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Interview über Achtsamkeit mit Schönstattschwester Anne-Meike Brück aus Trier

Spiritualität : Interview über Achtsamkeit – Welche Wurzeln stärken mich?

Die Ordensschwester Anne-Meike Brück aus Trier verrät Tipps gegen überwältigende Gefühle, wie man dabei von der Natur profitiert und wie sie persönlich mit Angst und Einsamkeit während der Corona Krise umgeht.

Der Stamm der über 175 Jahre alten Blutbuche im Schönstattpark des Trierer Stadtteils Heiligkreuz ist im Umfang 4,10 Meter dick. Ganz in der Nähe, im Schatten eines anderen Baums, hat Schwester Anne-Meike Brück eine Bank und einen Stuhl so arrangiert, dass wir entspannt aber in Corona-gebührendem Abstand reden können – über Achtsamkeit, Genügsamkeit, Dankbarkeit und das Annehmen dessen, was man nicht ändern kann.

Während ich noch vorsichtig das Diktiergerät in ihrer Nähe arrangiere, schaut die 62-jährige Schönstattschwester nach oben und sagt: „Wir sitzen hier unter einem Tulpenbaum. In drei Wochen beginnt er zu blühen und es wäre zu schade, wenn er verblühen würde, ohne dass ihn Menschen sehen“. Sie hält ihre „Oase“, wie sie den kleinen Park mit Kapelle um ihr Haus nennt, bewusst für Besucher offen, in diesen Zeiten, die ihr keine Angst machen.

Warum macht Ihnen Corona keine Angst?

Weil ich keinerlei Vorerkrankungen habe und in den letzten Jahren auch keine Grippe hatte, habe ich mich entschieden, dass ich es überleben werde, wenn es mich treffen sollte. Ich glaube man darf sich von der Angst nicht beengen lassen. Sich an die Vorschriften halten, das tun, was man tun kann, und ansonsten seiner Wege gehen.

Das ist ein sehr achtsames Konzept, das Sie da leben, wenn Sie sich nicht von den Emotionen treiben lassen, sondern selbst bestimmen, was Sie an sich heranlassen. 

So ist es.

Finden Sie es denn gut, dass sich derzeit viele Menschen mit Achtsamkeit beschäftigen oder stört Sie das auch?

Ich denke, dass das zuerst einmal gut und wichtig ist, dass eine Art Kehrtwende stattfindet. Und ich denke auch, dass die Corona-Krise uns helfen könnte, achtsamer zu werden. Es gibt ganz viele, die jetzt mehr Zeit haben als vorher. Ich selbst weiß gar nicht, wie meine Angestellte und ich das vorher gemacht haben. Die Haus- und Gartenarbeit, die ansteht, und dann jeden Tag Veranstaltungen. Ob von anderen Trägern hier im Haus, oder von mir selbst organisiert. Außerdem Kontakte halten und Telefonate führen. Die Telefonate sind nun länger und intensiver und man ist viel konzentrierter bei dem, der jetzt mit einem spricht, und hat nicht den Druck, dass man gleich zum nächsten Termin muss. Andere Berufsgruppen haben aber natürlich mehr Stress.

Überkommt Sie manchmal Einsamkeit, gerade wenn Sie vorher immer so viele Menschen getroffen haben? Oder fehlt noch nichts?

Heute Morgen kam eine Terminabsage einer Gruppe für November. Da hab ich gedacht: Oh Gott. Es wird doch wohl nicht bis Ende des Jahres so gehen. Eine Weile ist das ok. Ich habe mir überlegt, im Sommer einen digitalen Sprachkurs zu machen. Also die Zeit kriegt man überbrückt. Ich kann auch drei Jahre so weiterleben. Die Frage ist aber immer: Was für einen Sinn macht das Ganze. Hier im Park könnte man manches anbieten auf Abstand. Sobald es erlaubt ist, werden wir uns irgendetwas einfallen lassen. Weil wir ja nicht für uns alleine auf dieser Welt sind. Also ich verstehe mich nicht als Einzelgängerin.

Da gibt es andere Ordensgemeinschaften, die viel stärker in dieser Isolation leben, für die das gerade vermutlich weniger Unterschied macht.

Ja, als Schönstätter Marienschwestern sind wir ein Säkularinstitut. Wir stehen in der Welt und im direkten Dienst an den Menschen.

