1. Die Woch

Internationaler Frauentag: Eine schillernde Figur der Frauenbewegung

Internationaler Frauentag : Eine schillernde Figur der Frauenbewegung

Internationaler Frauentag: Maria Reese war Journalistin in Trier, wurde für die SPD in den Reichstag gewählt, wechselte dann zur KPD und sympathisierte später mit den Nationalsozialisten.

Gegen Ende ihrer Ausbildung zur Volksschullehrerin belegte Maria Meyer, ab 1923 verheiratete Reese (1889 – 1958), ein Rhetorikseminar mit Übungen zur Stimmbildung bei Albert Fischer, Schauspieler und späterer Intendant des Bonner Schauspielhauses. Auf die Frage Fischers, ob Reese „Bebels Frau“ kenne, reagiert Reese nur mit einem verlegenen Lächeln: Sie kenne weder einen Bebel noch dessen Frau. Zwei Tage später hat sie August Bebels umfangreiche Publikation von 1879 „Die Frau und der Sozialismus“ gelesen – 1910 schon ein Klassiker der Frauenbewegung mit 50 Auflagen und Übersetzungen in zahlreiche Sprachen.

In ihren autobiografischen Aufzeichnungen vom Juli 1945 schreibt Reese: „Ich war in Fieberstimmung. Was stürzte nun alles auf mich ein! Das, was ich leidenschaftlich fühlte, hier war es bewiesen. Nur die wirtschaftliche Abhängigkeit hatte die Frau zur Sklavin gemacht.“ Reese, die aus einem konservativen kleinbürgerlichen Lehrerelternhaus der Eifel stammte und bis dahin kaum mit Arbeitern in Berührung gekommen war, wollte Sozialisten und die Geschichte der Arbeiterbewegung kennenlernen.

Auf der Suche nach „richtigen Sozialisten“

Als sie von der Eröffnung eines SPD-Parteibüros in Trier hört, fährt Maria Reese dorthin, wird 1919 Mitglied bei den Sozialdemokraten und ein Jahr später Redakteurin bei der „Trierer Volkswacht“.

Ihre Hoffnung, im katholisch geprägten Trier „richtige Sozialisten zu finden“, wird enttäuscht. Die Trierer Parteifunktionäre und Gewerkschafter erscheinen ihr saturiert, ohne theoretische Kenntnisse des Marxismus und verschlossen gegenüber den einfachsten Forderungen des Klassenkampfes. Von frauenpolitischen Forderungen wie „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ wollen sie nichts hören. Frauen wurden als „Schmutzkonkurrentinnen“ des Mannes und „Lohndrückerinnen“ gesehen.

Die Verdienste der Partei im jahrzehntelangen Kampf um das aktive und passive Wahlrecht für Frauen (ab 20 Jahren) wurden aber zu Recht betont. Dass bei der Wahl zur Nationalversammlung vom 12. Januar 1919 immerhin 37 Frauen einen Sitz (bei insgesamt 423 Abgeordneten) erzielt hatten, galt vielen Sozialdemokraten irrigerweise als Beleg einer inzwischen erreichten Gleichberechtigung.

In der Hoffnung, führende SPD-Politiker kennenzulernen, fährt Reese im September 1921 auf eigene Kosten als Pressevertreterin zum Görlitzer SPD-Parteitag. Sie schreibt: „Eine langweilige eintägige Frauenkonferenz ging voraus. Ein schlechter Abklatsch der bürgerlichen Frauenbewegung. Auch hier kam nicht zum Ausdruck, daß die Frauenfrage nur als Klassenfrage gelöst werden kann. Das Charakteristischste dieser Frauenkonferenz war die Tatsache, daß die ‚gleichberechtigten‘ Männer entsetzlich viel rauchten und ein ekelhafter Qualm das freie Denken unmöglich zu machen schien.“

Auf dem Parteitag selbst erlebt Reese viel „Selbstbeweihräucherung und Etikette“ der männlichen Parteigrößen – in den Augen von Reese alles „Reformisten“, weil sie „die nach Kriegsende möglich gewordene Revolution verraten hatten“. Ihre kritischen Fragen bleiben unbeantwortet, und sie selbst wird immer wieder abgefertigt mit dem Satz: „Ach Kindchen, davon verstehen Sie noch nichts!“. Frustriert reist sie vorzeitig zurück und verzichtet bewusst auf einen Bericht in der „Volkswacht“ – aus Angst, in Trier könne sie „jeden Glauben für den Sozialismus zerstören“.

Begegnung mit Clara Zetkin

Ende 1920 lernt Reese auf einer Zugfahrt von Wittlich nach Trier eine ältere Dame kennen. Die Unterhaltung verläuft anregend. „Und sie verstand, verstand alles. Noch nie war ich so verstanden worden… Auf allen Gebieten verriet sie gründliches Wissen. Sie hatte nämlich sehr geschickt ein kleines Examen mit mir abgehalten, sich aber nicht vorgestellt.“

Als ein kommunistischer Gewerkschafter einige Tage später Grüße bestellt, weiß Reese, dass sie Clara Zetkin (1857 – 1933), der wichtigsten Vertreterin der internationalen proletarischen Frauenbewegung, begegnet war. Zetkin war aufgrund politischer Verfolgung inkognito nach Frankreich zu einem Kongress gereist.

