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Region
Geisterdörfer und boomende Metropolen?

Sieht so die Zukunft im Kreis Vulkaneifel aus?
Foto: Friedemann Vetter
Sieht so die Zukunft im Kreis Vulkaneifel aus? Foto: Friedemann Vetter FOTO: vetter friedemann
Region. Allein die Glaskugel kann zeigen, wie sich die Zukunft gestaltet. Für Mathematiker ist eine verlässliche Aussage hingegen ohne genaue Berechnung kaum möglich.

Für eine Prognose der Bevölkerungsentwicklung etwa ziehen die Statistiker Erfahrungswerte heran wie die Geburtenrate – doch auch die Zahl der Kinder pro Frau unterliegt den Trends der Familienplanung. Die steigende Lebenserwartung ist jedoch ein Faktor, der sich sicher berechnen lässt. Dagegen können beispielsweise kurzfristige politische Entwicklungen nicht vorhergesehen werden und fließen somit nicht in die Kalkulationen ein. Vor diesen unerwarteten Ereignissen sind die Statistiken nicht gefeit.

In düsteren Farben hat das Statistische Landesamt im Jahr 2000 für 2015 ein Bild des demografischen Wandels von einer überalternden Gesellschaft gezeichnet. Mit den aktuellen Zahlen lässt sich überprüfen, inwiefern dieses Szenario eingetreten ist.

Ist die Prognose für das Jahr 2015 in der Region eingetreten? Ein Blick in den Landkreis Bernkastel-Wittlich zeigt, dass allen Kommunen bis auf  die Stadt Wittlich eine Bevölkerungsabnahme prognostiziert wurde. Tatsächlich ist die Einwohnerzahl nahezu gleich geblieben (minus 0,48 Prozent): 2017 waren 112 134 Personen im Landkreis gemeldet, 1997 waren es mit 112 677 nur 543 Personen mehr.

Für die Verbandsgemeinden (VG) Bernkastel-Kues und Kröv-Bausendorf (heute zu Traben-Trarbach gehörend) sagten die Statistiker jeweils eine Abnahme von über fünf Prozent voraus. Für die gesamte  VG Traben-Trarbach hat sich die Prognose bewahrheitet: Um mehr als sechs Prozent ist die Einwohnerzahl geschrumpft. Auch die Zukunft sieht nicht rosig aus. Eine neue Prognose mit dem Basisjahr 2013 zeigt einen weiteren Abwärtstrend.

In der VG Bernkastel-Kues ist der Rückgang nicht so dramatisch ausgefallen wie prognostiziert (minus 1,85 Prozent). Zwar konnte die VG zwischen 2014 und 2016 leichte Zuwächse verzeichnen, doch im Vergleich zu 1997 sind die Einwohnerzahlen um rund 600 auf 28 008 Personen (2017) gesunken.

Für Morbach, Thalfang und Wittlich-Land berechneten die Statistiker eine negative Entwicklung von bis zu fünf Prozent. Tatsächlich hat sich die Bevölkerungszahl in Morbach und Thalfang um rund 4,5  Prozent verringert. Relativ konstant geblieben ist die Zahl in Wittlich-Land.

Die Stadt Wittlich sollte laut der Prognose einen leichten Bevölkerungszuwachs verzeichnen. In der Realität wuchs die Bevölkerung jedoch um sieben Prozent an. Bis 2020 wird die positive Tendenz anhalten. Seit 1997 haben die Stadt Wittlich und die VG Wittlich-Land Zuwächse zu verzeichnen. In Wittlich lebten 2017 18 906 Menschen, das sind im Rückblick auf 1997 1460 Wittlicher mehr. Besonders ab 2014 wuchs die Stadt. Zu den Zugängen zählen auch die Bewohner der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) in Wittlich, die 2015 ihre Türen für Asylsuchende öffnete. In Wittlich-Land stiegen die Einwohnerzahlen von 29 427 (1997) um drei Prozent auf 30 162.

Für die Vulkaneifel sagte das Statistische Landesamt nur für die VG Hillesheim ein leichtes Wachstum vorher. Die Anzahl der Menschen veränderte sich zwischen 2000 und 2015 allerdings kaum. Allen anderen Verbandsgemeinden der Vulkaneifel (Daun, Gerolstein, Kelberg und Obere Kyll) wurde eine geringe Bevölkerungsabnahme von bis zu fünf Prozent prognostiziert.

In Wirklichkeit fielen die Verluste deutlich größer aus. In Daun sank die Einwohnerzahl um sechs Prozent, an der Oberen Kyll und Gerolstein um mehr als sieben Prozent und in Kelberg um fast neun Prozent. Damit steht Kelberg im Gesamtvergleich am schlechtesten da. Dort war die Bevölkerungsabnahme am stärksten im Vergleich mit allen Verbandsgemeinden in der Region.