Was ist Ihr Geheimnis? Woher haben Sie Ihre positive Lebenseinstellung, Ihre Gelassenheit und wie akzeptieren Sie Dinge, die Sie nicht beeinflussen können?

Ein Schlüsselwort für mich ist: Die Gnade baut auf der Natur auf. Der Garten hier ist beruhigend. Man tritt ein und ist in einer anderen Welt. Das gehört für mich auch zum Thema Achtsamkeit. Zu fühlen und zu artikulieren, was das ist, was einen hier so angenehm umgibt. Als Kind habe ich einfach in der Natur gelebt. Wir haben Häuschen im Wald gebaut, ganz im Moment gelebt. Aber das war mir nicht so bewusst. Das jetzt so wahrzunehmen, wie Natur heilt und wie schön die Natur ist, das ist erst in den letzten Jahren bei mir stärker geworden. Hier in den Garten kommen viele Menschen. Sie umarmen die Bäume, singen oder machen Körperübungen. Am Anfang, als ich vor vier Jahren hier herkam, fand ich manches eigenartig. Aber mittlerweile habe ich auch einen tieferen Bezug zu dieser wunderschönen Natur bekommen. Ich umarme die Bäume zwar nicht, aber ich liebe sie auch.

Schwester Anne-Meike sagt, dass in den Garten des Schönstattzentrums Trier viele Menschen kommen. „Sie umarmen die Bäume, singen oder machen Körperübungen“. Auch Zelten im Park ist nach Absprache möglich. Foto: Katharina Fäßler

Und hilft Ihnen dann die Natur dabei, Gefühle oder Situationen anzunehmen?

Bevor ich hier herkam, war ich 13 Jahre lang Wallfahrtsleiterin in Schönstatt in Vallendar bei Koblenz. Da haben wir 2014 das 100-jährige Jubiläum gefeiert und ich hatte viele internationale Begegnungen. Es kamen mehr als 10 000 Menschen zum Jubiläum. Das war eine großartige Zeit mit viel Trubel. Da war ich immer beschäftigt, manchmal bis in die Nächte hinein. Als ich hierher kam, war das der totale Kontrast. Da musste ich mich erst daran gewöhnen, dass es hier so ruhig war und die Besucherzahlen relativ niedrig. Das hat ein paar Monate gedauert, bis ich das schätzen gelernt habe. Aber jetzt wächst eine innere Freude.

Wäre das ‚in der Natur sein’ auch ein Tipp für Menschen außerhalb der ‚heiligen Klostermauern’, wie sie Achtsamkeit und das Annehmen lernen können?

Ja. Der Baum ist ein Sinnbild, wie wir achtsamer mit uns selbst umgehen können. In meinen Seminaren weise ich darauf hin: Ein Baum hat Wurzeln. Es macht Sinn, sich zu fragen: Welche Wurzeln habe ich? Was gibt mir Halt und Sicherheit? Und mein Tipp ist, das zu verstärken, indem man es sich öfter bewusst macht. Sich auf die Wurzeln eines echten starken Baumes zu stellen kann dabei helfen.

Die Bäume ihres Parks haben für Schwester Anne-Meike eine besondere Bedeutung. Sie rät, sich manchmal auf deren starke Wurzeln zu stellen. Foto: Katharina Fäßler

Der Baum wächst nach oben und auch wir Menschen sind dafür geschaffen, nach oben zu wachsen. Das heißt für mich, sich nach Gott auszurichten. Pater Kentenich, der Gründer der Schönstattbewegung, hat oft vom Baum der Frauengröße gesprochen.

Heutzutage nennt man das „die eigene Resilienz stärken“ und aus der japanischen Wissenschaft hört man, dass man „Waldbaden“ gehen soll, weil die Geruchsbotenstoffe der Bäume unsere Krebsabwehrzellen stärken sollen. – Haben Sie noch einen anderen, konkreten Tipp, wie man zum Beispiel mit Wut umgehen kann oder mit Dingen, die man nicht ändern kann?