Seit 1924 lebte Reese als freie Schriftstellerin in Hannover und wurde 1928 für die SPD in den Berliner Reichstag gewählt. Hier begegnet sie wieder Clara Zetkin, die 1918 nach langjähriger Mitgliedschaft die SPD Richtung Spartakusbund/KPD verlassen hatte. Damit wurde Zetkin auch die Schriftleitung der bedeutendsten Frauenzeitschrift, „Die Gleichheit“, entzogen. In der SPD-Fraktion mit 16 Frauen war es vor allem Marie Juchacz (1879 – 1956), die als Rednerin bei Frauenthemen auftrat.

Im November 1929 wechselte Reese unter Mitnahme ihres Mandats zur KPD-Fraktion. Die KPD-Presse jubelte, während SPD-nahe Zeitungen daran erinnerten, dass Reese noch wenige Tage zuvor zum Thema „Warum müssen die Frauen sozialdemokratisch wählen?“ gesprochen hatte.

Vier Jahre nach Weltkriegsende hatte Maria Reese nach einer Reise zu den Schlachtfeldern in Frankreich einen noch heute bewegenden Reisebericht mit dem Titel „Zwischen den Trümmern einer Männerwelt“ verfasst, der als Separatdruck der Zeitschrift „Die Frau im Staat“, herausgegeben von der Internationalen Frauenliga für Freiheit und Frieden, weite Verbreitung fand.

Während des Weltkrieges war in Deutschland und anderen kriegführenden Staaten die politische Frauenarbeit aufgrund einer chauvinistischen Propaganda, durch die Politik des „Burgfriedens“ sowie durch Versammlungs- und Redeverbote fast zum Erliegen gekommen. Der Krieg hatte mühsam errungene Erfolge der Arbeiter- und Frauenbewegung zunichtegemacht; 40 000 Frauen verließen bis 1917 die SPD. Nach Kriegsende verschrieben sich vor allem Aktivistinnen aus der proletarischen Frauenbewegung dem Kampf gegen Militarismus und Aufrüstung.

Auch bei Reese gibt es die Vorstellung von „einem natürlichen weiblichen Pazifismus“. Clara Zetkin hatte in ihrem letzten Aufruf gegen den Weltkrieg 1914 Frauen an ihre Rolle als „Hüter des Lebens“ erinnert und die Mütter dazu aufgerufen, ihre Kinder mit dem tiefsten Abscheu gegen den Krieg zu erziehen.

Propagandistin der KPD

Reese trat zunehmend als Rednerin und Propagandistin der KPD in Erscheinung – so auch beim zweiten Reichskongress werktätiger Frauen mit über 1000 Frauendelegierten Ende November 1930. Zentrale Forderungen der Abschlusskundgebung im Berliner Sportpalast waren: Beendigung von Lohnraub, Lohnerhöhungen und Schutzmaßnahmen für Mutter und Kind sowie der Kampf gegen den Faschismus.

Im Reichstag gehörten scharfe Attacken gegen die NSDAP, aber auch gegen die „Sozialfaschisten“ – gemeint waren die Sozialdemokraten zum Standardprogramm von Reeses Reden. „Die Verbürgerlichung in der SPD zeigt sich besonders auch in ihrer Stellung zur Frauenfrage. Heute wendet sich die SPD schon gegen sogenannte Doppel­verdiener und empfiehlt die Entlassung verheirateter Frauen. Ganz abgesehen davon, daß kein vernünftiger Mensch heute noch von der Frau verlangen kann, entweder im Zölibat zu leben oder auf wirtschaftliche Selbständigkeit zu verzichten, wissen sie ganz genau, daß mit solchen Flickschustereien eine Millionenerwerbslosigkeit nicht einmal gemildert werden kann. Weil sie nicht kämpfen wollen, den Sozialismus nicht wollen, lenken sie auf diese Weise die Massen von der Notwendigkeit der Umgestaltung der Gesellschaft ab und putschen die Geschlechter gegeneinander.“

Aber Reese entgeht auch nicht, dass für die KPD die Frauenfrage nur ein Nebenwiderspruch im Klassenkampf darstellte – nicht wenige KPD-Funktionäre zeigten an spezifischen „Frauen- und Familienthemen“ kaum Interesse. In einem Brief vom Januar 1933 an Zetkin kritisiert Reese „die kleinbürgerliche Einstellung unserer Genossen gerade bei Frauenfragen“, die „Frauen als unbequem empfinden, wenn sie eigene Initiativen entwickeln“ und stellt fest: „Unsere Frauenabteilung ist eine Katastrophe.“

