1. Die Woch

Schulabschluss: So haben sich die Abitur-Jahrgänge und ihre Feiern verändert

Schulabschluss : So haben sich die Abitur-Jahrgänge und ihre Feiern verändert

Wenn sich Karl Kirch mit seinen ehemaligen Mitschülern trifft, denken sie an eine Zeit zurück, die heute kaum noch vorstellbar ist: „Das war ja eine relativ schlechte Zeit“, erinnert er sich. „Da ging es immer noch darum, dass man für sein Essen sorgen muss.“ Daran, wie sie 1944 im damaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium Trier, das 1948 in Max-Planck-Gymnasium umbenannt wurde, Luftschutzalarm leisten mussten: „In der Penne hocken und aufpassen, wenn in Trier irgendwo Bomben gefallen sind“, beschreibt er es heute.

So ging das bis in den Herbst hinein, dann machte der Krieg den Schulbetrieb endgültig unmöglich. „Ich kann mich erinnern, dass auf dem Heimweg ganz in der Nähe mal eine Granate explodiert ist. Dann wurde die Schule auch fast ein Jahr lang zugemacht. Bis Herbst 1945.“

1950 machte Karl Kirch sein ­Abitur, es gab auch eine Feier: „Aber da war nicht viel mit Trinken, wir hatten ja alle kein Geld.“ 70 Jahre ist das jetzt her, und noch immer lädt er jedes Jahr zu einem Jahrgangstreffen. Warum er sich die Arbeit macht? „Das ist ganz einfach“, holt er aus. „Zuerst hat jeder sich um sich selbst gekümmert. Die einen haben studiert, die anderen haben zuerst eine Ausbildung gemacht und sich um ihren Beruf und ihre Familien gekümmert.“ Erst mehr als 50 Jahre später, als sie im Ruhestand waren, habe sich das wirklich geändert. Dann habe man sich ernsthaft gefragt: „Was ist aus dir geworden? Wo kann man Kontakt halten?“ In den vergangenen Jahren sei dieses Interesse sogar noch stärker geworden, so dass sich nun alle einig seien: „Wenn du das weiter machst, treffen wir uns nächstes Jahr wieder.“ Mittlerweile sind sie um die 90 Jahre alt.

Die Zeit, die Karl Kirch und seine Mitschüler noch immer verbindet, ist für knapp 2000 Schüler in der Region die Gegenwart. Nachdem sie im Januar ihre Abitur­arbeiten geschrieben haben, stehen nur noch die mündlichen Prüfungen aus. Dann ist es Zeit für die Verleihung der Zeugnisse und den Abiball, doch der wirft seine Schatten bereits seit Langem voraus.

Schon im Sommer 2019 standen die ersten jungen Erwachsenen des Abi-Jahrgangs 2020 im Trierer Modehaus Marx, erzählt Birgit Kehren, die dort unter anderem für das Marketing verantwortlich ist. Für das Abitur sind Anzug und Abendkleid mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. „Das ist seit etwa acht Jahren auf jeden Fall so. Seit sechs Jahren bewerben wir das auch konkret“, erinnert sie sich. Wirkliche Trends könne man dabei nicht ausmachen. Einige wollten sich „so richtig Prinzessinnen-like“ schön machen. Ein Cocktailkleid sei aber womöglich auch für spätere Gelegenheiten breiter einsetzbar. Angesichts der Preise kein ungewichtiges Argument: „Die günstigsten Kleider bei uns fangen bei 100 Euro an und gehen dann bis 300 Euro nach oben“, sagt Kehren. 200 Euro seien für ein Abikleid ein durchaus üblicher Preis, meistens aber mit finanzieller Unterstützung der Eltern.

Dazu kommen natürlich Schuhe, oftmals eine passende Handtasche, Maniküre, der Friseur und bei einigen sogar professionelles Make-up.

Auch bei Wolfgang Mayer laufen die Vorbereitungen für den großen Abend. Er ist seit 1985 als Lehrer tätig und derzeit Schulleiter des Cusanus-Gymnasiums in Wittlich. Hier wird er in wenigen Wochen 61 Schülern ihre Abschlussurkunden überreichen. An der offiziellen Zeugnisverleihung habe sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert, sagt er. Im Atrium der Schule, das bis zu 600 Menschen Platz bietet, werden Eltern, Großeltern und Geschwister Platz nehmen. Er freut sich auf Schülerreden, „die mal mehr, mal weniger politisch sind“, auf Gesangs- und Musikbeiträge. „In den vergangenen Jahren gab es auch sehr häufig Männerballett, wo Schülerinnen den Jungs beim Einstudieren unterstützend beistehen.“ Rund zwei Stunden soll das dauern. Danach folgt der Ball.

Doch die wirklich große Frage lautet: Was geht es für die Absolventen in der Zeit nach den Abschlussfeiern weiter? In Wittlich begleitet die Schüler diese Frage schon lange: „Wir haben ab der achten Klasse ein durchgängiges Konzept für berufliche und schulische Orientierung“, sagt Mayer. Das beginne mit Werksbesichtigungen, dann folge ein zweiwöchiges Betriebspraktikum. Es gebe Veranstaltungen mit der Arbeitsagentur und ehemaligen Schülern, Berufsmessen würden besucht, Hochschulen besichtigt. Tatsächlich sind sie Möglichkeiten kaum zu überblicken: Die Bundesagentur gibt seit Langem jährlich das Handbuch „Studienwahl“ heraus. Der Inhalt: Mehr als 18 500 Studiengänge auf rund 400 Seiten.

Das hat auch damit zu tun, dass immer mehr junge Menschen das Abitur machen. Nach Angaben des statistischen Landesamtes haben 2019 mehr als 37 Prozent der Schulabgänger in Rheinland-Pfalz die Hochschulreife erlangt. Knapp 15 000 Menschen waren das. Auch wenn die Zahl der Berufseinsteiger insgesamt aufgrund der niedrigen Geburtenraten der 90er und „Nuller“-Jahre kontinuierlich sinkt, steigt die absolute Zahl der Abiturienten mit wenigen Einbrüchen seit Gründung der Bundesrepublik. Besonders auffällig dabei ist ein Trend: Bereits seit den 80er Jahren machen mehr Frauen als Männer das Abitur. 2019 waren mehr als 56 Prozent aller Abiturienten im Land weiblich.

Bei Karl Kirch im Jahr 1950 sahen diese Zahlen noch ganz anders aus: Weniger als ein Drittel betrug die landesweite „Frauenquote“ in seinem Jahrgang. 522 Abiturientinnen gab es in ganz Rheinland-Pfalz. Auch insgesamt legten damals nur 3,8 Prozent der Schulabgänger das ­Abitur ab. Dementsprechend haben viele der 42 Schülerinnen und Schüler, die damals das frisch getaufte Max-Planck-Gymnasium verließen, Karriere gemacht. Sie leiteten später große Unternehmen, wurden Juristen oder Theologen. Nun blicken sie auf bewegte Leben zurück. In ihrem Abschlussjahrgang haben sie Freundschaften geschlossen, die 70 Jahre später vielleicht wichtiger sind denn je.

All das ist für die knapp 2000 ­Abiturienten Zukunftsmusik. Wenn sie auch die mündlichen Prüfungen hinter sich gebracht haben, heißt es für sie erst einmal: feiern. An dem Gelingen dieser Feier haben sie immerhin seit fast einem Jahr gearbeitet.