Dabei ist der Landkreis Vulkaneifel bis in die 2000er Jahre noch gewachsen, doch seitdem gibt es weniger Vulkaneifler. Waren es 1997 noch 63 776 Einwohner, wurden 2017 nur 60 705 registriert.

Die einzige Verbandsgemeinde in der Vulkaneifel, die ein leichtes Plus in den Melderegistern verbuchen kann, ist – wie prognostiziert – Hillesheim. Von 8586 (1997) stieg die Zahl der Hillesheimer um zwei Prozent auf 8759 im vergangenen Jahr. Für die nahe Zukunft zeigt die Prognose für die VG Hillesheim eine stagnierende Einwohnerzahl an, für alle anderen eine fortschreitende Abnahme.

Eine negative Entwicklung sollten laut Prognose auch die meisten Verbandsgemeinden im  Eifelkreis Bitburg-Prüm  durchlaufen. Laut Berechnungen sollten die VG Arzfeld und Südeifel um mehr als fünf Prozent schrumpfen. In Arzfeld bestätigte sich mit minus sieben Prozent die Vorhersage, was sich laut der aktuellen Prognose bis 2020 fortsetzen wird.

Aber in der Südeifel trat genau das Gegenteil ein. Anstatt einer starken Abnahme verzeichnete die Verbandsgemeinde eine Zunahme von sechs Prozent, was einer Differenz von elf Prozent entspricht. Für das Bitburger Land, Prüm und Speicher sollte die Zahl laut Prognose leicht sinken, was in Prüm (minus drei Prozent) und Bitburger Land (minus ein Prozent) zutraf.

Im Bitburger Land stagniert die Einwohnerzahl: 2017 wurden dort 25 271 Menschen  gezählt, 1997 waren es 25 193, die Tendenz ist aber leicht steigend. In der VG Prüm schwinden die Bewohner.  Nach einer stetigen Zunahme in den 90ern, nahm die Einwohnerzahl  von  1998 mit einem Höchststand von 22 169 auf 21 385 im Jahr 2017 ab.

Die VG Speicher hingegen wuchs um fast fünf Prozent. Von 1997 (7827) ist sie um sieben Prozent auf 8371 im vergangenen Jahr angewachsen. Dazu beigetragen haben neue Baugebiete in mehreren Ortsgemeinden. Außerdem wurden Wohnungssiedlungen in Herforst und Speicher, in der bis vor einigen Jahren nur amerikanische Soldaten wohnten, für den allgemeinen Wohnungsmarkt geöffnet. Das vorausgesagte leichte Wachstum der Stadt Bitburg wurde mit acht Prozent sogar übertroffen.

Nach den Berechnungen für das Jahr 2020 werden die Verbandsgemeinden Speicher, Südeifel und Bitburger Land sowie die Stadt Bitburg ein Wachstum verzeichnen können.

Insgesamt ist der  Eifelkreis Bitburg-Prüm in den letzten 20 Jahren gewachsen. 1997 lebten dort 96 394 Menschen, inzwischen sind es rund 2000 mehr. Das entspricht in etwa den 2000 Menschen, die seit 1997 in der Stadt Bitburg hinzukamen. 2016 gab es einen Sprung um  3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Afa, die Mitte 2015 in Bitburg eröffnet und 2017 wieder geschlossen wurde.  Zu Spitzenzeiten lebten dort rund 750 Flüchtlinge, die in der Stadt gemeldet waren. Auch in der Südeifel ist die Einwohnerzahl leicht gewachsen. Von 18 441 im Jahr 1997 auf 18 940 in 2017, was auf die geografische Nähe zu Luxemburg zurückzuführen ist.

Entgegen der Prognose für die Verbandsgemeinden Konz, Trier-Land, Schweich und Hermeskeil im Landkreis Trier-Saarburg, die eine leicht Bevölkerungsabnahme  prophezeite, haben die Verbandsgemeinden alle einen leichten (Trier-Land plus vier Prozent) oder sogar starken Zuwachs (Konz und Hermeskeil je plus sechs Prozent, Schweich plus neun Prozent) verzeichnet. Laut der neueren Prognose für 2020 soll Hermeskeil künftig schrumpfen – ­ der derzeitige Trend widerspricht dieser Vorhersage allerdings. Für Saarburg, Kell am See und Ruwer wurde eine geringe Zunahme vorausgesagt, die sich in Ruwer mit fünf Prozent erfüllt hat. In Saarburg wurde sie mit über zwölf Prozent Wachstum übertroffen.

Verlierer im Landkreis ist die VG Kell am See. Dort sanken die Einwohnerzahlen entgegen der Prognose um fünf Prozent. So verringerte sie sich von 1997 um rund 400 Personen auf  9268 im Jahr 2017. Der Trend wird sich fortsetzen.