Reise in die Sowjetunion und Flucht aus Deutschland

Im Sommer 1931 reiste Reese ohne Unterstützung der KPD, aber ermutigt von Zetkin in die Sowjetunion. Ihr 1932 veröffentlichter Reisebericht „An der Front des Roten Aufbaus“ wird in der KPD-Presse stark beworben. In geradezu überschwänglichen Tönen lobt Reese die Planwirtschaft, die soziale Lage der Arbeiter und der berufstätigen Frauen: „Für die Frau in der Sowjetunion gibt es weder eine Existenzfrage noch eine Frage des Versorgers, denn sie versorgt sich selbst und findet es immer unwürdiger, ihre Arbeitskraft in kleinlicher, zermürbender Hausarbeit zu verbrauchen, anstatt im Produktionsprozeß am Aufbau einer neuen, schöneren Welt mitzuhelfen. Für dieselbe Arbeit erhält sie überall denselben Lohn wie der Mann.“

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 war Reese nach Skandinavien geflüchtet und agitierte gegen das Nazi-Regime. Zuletzt wird sie aus Schweden ausgewiesen und nach Moskau abgeschoben, wo sie ein letztes Mal die schwerkranke, von der KP kaltgestellte Clara Zetkin trifft, die ihr das Versprechen abnimmt, weiterhin für die Arbeiter und proletarischen Frauen zu kämpfen.

Reese galt inzwischen als „Verräterin“, weil sie ohne Genehmigung der Partei ausgereist war und der KPD ein völliges Versagen im Kampf gegen Hitler vorgeworfen hatte. Im Oktober tritt sie aus der KPD aus und kommt damit ihrem wenig später erfolgten Parteiausschluss zuvor.

„Abrechnung mit Moskau“

Seit 1935 ist Reese Mitarbeiterin der „Antikomintern“, einer Abteilung von Goebbels’ Propagandaministerium in Berlin unter Leitung des extremen Antisemiten Dr. Eberhard Taubert. Hier verfasst Reese 1938 ihre bekannteste Publikation mit dem Titel „Abrechnung mit Moskau“. Von ihren früheren fantastischen Schilderungen zum Wohlergehen der Frauen im „Arbeiter- und Bauernparadies“ ist nichts mehr zu lesen – im Gegenteil: Drastisch schildert sie Hungersnot und Verelendung der Massen. „Es handelt sich in der Sowjetunion eben um das raffinierteste System menschlicher Ausbeutung zur Erhaltung der Macht einer kleinen Clique um Stalin.“

 Maria Reese wurde 1889 in Michelbach (heute Stadt Gerolstein) geboren und starb 1958 in Zell (Mosel) Ihr Grab in Lüxem ist heute nicht mehr erhalten.  Fotos: privat/Nachlass Waltraud dell’Antonio
Maria Reese wurde 1889 in Michelbach (heute Stadt Gerolstein) geboren und starb 1958 in Zell (Mosel) Ihr Grab in Lüxem ist heute nicht mehr erhalten. Fotos: privat/Nachlass Waltraud dell’Antonio Foto: Franz-Josef Schmit/privat
 Bei der Reichstagswahl 1932 kandidierte Maria Reese für die KPD. Das Foto zeigt die Ankündigung einer Wahlkampfveranstaltung mit der Ex-Sozialdemokratin.
Bei der Reichstagswahl 1932 kandidierte Maria Reese für die KPD. Das Foto zeigt die Ankündigung einer Wahlkampfveranstaltung mit der Ex-Sozialdemokratin. Foto: Franz-Josef Schmit/privat
 Oben ein Wahlplakat der KPD von 1930, rechts der Titel von Maria Reeses Buch „An der Front des Roten Aufbaus, erschienen im Jahr 1932.
Oben ein Wahlplakat der KPD von 1930, rechts der Titel von Maria Reeses Buch „An der Front des Roten Aufbaus, erschienen im Jahr 1932. Foto: Franz-Jpsef Schmit/privat
 An der Front des Roten Aufbaus
An der Front des Roten Aufbaus Foto: Franz-Josef Schmit/privat
 Maria Reese war Herausgeberin der Zeitung „Die Rote Einheitsfront“, hier eine Ausgabe von 1931.
Maria Reese war Herausgeberin der Zeitung „Die Rote Einheitsfront“, hier eine Ausgabe von 1931. Foto: Franz-Josef Schmit/privat
  Der Lübecker Volksbote vermeldet Maria Reeses Übertritt zur KPD.
Der Lübecker Volksbote vermeldet Maria Reeses Übertritt zur KPD. Foto: privat
 Grab von Maria Reese
Grab von Maria Reese Foto: Nachlass Waltraud dell'Antonio

Vor allem Clara Zetkin hatte große Hoffnungen in Reese für einen gemeinsamen Kampf gegen die stalinistische Ausrichtung der KP gesetzt. Ihr Tod im Juni 1933 ersparte ihr, den politischen Seitenwechsel von Maria Reese ins braune – und nach 1950 – ins revisionistische Lager der jungen Bundesrepublik noch mitzuerleben. In diesen Kreisen war auch kein Platz mehr für Reeses frühere Vorstellungen aus der proletarischen Frauenbewegung. Und so schwieg Reese zu diesem Thema.