Neuer Schwung für die närrische Zeit: Karneval kann kommen!

Karneval : Neuer Schwung für die närrische Zeit: Karneval kann kommen!

„Ein dreifach donnerndes TÄLCHEN …“ – „HELAU!!!“ – So wird es Anfang Februar wieder durch den Raum schallen, wenn sich Prinzessinnen, Piraten, Einhörner und Cowboys und Indianer aus Niedermennig, Obermennig, Krettnach und Umgebung zur Kappensitzung im Krettnacher Bürgerhaus versammeln.

Dieses Jahr werden es vielleicht auch einige Pippis, Batmen, Darth Vaders, Winnetous und Pumuckls sein, denn das Motto lautet „Helden der Kindheit“. Das ganze Jahr über haben die Mitglieder des Vereins Tälchen Karneval getanzt, getextet und getüftelt – an Choreographien, Büttenreden, Kostümen, am Bühnenbild und am Programm – das rund vier Stunden füllt. Ganz schön viel Arbeit also. Lohnt sich das?

Närrischer Nachwuchs: „Auf jeden Fall“, sagt Susanne Adrian, Materialwartin des Vereins, der rund 180 Mitglieder zählt. Im Tälchen laufe es richtig gut: Die Karten für die beiden Kappensitzungen seien jedes Jahr ruckzuck verkauft, die Kinderkappensitzung für die ganz Kleinen komme sehr gut an, es kämen immer mehr Tanzgruppen dazu und selbst an Büttenrednern mangele es nicht.

Nach den Sitzungen seien immer alle ganz begeistert. Da kämen viele auf sie zu und sagten, ‚Nächstes Jahr mache ich auch was‘. Viele springen zwar auch wieder ab, wenn es losgeht, – „das muss man ja alles in seiner freien Zeit machen“, sagt Adrian, die gemeinsam mit ihrem Bruder Sebastian Konz (Vorsitzender des Vereins) und mit ihrer Schwester Sabine Michels seit rund 20 Jahren auf der Bühne steht. „Aber das macht nichts. Es gibt ja viele, die gerne mitmachen“.

Auch bei den Saarburger, Trierer, Wittlicher und Bitburger Narren hat der Generationswechsel laut den Vereinen funktioniert.

„Wir haben einen neuen Vorstand mit jungen Leuten, die können gut mitreißen“, sagt Dorothea Schröder vom Bitburger Karnevalsverein Freunde der Bütt. Außerdem feiere der Verein in dieser Session ein besonderes Jubiläum: zwei mal elf Jahre Kinderkarneval.

Auch die Trierer Vereine sind laut Andreas Peters, dem Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Trierer Karneval (ATK) sehr gut aufgestellt (siehe Seite 1). Die Saarburger Karnevalsgesellschaft Hau-Ruck schätzt sich laut dem Vorsitzenden Johannes Kölling mit knapp 100 Damen im Tanzsport und dem neuen 14-köpfigen Männerballett sehr glücklich. Deutlich schwieriger sei es, junge Redner zu generieren. „Dafür muss man Talent mitbringen“, sagt Kölling. „Wir haben in den letzten Jahren aber immer guten Nachwuchs gehabt.“

Das närrische Publikum: „Wir haben das Glück, dass wir als Verein und auch unsere Veranstaltungen gefragt sind“, fügt Kölling hinzu. Alle vier Kappensitzungen seien in den letzten Jahrzehnten immer ausverkauft gewesen. Kölling weiß aber auch, dass das nicht in allen Orten so ist. Mancher Verein aus der Umgebung habe seine Sitzung aufgeben müssen. „Das ist schade, wenn das Brauchtum ausstirbt“, sagt er.

Auch die Wittlicher Narrenzunft Rot-Weiß hat immer weniger Publikum. Der Verein hat die Zahl der Kappensitzungen von fünf auf drei reduziert. „Das ist ein bisschen komisch“, sagt der Vorsitzende Günter Eller. Sie hätten guten Nachwuchs und die Aktiven seien jung, der Altersdurchschnitt des Publikums aber relativ hoch. „Die Jugend heute hat andere Interessen“, meint Eller. Selbst bei den Sitzungen hätten Jugendliche das Handy in der Hand. „Ich denke aber, dass wir noch lange unser Ding machen können“, sagt der Vorsitzende, der seit 30 Jahren dabei ist. Im Karneval habe es immer ein Auf und Ab gegeben. Und die drei Sitzungen seien ausverkauft.

