1. Die Woch

Grenze: „Eine neue Chance, die Bürger für Europa zu begeistern“

Grenze : „Eine neue Chance, die Bürger für Europa zu begeistern“

Die Schließung der deutsch-luxemburgischen Grenze hat auf beiden Seiten zu Unmut geführt – und gezeigt, wie wichtig den Menschen ein Leben in einem offenen Europa ist.

Die Grenze war sein Arbeitsplatz. Erich Theis war einer der letzten Zöllner, die bis 1989 ihren Dienst an der Bollendorfer Sauerbrücke versahen. „Zum Schluss gab es nur noch Gelegenheitskontrollen“, erzählt der heute 77-Jährige. Besetzt war das kleine Zollamt, das heute einer Gaststätte als Lager dient, auch nicht mehr rund um die Uhr – nur noch morgens von 6 bis 12 Uhr, nachmittags von 14 bis 18 Uhr. Anschließend war Erich Theis in Echternacherbrück stationiert. „Jeder LKW wurde kontrolliert“, erinnert er sich. Doch 1992 wurden auch dort die stationären Kontrollen beendet.

Die Grenzkontrollen im Zuge der Corona-Pandemie sieht Erich Theis „mit gemischten Gefühlen“. Zwar hat er Verständnis, für den Wunsch, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, sieht aber auch die Gefahr, „eine der größten Errungenschaften Europas aufs Spiel zu setzen“ – den freien Personenverkehr seit dem 26. März 1995, als das Schengener Durch­führungs­überein­kommen in Kraft trat.

Deutlicher äußert sich Dr. Georg Baron von Hobe-Gelting, promovierter Jurist und Winzer auf Schloss Thorn an der Mosel: „Es ist völlig irrsinnig, ein Virus mit Grenzpolizei zu bekämpfen.“ Der 74-Jährige kennt Grenzen noch aus seiner Kindheit. Schloss Thorn wurde im Juli 1946 Teil des Saarlands, gehörte ab Juni 1947 zum neu gegründeten Land Rheinland-Pfalz – und lag nun direkt im Dreiländereck an den Grenzen zu Luxemburg und dem Saarland, das erst 1957 der ­Bundesrepublik Deutschland beitrat. Aus seinem Fenster sieht er auf die Brücke nach Remich. Die vorübergehenden Grenzschließungen nennt er „eine Katastrophe – es fühlt sich an, als wenn man Ihnen den Arm abschlägt.“

Ganz praktische Auswirkungen hatte die Schließung der Grenzen für die Feuerwehren an der Sauer. In Bollendorf und Berdorf gibt es schon lange eine deutsch-luxemburgische Kooperation. Zuerst hieß es, dass selbst im Fall eines Einsatzes der Grenzübertritt über die – zu diesem Zeitpunkt komplett geschlossene – Brücke nicht erlaubt sei, schnell wurde jedoch eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Die Feuerwehr Metzdorf, die ihr Einsatzfahrzeug normalerweise auf luxemburgischer Seite stationiert hat, holte dieses vorsichtshalber vorübergehend nach Deutschland. Fredy Schiltz, Chef des Centre d‘Incendie et de Secours Born-Moersdorf, betont aber, man habe dennoch „einen Weg gefunden“, die grenzüberschreitende Kooperation aufrecht zu erhalten. Auch wenn niemand ganz genau wusste, was bei einem Notfall nun erlaubt sein würde oder nicht – der Auftrag, Leben zu retten, hätte im Zweifelsfall Vorrang vor der Sicherung der Grenze gehabt. Glücklicherweise gab es in der Zeit der Luxemburger Ausgangssperre nur einen einzigen Einsatz.

Was es heißt, die Sauer nicht überqueren zu können, dass hat man in Metzdorf und Moersdorf ohnehin in den vergangenen Jahren erfahren müssen. Ab 2016 war die alte, baufällige Brücke gesperrt, erst vor gut einem Jahr, am 10. Mai 2019, wurde die neue „Brücke der Freundschaft“ eingeweiht. „Deshalb muss jetzt auch erst mal wieder alles langsam zusammenwachsen“, sagt Fredy Schiltz.

Auch ohne Brücke lebt die deutsch-luxemburgische Freundschaft in Nittel und Machtum. Bereits 14-mal fand dort im Rahmen der Nitteler St.-Rochus-Kirmes das Deutsch-Luxemburgische Wein­happening statt, mit kostenlosem Fährverkehr zwischen den beiden Grenzorten. Die 15. Auflage wird es allerdings erst im kommenden Jahr geben, weil bis Ende August alle Großveranstaltungen abgesagt worden sind – zum Bedauern des Nitteler Ortsbürgermeisters Peter Leo Hein. Die Nitteler Kirmesgemeinschaft und die Vertreter der Machtumer Vereine seien einander „sehr freundschaftlich verbunden“. Und schon der geplante Familientag sei wegen der Pandemie ausgefallen. Folge der Grenzschließungen: „Familien und Freundschaften sind getrennt worden, das war für die Leute wirklich belastend“, sagt Peter Leo Hein – und angesichts der sonstigen Corona-bedingten Einschränkungen „doppelt schwer“.

