1. Die Woch

Gedenktag: „Sie waren überall“

Gedenktag : „Sie waren überall“

Zum Gedenktag am 27. Januar: Erinnerung an die „Fremdarbeiter und Fremdarbeiterinnen“ in Wittlich während des Zweiten Weltkriegs.

Wenn man in den Kriegsjahren 1942 bis 1945 in Wittlich lebte, können einem die ganz unterschiedlichen Gruppen von Ausländern und Ausländerinnen in der Stadt nicht entgangen sein. Man konnte sie bei der Arbeit im Weinberg oder auf dem Feld treffen, in den Gastwirtschaften oder als Kraftfahrer auf der Straße. Dazu gehörten die Kriegsgefangenen in den Lagern in der Stadt, zum Beispiel in der ehemaligen Synagoge. Ostarbeiter waren in einem Lager im Hotel „Deutsches Haus“ in der Kurfürstenstraße untergebracht. Der Stadtbürgermeister gibt im Jahr 1948 die Zahl der Menschen, die in den Lagern gelebt hatten und teilweise auch gestorben sind, mit über 200 an – dazu kamen die Häftlinge im Gefängnis und den verschiedenen Lagern im Umland.

Gleichzeitig berichtet er von „ausländischen Zivilarbeitern und -arbeiterinnen, die unabhängig von Lagern in Handwerksbetrieben und Haushalten tätig waren“. Dabei handelte es sich um circa 290 Personen. Sie kamen aus den Ländern Westeuropas, aus Polen und der Sowjetunion, vor allem aus der Ukraine. Mit den Besetzungen durch die Deutschen im Kriegsverlauf erschloss sich ein immer neues Potenzial an Arbeitskräften.

Anfangs setzte man auf freiwillige, zumeist erfolglose Anwerbungen. Mit Arbeitspflicht und der Festlegung von Kontingenten, die auch in den kleinsten Dörfern erfüllt werden mussten, brachte man die Menschen nach Deutschland.

Im Osten, in Polen und der Sowjetunion, wurden die Methoden immer brutaler. Teilweise wurden die Menschen einfach auf der Straße aufgegriffen und zwangsweise nach Deutschland verschleppt – unter unmenschlichen Bedingungen in Güterwaggons. Sie waren Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die weder ihr Arbeitsverhältnis noch ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen konnten und ständiger Überwachung ausgesetzt waren.

Zurück nach Wittlich. René F. arbeitete als Schuhmacher bei einem Wittlicher Schuster, Fernand G. als Radiotechniker in der „Hermeta-Faßfabrik“, Maurice J. als Metzger in einer Fleischerei und René M. als Tele­grafen­arbeiter bei der Reichspost. Alle vier waren Franzosen, typisch für die aus Frankreich gekommenen „Fremdarbeiter“. Es waren fast ausschließlich Männer im mittleren Erwachsenenalter. Sie übten zumeist qualifizierte Berufe aus. Sie standen wie ihre Kollegen aus Belgien, Holland, Italien oder Luxemburg an der Spitze der „Hierarchie der Fremdarbeiter“. Ihre Arbeitsbedingungen waren besser als bei den anderen, und auch der Umgang mit den Deutschen war nicht so streng reglementiert. Zum Teil handelte es sich um ehemalige Kriegsgefangene, die in den Status von Zivilarbeitern versetzt worden waren. Das heißt nicht, dass nicht auch sie Repressalien ausgesetzt waren.

Der „rassischen“ Rangordnung der Nationalsozialisten entsprechend, standen Polen auf einer niedrigeren Stufe als die Arbeiter aus West- und Südeuropa, die „Ostarbeiter“ noch tiefer, Häftlinge und Juden ganz unten. Eine „blutliche“ Vermischung, also intime Kontakte, war verboten, und auch generell waren Kontakte soweit möglich zu reduzieren. Obwohl man in der Stadt also zusammen arbeiten und leben musste, sollten gleichzeitig die Gruppen separiert bleiben – ein kaum lösbarer Konflikt. Für Hausgehilfinnen oder auf den Bauernhöfen war eine Separierung kaum durchzuhalten. Eine junge Frau aus Polen berichtet, dass sie immer mit ihrer „Gastfamilie“ zusammen die Mahlzeiten einnahm, über den Alltag ist aber wenig bekannt.

