1. Die Woch

Naturfotografien: Expeditionen ins Pilzreich

Naturfotografien : Expeditionen ins Pilzreich

Naturfotograf Werner Becker aus Hermeskeil interessiert sich weniger für die kulinarischen als für die optischen Reize.

Pilze sind etwas ganz Besonderes: Biologisch betrachtet sind sie weder Pflanzen noch Tiere. Die meisten würden sie zwar spontan den Pflanzen zurechnen. Dafür fehlt ihnen allerdings das Chlorophyll und die Fähigkeit zur Photosynthese. Sie können also keine Nährstoffe mit Hilfe des Sonnenlichts bilden und brauchen deshalb andere Organismen, von denen sie sich ernähren. Damit sind sie, was den Stoffwechsel angeht, sogar näher bei den Tieren als bei den Pflanzen.

Pilze bilden allerdings biologisch ein ganz eigenes Reich von Lebewesen, dieses bezeichnet man neben Flora (Pflanzenreich) und Fauna (Tierreich) als Funga (Pilzreich). Speisepilze sind davon nur ein kleiner Teil. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) gibt die Zahl der in Deutschland bisher bekannten Pilzarten mit etwa 14 000 an. Man nimmt aber an, dass es tatsächlich deutschlandweit mehr als 60 000 gibt. Weltweit sind etwa 140 000 bekannt; die tatsächliche Zahl könnte bei 1,5 Millionen liegen. Auf der Positivliste der Speisepilze, die die DGfM führt, stehen mehr als 180 heimische Arten.

Das, was wir von Pilzen sehen, ist oft nur einer kleiner Teil des Pilzes selbst. Berühmt ist das Beispiel eines Hallimaschs, der im Jahr 2000 entdeckt wurde. Sein Wurzelgeflecht, das Myzel, erstreckt sich über eine Fläche von knapp 900 Hektar; sein Gewicht geben Forscher mit 600 Tonnen an. Es ist damit das größte Lebewesen der Welt und mit einem geschätzten Alter von 2400 Jahren auch eines der ältesten.

Bei richtiger Zubereitung sind manche Hallimasch-Arten nicht nur genießbar, sondern durchaus schmackhaft. Hier, wie bei allen Speisepilzen, wird nur das Fruchtfleisch gegessen, das unterirdische Pilzgeflecht stirbt dadurch nicht ab und wird in der Regel auch nicht geschädigt. Deshalb verzehren Veganer in der Regel auch Pilze. Kulinarisch betrachtet gehören Pilze aufgrund ihres von intensiven Aromen bis zu sehr milden Noten reichenden Geschmacks, dem hohen Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen und dem niedrigen Kaloriengehalt fast schon in die neuerdings viel gerühmte – oft aber exotisch besetzte – Gruppe der „Superfoods“.

Für Werner Becker aus Hermeskeil steht aber nicht das kulinarische Interesse an Pilzen im Vordergrund: „Es sind eher die kleinen und unscheinbaren Pilze, von denen die meisten Menschen gar keine Notiz nehmen oder an denen sie kein Interesse haben, weil man sie nicht essen kann“, schreibt der Naturfotograf zu den Bildern, die er an unsere Redaktion geschickt hat und die wir auf der folgenden Seite präsentieren. „Sie sind bei näherer Betrachtungsweise eher etwas fürs Auge und zum Staunen über den immensen Artenreichtum, den dieser Sektor bietet. Manche sehen aus wie „richtige“ Pilze mit einem aus Stiel und Hut bestehenden Fruchtkörper, andere sind wie die Keulenpilze schmal und langgestreckt, wieder andere erst auf den zweiten Blick als Pilz zu erkennen, zum Beispiel der zwar auffällig gefärbte, aber eher unförmige Fleischrote Gallertbecher.

Auf eines kommt es Werner Becker bei seinen Expeditionen ins Reich der Pilze aber nicht an: „Bei der Fotografie ist es gleichgültig, ob essbar oder giftig.“