Mit zunehmender Dauer der Grenzschließungen wuchs auf beiden Seiten das Unverständnis – und bei den Kundgebungen entlang der Grenze zum Europatag am 9. Mai kam auch Sorge über die längerfristigen Konsequenzen auf. Der Berdorfer Bürgermeister Joé Nilles beispielsweise erinnerte an grenzüberschreitende Aktionen, Projekte, Freundschaften und Partnerschaften und fragte: „Warum soll das alles jetzt beim Kampf gegen die Verbreitung eines Virus außer Kraft und damit aufs Spiel gesetzt werden?“

Jetzt ist die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg wieder offen – und offen ist auch die Frage, wie es nun in den nachbarschaftlichen Beziehungen weitergeht. Peter Leo Hein glaubt nicht, dass das freundschaftliche Verhältnis längerfristigen Schaden genommen hat. „Die Menschen wissen, dass es nicht an uns Kommunalpolitikern gelegen hat“, sagt er und fügt mit Blick auf die Öffnung der Grenzen hinzu: „Wir freuen uns darüber genauso wie die Luxemburger.“ Letztlich könne in der Krise auch eine Chance stecken: „Ich hoffe, dass man jetzt umso mehr zu schätzen weiß, was man aneinander hat.“

Auch vom luxemburgischen Städte- und Gemeindebund Syvicol hieß es in einer Erklärung zum Europatag: „Die Union wird im Moment von einem Virus auf die Probe gestellt, aber sie bricht deswegen nicht auseinander. Denn dafür sind all die Verbindungen zu stark und die Solidarität zu groß.“ Und dabei geht es eben nicht nur um wirtschaftliche und politische Beziehungen, sondern auch um zwischenmenschliche. Auf billiges Benzin an der Tankstelle in Luxemburg oder preiswertere Lebensmittel beim Discounter in Deutschland – darauf ließe sich wohl noch am ehesten verzichten, auf Freundschaften und familiäre Bindungen nicht.

Die deutsche Einheit hat einerseits gezeigt, wie schwierig es ist, nach Jahrzehnten der Trennung wieder zusammenzuwachsen; Vorurteile zwischen „Wessis“ und „Ossis“ sind noch immer nicht ganz verschwunden. Aber vor allem hat sie gezeigt, dass ein Zusammenwachsen auch nach so langer Zeit möglich ist. Sollen also wenige Wochen geschlossener Grenzen gefährden, was Europa 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht hat?

Für die Bollendorfer Ortsbürgermeisterin Silvia Hauer ist klar: „Wir wollen unser nachbarschaftliches Europa, wie wir es kennen und schätzen – jetzt und für alle Zeit. Eine Situation wie diese darf sich nie mehr wiederholen.“

Ihr Amtskollege Michel Gloden, Bürgermeister von Schengen, äußert sich optimistisch: „Ich bin überzeugt, dass die sehr guten Beziehungen zwischen Luxemburg und Deutschland keinen längerfristigen Schaden genommen haben. Ich glaube sogar, dass es eine neue Chance ist, die Bürgerinnen und Bürger wieder mehr für Europa zu begeistern und zu sensibilisieren. Vielleicht waren wir auch in der Vergangenheit zu träge – wir haben die Vorteile, die wir durch die EU genießen, als selbstverständlich hingenommen und eigentlich nur alles kritisiert, was uns nicht in den Kram gepasst hat.“

Mit insgesamt zwölf Gemeinden aus dem Dreiländereck hat Schengen vor einem halben Jahr, als von einer Pandemie noch nichts zu ahnen war, eine Inter­essen­vereinigung gegründet, um die Zusammenarbeit sowohl im Interesse von Bürgern als auch von Touristen zu verbessern – mit dem Ziel, so sagt Bürgermeister Gloden, „dass die Mosel als Wahrzeichen unserer Region die Menschen wieder miteinander verbindet“.

Die Europaflagge in Wasserbillig auf halbmast. Foto: TV/Harald Jansen
Vor einer Woche sind die Grenzabsperrungen auch auf der Brücke in Echternach entfernt worden. Foto: Florian Blaes
Gegen Mitternacht sind die Grenzabsperrungen auch auf der Brücke in Echternach entfernt worden. Foto: Florian Blaes

„Ein Gewitter verzieht sich auch wieder“, glaubt Dr. Georg Baron von Hobe-Gelting. Aber der Moselwinzer mahnt zugleich: „Wir müssen daran arbeiten, dass das nie wieder passiert. Das muss ein Unfall gewesen sein; wir reparieren den Blechschaden – und das war’s.“