Kell ist die einzige Verbandsgemeinde im Landkreis Trier-Saarburg, die schrumpft. Denn sowohl Saarburg, Ruwer, Trier-Land als auch Konz können starke Bevölkerungszuwächse verzeichnen. Die Einwohnerzahl der VG Saarburg stieg von 1997 (19 837) um fast 16 Prozent auf 23 581 im Jahr 2017 deutlich an. In Konz nahmen die Zahlen im selben Zeitraum von 29 039 auf 32 051 zu. In Ruwer haben sich die Einwohnerzahlen ebenfalls stetig positiv entwickelt. Seit 1997 wuchs die Zahl um acht Prozent auf 18 396.

Auch bei der Verbandsgemeinde Trier-Land wurden in den letzten 20 Jahren mehr Menschen im Melderegister verzeichnet. So ist die Zahl um knapp 800 Einwohner gestiegen von 21 122 auf 21 925. Wie die VG Trier-Land gehört auch die VG Schweich zum „Speckgürtel“ der Stadt Trier. Schweich wuchs auf 28 075 Einwohner im vergangenen Jahr an. Neubaugebiete wie der Ermesgraben, die in den vergangenen Jahren realisiert wurden, locken die Menschen an den Rand der Stadt Trier.

Damit ist nur die Prognose für Hermeskeil eingetroffen. Seit 1997 ist die Bevölkerungszahl in der VG Hermeskeil annähernd gleich geblieben. Dort lebten 15 081 Menschen, 2017 waren es 15 236. Allerdings erlebte Hermeskeil durch die Eröffnung der Afa im November 2015 einen temporären Zuwachs von 2014 zu 2015 auf 15 902 Personen. 2016 ging die Einwohnerzahl wieder zurück. Bei allen anderen Verbandsgemeinden im Landkreis lagen die Statistiker daneben. So ist der Landkreis Trier-Saarburg  von 136 596 Einwohnern (1997) um acht Prozent auf 148 532 im vergangenen Jahr gewachsen.

Was macht den Landkreis Trier-Saarburg beliebt? Ein Blick auf eine weitere Statistik, die der Einpendler nach Luxemburg des Geografischen Informationssystems der Großregion, genügt, um dies zu erklären. Die Zahl der Pendler nach Luxemburg stieg zwischen 2006 und 2015 um 55 Prozent im Kreis Trier-Saarburg, um 58 Prozent in Trier und 46 Prozent im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Niedrigere Mieten und Grundstückspreise machen die Grenzregionen für Arbeitnehmer attraktiv im Vergleich zum Luxemburger Wohnungsmarkt.

Trier sollte laut der Berechnungen stark schrumpfen. Das Gegenteil ist eingetreten: Trier wuchs um rund 13 Prozent. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Denn 2007 wurde die Zweitwohnungssteuer eingeführt, die in der Prognose mit dem Basisjahr 2005 nicht einbezogen wurde.  Hatten im Jahr 2000 noch 9472 Personen ihren Nebenwohnsitz in Trier, waren es 2015 nur 1231 Personen. Denn um die Steuer zu umgehen, meldeten Betroffene ihren Neben- zum Hauptwohnsitz um.

Ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor sind die Flüchtlinge, die für die Statistiker nicht absehbar waren. 2013 waren 10 785 Ausländer, darunter auch Asylbewerber, in Trier gemeldet, bis 2015 erhöhte sich die Anzahl auf 14 085. Die Gesamteinwohnerzahl stieg von 2014 auf 2015 um 6000 auf 114 914 Einwohner, rund 2200 davon lassen sich durch Geflüchtete erklären. 2016 sank die Einwohnerzahl dann wieder auf 110 111, die Zahl der Ausländer wuchs aber dagegen um rund 3200.

Die Weisheit „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“ trifft den Nagel auf den Kopf. Zugetroffen ist die Vorhersage des Statistischen Landesamts nur in wenigen Fällen (zum Beispiel VG Prüm). Oft stellte sich die Realität als weniger dramatisch dar (VG Bernkastel-Kues) oder auch deutlich positiver (VG Südeifel, Konz, Hermeskeil) oder negativer (Vulkaneifel) als der Blick in die Zukunft versprach.  

Zum Zeitpunkt, als die Prognose erstellt wurde, war noch nicht absehbar, dass sich so viele Flüchtende auf den Weg nach Europa machen würden, was einige Abweichungen erklärt. Der Vergleich der Landkreise zeigt, dass besonders die Städte und die grenznahen Regionen  zu Luxemburg aufgrund ihrer attraktiven Lage für Arbeitnehmer wachsen. Doch die ländlichen Regionen, in denen attraktive Jobs begrenzt sind, bieten nur wenige Anreize, dort wohnen zu bleiben oder sich dort anzusiedeln.