1. Die Woch

Trier: Alte Bauernregeln zwischen Aberglauben, Nostalgie und Wissenschaft

Wettervorhersagen : Alte Bauernregeln zwischen Aberglauben, Nostalgie und Wissenschaft

„Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis die kalte Sophie vorüber ist“ – so lautet eine der vielen alten Bauernregeln. Ob sie stimmen und wer sich heute noch daran hält.

„Abendrot ist der Gutwetterbot’“, sagte schon die Großmutter, wenn sie auf den Spaten gestützt im Garten stand und in den abendlichen Himmel schaute, ihren alten Strohhut noch auf dem Kopf. Der Großvater hätte einen Wetterumschwung sowieso in den Knochen gespürt ... Wer hat sie nicht, diese nostalgischen, positiven Erinnerungen an die eigene Kindheit und kann nicht sogleich eigene alte Wetterreime zitieren?

Die Sehnsucht nach einer guten alten Zeit überkommt einen in der Verunsicherung und der Kontaktsperre der letzten Wochen womöglich häufiger. Das ist normal, denn Nostalgie ist auch ein Schutz gegen negative Gedanken (siehe Infobox unten).

Die Arbeit im Garten selbst, kann dagegen von Einsamkeit und Grübeleien ablenken. Womöglich inspiriert von naturverbundenen Großeltern sind in letzter Zeit auffällig viele Menschen vor ihren Häusern am Ackern. Sie mulchen Beete, weil die Erde endlich warm genug ist, schneiden Verblühtes ab, binden hochwachsende Pflanzen an und ziehen Gemüsepflänzchen vor.

Mit der Frühjahrsbepflanzung sollte man aber sicherheitshalber die sogenannten Eisheiligen abwarten, weil es vorher noch zu Nachtfrost kommen kann. Die mehreren Gedenktage der Eisheiligen im Mai enden ursprünglich am 15. Mai, dem Tag der heiligen Sophie. Die Bauernregel dazu lautet in vielen Mundarten etwas anders, zum Beispiel: „Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis die kalte Sophie vorüber ist.“

„Unsere Kunden halten sich da schon noch dran“, sagt die Gärtnerin Gabi Steindorf aus Bitburg. Dementsprechend halte sie erst nach dem 15. Mai Sommerbepflanzung wie Geranien, Begonien und Petunien bereit. In vielen Baumärkten werde darauf leider häufig nicht geachtet, die würden dann solche Pflanzen schon früher verkaufen. Sie rät ihren Kunden, Blumenkästen und Kübelpflanzen zwar vorzubereiten und am Tag ins Freie zu stellen, sie aber abends wieder hereinzuholen, wenn der Wetterbericht Nachtfrost ankündigt.

Wegen der Verschiebung durch die gregorianische Kalenderreform Ende des 16. Jahrhunderts sind viele alte Bauernregeln aus der Zeit des julianischen Kalenders mittlerweile erst circa acht Tage später anzuwenden.

Auch die Agrarmeteorologin Bianca Plückhan vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach kennt die Regel der Eisheiligen. Sie sagt: „Vor dem 23. Mai sollte man keine Pflanzen rausstellen, die bei Frost Schaden nehmen könnten. Ab Mitte Mai sinkt die Wahrscheinlichkeit für Boden- und Luftfrost dann.“ Das liege an zu dieser Zeit häufig wiederkehrendem Hochdruck und der Zufuhr von kalter Luft.

„Witterungsregelfälle wie die Eisheiligen nennt man meteorologisch Singularitäten”, erklärt Plückhan. Andere Singularitäten sind zum Beispiel die Schafskälte im Juni, der Siebenschläfer oder die Hundstage Ende Juli. Plückhan vom DWD sagt: „Diese Singularitäten haben einen gewissen wissenschaftlichen Rückhalt. Auch beim Siebenschläfer hänge das mit den Luftströmen zusammen, die im Zeitraum um Ende Juni und Anfang Juli herum dazu tendieren, das Wetter zu erhalten“.

Der Trierer Universitätsprofessor und Meteorologe Günter Heinemann, der zu dem Thema schon Kinder-Uni-­Veranstaltungen angeboten hat, sagt: „Die Siebenschläfer-Regel stimmt für Süddeutschland und damit auch für Trier und Umgebung in 6 von 10 Jahren, also zu etwa 60 Prozent“. Wenn man das Wetter rate, liege man mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent richtig. Er sagt: „Mit Bauernregeln kann man keine Wettervorhersage machen.“ Auch, weil sich viele von ihnen widersprechen.

Früher allerdings hatten die Bauern oft wenig Alternativen. Bauernregeln ­– auch Lostage genannt – gehören zum ganz alten Volksglauben. Sie bestimmten Tage oder Zeiträume im Bauernjahr, die den Bauern dabei helfen sollten, das Wetter vorherzubestimmen, um verschiedene landwirtschaftliche Arbeiten verrichten zu können. Ihre Bezeichnung und das Datum solcher Lostage orientiert sich am Heiligenkalender des christlichen Kirchenjahres.

Der Mönch Bruder Clemens Willems aus der Abtei St. Matthias in Trier kennt Bauernregeln noch aus seiner Kindheit. „Die Leute in unserem Hochwalddorf und auch meine Eltern, die dort Kleinbauern mit etwas Vieh und Gemüse waren, haben sich solche Regeln oft erzählt, zum Beispiel ‚Morgenrot – Regen droht‘“, erinnert er sich. Heute höre er aber lieber den Wetterbericht und schaue morgens aufs Barometer, bevor er sich um seine über 70 Obstbäume im Abteigarten kümmere. Das Klima habe sich auch verändert. Manchmal habe er Äpfel, die bis in den Juni des nächsten Jahres reichten – nach trockenen Sommern ernte er dann wiederum nur 15 Prozent. Bruder Clemens: „Dieses Jahr blühen die Birnen schon Anfang April wie verrückt.“ Er hofft, dass die im Mai nicht noch erfrieren.

Was die Bauern und Winzer selbst von „ihren“ alten Regeln halten, lesen Sie hier.