Die Gruppen wurden auch durch äußere Kennzeichnung unterschieden. Polnische Arbeiter und Arbeiterinnen mussten ein Abzeichen mit der Aufschrift „P“, die aus der Sowjetunion ein solches mit der Aufschrift „Ost“ wie „Ostarbeiter“ auf der Kleidung tragen. Im August 1942 schickte der Landrat des Kreises Wittlich 300 „Polenabzeichen“, die er vorher in Berlin bestellt hatte, innerhalb des Kreises weiter – 40 davon in die Stadt Wittlich. Natürlich wurde das Tragen der Abzeichen überwacht. Im Dezember 1943 wurden zehn Personen mit einem Zwangsgeld von je 5 Reichsmark bestraft, weil sie die Abzeichen nicht getragen hatten. Darunter waren vier junge Polinnen. Zwei von ihnen, Viktoria P. und Erika M., beide in Winzerbetrieben beschäftigt, waren gerade mal 15 Jahre alt.

Erika M. war mit ihrer gesamten Familie im März 1943 von Großlittgen gekommen. Sie war wie ihre Eltern als „Landarbeiterin“ tätig und hatte noch zwei jüngere Schwestern, 1935 und 1937 geboren. Viktoria war, wie fast alle Jugendlichen, allein nach Deutschland gekommen. Aber zwei Schwestern kamen im Oktober 1942 gemeinsam nach Wittlich, die eine 16, die andere 17 Jahre alt. Beide arbeiteten als Hausgehilfinnen in Geschäftshaushalten in der Innenstadt. Bei den Polen und „Ostarbeitern“ gab es einen hohen Anteil von Frauen, konkreter: von jungen Frauen. Die allermeisten waren unter 30 Jahre alt, und sie arbeiteten als Hausgehilfinnen oder als Landarbeiterinnen, also in unqualifizierten Berufen. Auch die Männer waren eher als Arbeiter tätig, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder im „Heeres­verpflegungs­amt“ in der Kurfürstenstraße.

Arbeitgeber waren auch die sozialen Einrichtungen: das Kyffhäuser-Waisenhaus, die Heilstätte Maria Grünewald und das Kreiskrankenhaus. Auch dort übten die meisten einfache Tätigkeiten aus. Im Krankenhaus gab es allerdings auch ein zwei Ärztinnen und einen Arzt aus Litauen beziehungsweise der Sowjetunion. Aber im Krankenhaus kamen auch Kinder zur Welt. Eugenia N., geboren im Juli 1943, war die Tochter einer Hausgehilfin aus dem Krankenhaus. Sie starb im August 1944. Zwei weitere Hausgehilfinnen brachten dort Anfang 1944 Kinder zur Welt. Was aus ihnen geworden ist? Es gab noch mehr Kinder von „Fremdarbeiterinnen“ in Wittlich, und es gab noch mehr, die gestorben sind. Nikolai, Nina, Stanislaus und Alexej kamen alle aus der Sowjetunion und starben 1944 im Alter von fünf bis sechs Jahren. Swetlana, Eduard und Margerita, geboren 1944 in Wittlich, wurden nur ein paar Monate alt. Über ihre Lebensumstände oder die ihrer Mütter, die zu ihrem frühen Tod führten, ist nichts bekannt.

 Das Kreiskrankenhaus befand sich in den 1940er Jahren in der Hindenburgstraße 20, heute Trierer Landstraße. Nun befindet sich dort die Justizvollzugsschule.
Das Kreiskrankenhaus befand sich in den 1940er Jahren in der Hindenburgstraße 20, heute Trierer Landstraße. Nun befindet sich dort die Justizvollzugsschule. Foto: Marianne Bühler
 Obwohl viele Gräber exhumiert und die Toten umgebettet wurden, finden sich auf dem Ehrenfriedhof in der Wittlicher Burgstraße immer noch einzelne Gräber von Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern.
Obwohl viele Gräber exhumiert und die Toten umgebettet wurden, finden sich auf dem Ehrenfriedhof in der Wittlicher Burgstraße immer noch einzelne Gräber von Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern. Foto: Marianne Bühler
 Neben der ehemaligen Synagoge in Wittlich in der Himmeroderstraße ist ein neuer Platz entstanden. Das Zitat aus dem Grundgesetz an der Wand ist Erinnerung und Mahnung.
Neben der ehemaligen Synagoge in Wittlich in der Himmeroderstraße ist ein neuer Platz entstanden. Das Zitat aus dem Grundgesetz an der Wand ist Erinnerung und Mahnung. Foto: Marianne Bühler

Der Artikel beruht auf Archivmaterial der Arolsen Archives und des Landes­haupt­archivs in Koblenz.

  • Eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus sollte am Mittwoch, 27. Januar, in der Autobahn- und Radwegekirche St. Paul in Wittlich-Wengerohr und in der Synagoge Wittlich stattfinden.
  • Die Gedenkveranstaltung muss wegen der Covid-19-Pandemie ent­fallen.