um Einhalt zu gebieten. Ansonsten war den Wittlicher Beamten an diesem Tag Innendienst verordnet worden, so dass nicht nur Wilhelm Ermann dem Wüten der Pogromaktivisten in Wittlich hilflos ausgeliefert war. Dem Stadtchef war bekannt, dass mit Jenny Mayer eine Luxemburgerin dort wohnte, und laut „Pogromanweisungen“ der NSDAP durften Hab und Gut von Ausländern nicht angefasst werden. Auch war die Ermann-Villa als Quartier für Major Friedrich Wilhelm Müller vorgesehen, der am Spätnachmittag mit seinen Truppen in die neu errichteten Kasernen einzog.  Als Müller später von Polizeimeister Mathias Scholz in die Villa geführt wird, wird klar, dass hier überhaupt kein Wohnen, schon gar kein standesgemäßes mehr möglich war. Wilhelm Ermann zog nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu Salomon Ermann in die Oberstraße, Jenny und Charlotte finden bei der Familie des Viehhändlers Mirtil Bermann Unterschlupf.

Vermögende deutsche Juden wurden in den Monaten nach dem Pogrom kräftig ausgeplündert. Die vorbereiteten Erlasse und Gesetze mussten nur in Kraft gesetzt werden. Das war Aufgabe von Göring, dem Beauftragten für den „Vierjahresplan“. Von ihm stammt der bezeichnende Satz vom 12. November 1938: „Ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“ Wilhelm Ermann musste 27 000 Reichsmark „Judenvermögensabgabe“ zahlen. Das war sein Beitrag zur „Judenbuße“, die man den deutschen Juden in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auferlegt hatte. Wegen der geplanten Übersiedlung nach Luxemburg waren 52 000 Reichsmark als „Reichsfluchtsteuer“ fällig und schließlich wurden noch Wertpapiere und Bankguthaben an das Deutsche Reich überschrieben.

Seit Dezember 1938 lebte Ermann als „Staatenloser“ im „Ländchen“. Charlotte war zu Verwandten nach Werne/Westfalen gezogen, wo sie zur Pflege der Großmutter mütterlicherseits benötigt wurde. Die Lebensmittelgroßhandlung Ermann-Bach, an der auch Wilhelms Bruder Max beteiligt war, war schon im Februar 1938 „arisiert“ worden. Noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen im Nachbarland waren Wilhelm und seine Schwägerin nach Südfrankreich geflohen. Sie kann als Luxemburgerin das berüchtigte Lager Gurs bald schon verlassen, während Wilhelm als „unerwünschter Ausländer“ im Auffanglager Les Milles festgehalten wird. Auch nach der Entlassung – er trifft Jenny in Montpellier wieder – leben beide bis August 1942 in Carpentras, ständig von Verhaftung bedroht, weil die Vichy-Regierung unter Pétain umfangreich mit dem deutschen Sicherheitsdienst (SD) kollaborierte. Bei einer „Juden-Razzia“ wird Wilhelm aufgegriffen und in das Lager Rivesaltes verschleppt. Der ohnehin gesundheitlich angeschlagene Mann überlebt nur knapp und wird im September 1942 nach Drancy bei Paris deportiert. Zusammen mit rund tausend Leidensgenossen, darunter viele Kinder unter zwölf Jahren, kommt er am 16. September 1942 nach Auschwitz, wo das Leben von Wilhelm Ermann in der Gaskammer endet.

  Briefkopf der Firma Ermann-Bach.
 Briefkopf der Firma Ermann-Bach. Foto: Archiv Emil-Frank-Institut Wittlich
 Villa der Familie Ermann inder Wilhelmstraße 6.
Villa der Familie Ermann inder Wilhelmstraße 6. Foto: Archiv Emil-Frank-Institut Wittlich
 Wilhelm Ermann.
Wilhelm Ermann. Foto: Franz-Josef Schmit/privat
 Haus der Familie Kaufmann (mit Giebel), Wittlich, Kahrstraße, zerstört im Zweiten Weltkrieg.
Haus der Familie Kaufmann (mit Giebel), Wittlich, Kahrstraße, zerstört im Zweiten Weltkrieg. Foto: Archiv Emil-Frank-Institut Wittlich
  In Wittlich ist eine Straße nach Margot Kaufmann benannt.
 In Wittlich ist eine Straße nach Margot Kaufmann benannt. Foto: Franz-Josef Schmit
 Geschäftseröffnung Martha Kaufmann, Anzeige im Wittlicher Tageblatt vom 13. Mai 1922
Geschäftseröffnung Martha Kaufmann, Anzeige im Wittlicher Tageblatt vom 13. Mai 1922 Foto: franz-Josef Schmit/Wittlicher Tageblatt

Im Dezember 1948 werden Wilhelm und Charlotte Ermann vom Amtsgericht Wittlich für tot erklärt. Charlotte wurde im Dezember 1941 von Werne über Münster ins Ghetto Riga deportiert. Im Transportzug befanden sich 1031 Menschen, von denen nur 102 bis Kriegsende durchgehalten haben. Wie lange Charlotte den Strapazen des Ghetto-Daseins widerstanden hat, ist nicht gesichert. Helma Levy aus Konz, die Charlotte von ihren früheren Besuchen bei den Wittlicher Großeltern kannte, teilte mit, dass sie Charlotte Ermann im AEG-Lager des Ghettos Riga noch im August 1943 getroffen habe. Dort sei Charlotte Ermann regelrecht verhungert.