Es gibt Dinge, die man nicht ändern kann. Das zu akzeptieren, ist eine Entscheidung mit dem Verstand. Er hilft mir zu erkennen, dass es Kraftverschwendung ist, sich über etwas zu ärgern, was sich nicht ändern lässt. Den Verstand zu nutzen kann man lernen. Pater Kentenich hat einmal gesagt: „Gehen lernt man durch gehen, lieben durch lieben“. Den Verstand zu nutzen lernt man dadurch, dass man ihn nutzt. Das heißt, wenn ich den Eindruck habe, meine Emotionen überwältigen mich, dann ist es notwendig, sie mit dem Verstand zu durchdringen und in eine Richtung zu lenken, die gut für mich ist. Wenn ich das alleine nicht kann, dann hole ich mir jemanden, der mir hilft. Die Emotionen sollten wir nicht unterdrücken. Aber sie brauchen eine Lenkung. Ich kann mich an eine Seminarteilnehmerin erinnern, die voller Wut war und gerne einige Teller zerschlagen wollte. Nachdem sie das im Freien getan hatte, ging es ihr besser. Wir haben danach miteinander angeschaut, was sich in ihr dabei abgespielt hat. Das hat ihr geholfen. Es geht darum, einen Weg zu suchen, wie man die Wut loswerden kann, ohne mir und anderen zu schaden. Der menschlichen Natur, auch den Emotionen also den Raum geben, den sie brauchen.

Wo sind Sie ganz im Hier und Jetzt?

Im Kapellchen. Selbst Menschen, die keine religiöse Beziehung haben, sagen mir immer wieder, an diesem Ort kommt man zur Ruhe. Diese Kapelle ist eine Nachbildung der Kapelle in Schönstatt und die gibt es über 200 Mal auf der ganzen Welt. Und das ist eine Erfahrung, egal in welches Land ich gehe: Daheim fühle ich mich in dem Moment, wo ich ein solches Kapellchen betrete.

Ganz im Hier und Jetzt ist Schwester Anne-Meike Brück vom Schönstattzentrum Trier in ihrem Kapellchen. Foto: Katharina Fäßler

Achtsamkeit kann in der buddhistischen Lehre auch durch Meditation geübt werden. Sehen Sie auch Parallelen zu Ihrem Gebet?

Das Gebet ist für mich ein Gespräch mit Gott. Das kann überall und in jeder Situation stattfinden. Der Unterschied ist also, dass wir uns im christlichen Gebet mit einem personalen Gott verbinden und somit ist es tiefgreifender als ein Selbstgespräch.

Viele Menschen, die Achtsamkeit üben, wollen sich und ihre Zufriedenheit unabhängig machen von Bewertungen oder vom Verhaltens anderer und Kraft aus sich selbst schöpfen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, jeder, der eine Weile lang versucht hat, die Kraft nur aus sich selbst zu schöpfen, merkt, wie schnell er an Grenzen kommt. Das ist für mich das Schöne am Glauben: Gott und seine Liebe sind grenzenlos. Und er ist treu. Wir erleben immer wieder, wie schnell sich alles ändern kann, auch jetzt in der Corona-Krise. Aber irgendwie brauchen wir auch etwas, von dem wir sagen können, „das bleibt“. Und Gottes Liebe bleibt.

Im Kirchenlied „Von guten Mächten“ schreibt Dietrich Bonhoeffer „erwarten wir getrost, was kommen mag“ und, dass man dankbar für Leid sein kann. Geht daraus nicht eine Passivität hervor? Oder anders formuliert: Wenn man sein Vertrauen in Gott legt und Leid akzeptiert, geht einem dann die Leidenschaft verloren, für das Gute und Richtige aktiv zu kämpfen?

Ich denke, wer aus christlichem Glaube passiv ist, der hat etwas falsch verstanden. In meiner früheren Tätigkeit habe ich mich zum Beispiel eingesetzt für Frauen nach Trennung oder Scheidung. Wir haben einen Kreis gebildet und die Frauen unterstützt. Ich bin Gründungsmitglied von Lichtzeichen e.V. Hilfe für schwangere Frauen, da bin ich auch nach wie vor aktiv. Der Verein hat seinen Sitz in Vallendar bei Koblenz. Einmal im Monat fahre ich zur Unterstützung dorthin. Ich suche von hier aus Sponsoren und unterstütze die Mitarbeiterinnen. Hier vor Ort läuft ein Sprachkurs für Flüchtlinge und wir hatten ein Gartenprojekt mit Flüchtlingen.

Ich glaube man kann mehr tun für andere, wenn man die Ruhe in sich hat. Dann kann man absichtslos gut sein und kann sich unabhängig machen von der Dankbarkeit anderer oder vom eigenen Profit.
Was andere Ordensleute der Region von Achtsamkeit halten und was das Prinzip grundsätzlich beinhaltet, lesen Sie HIER.