Fastnachtsumzüge: Sorgen bereitet Eller die Entwicklung der Karnevalszüge. „Wir haben guten Zulauf, da stehen immer 10 000 Leute an der Strecke, aber die Zahl derer, die mitmachen wollen, wird weniger.“ Das sei inzwischen eine Kostenfrage. Ein Zug bringe keine Einnahmen, werde aber immer teurer. Auch er verweist auf den Erlass, nach dem die Wagen „getüvt“ werden sollten (siehe Seite 1). „Da wurde ja Gott sei Dank zurückgerudert.“

Insgesamt seien die Kosten enorm gestiegen, sagt auch ATK-Präsident Peters. Hätten die „unsichtbaren Kosten“ für den Trierer Rosenmontagszug – wie für Sicherheits- und Sanitätsdienst, Gema-Gebühren, Dixi-Klos und Absperrungen – vor einigen Jahren noch bei 10 000 Euro gelegen, lägen sie heute bei knapp 40 000 Euro. „Das hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht.“

Das Konzer Tälchen hat seinen Zug vor knapp zehn Jahren aufgegeben, weil sowohl die Gruppen als auch der Zulauf immer weniger wurden. Der Tälchen Karneval bietet stattdessen seit 2016 eine Kinderkappensitzung mit Fastnachtsfeier an. „Das ist ein toller Ersatz“, sagt Adrian, „die ist viel besser besucht“.

Auch andere Vereine reagierten flexibel auf die schwierigeren Rahmenbedingungen, sagt Werner Blasweiler, Pressesprecher der Rheinischen Karnevalskorporationen (RKK). Manche Vereine wechselten sich jährlich mit ihrem Umzug ab, andere gingen von den Kerntagen weg, um mehr Teilnehmer und Zuschauer zu bekommen, wieder andere böten Nachtumzüge an. „Die Vereine haben da gute Ideen“, sagt Blasweiler.

Alkohol an Fastnacht: In der Region gab es in den vergangenen Jahren allerdings Probleme bei Nachtzügen. Betrunkene auf den Wagen und am Straßenrand, Schlägereien und immer größere Sicherheitsauflagen haben dazu geführt, dass beispielsweise der Verein Saarburger-Fastnacht den Umzug 2019 erstmals von den Abend- in die Mittagsstunden verlegt hat. Das sei eine gute Entscheidung gewesen, sagt der neue Vorsitzende Philip Hoffmann. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst hätten bestätigt, dass es viel ruhiger gewesen sei als nachts. Trotzdem seien geschätzt genauso viele Zuschauer gekommen. „Und wir freuen uns sehr, dass die Musikvereine dadurch wieder dabei sind.“ Diesen sei es nachts zu gefährlich geworden. „Die werden dann auch bei der After-Zoch-Party auf dem Boemundhof noch ein Ständchen spielen“, sagt Hoffmann.

Die KG Salmtalnarren Rivenich bietet, nachdem es 2018 zu Schlägereien gekommen war, die deutschlandweit Schlagzeilen machten, erstmals keinen Umzug mehr an. „Wir geben auf, wir geben uns geschlagen. Wir lassen die langjährige Tradition traurig sterben“, verkünden die Karnevalisten in einer Büttenrede, die sie auf ihrer Facebookseite veröffentlicht haben.

„In Bitburg war Alkohol noch nie ein Problem“, sagt Dorothea Schröder. Während des Umzugs werde dort kein Alkohol ausgeschenkt. Umliegende Dörfer böten inzwischen einen Familienumzug an und ließen keine großen Wagen mehr zu, um laute Techno-Musik zu vermeiden.

Der Spaß am Närrischsein: „Wir wollen einen volksnahen Karneval mit bunten Gruppen und Kamellen“, sagt Schröder. Denn das Ziel des Karnevals sei es, Spaß zu haben. Und das haben die Narren – trotz aller Herausforderungen. „In unserer Region können wir stolz sein, dass jeder Verein sein eigenes Programm hat und eigene Büttenredner“, sagt Peter Pries, Präsident des Karnevalisten-Landesverbandes Rhein-Mosel-Lahn. „Hier machen die Leute alles für ihren Verein.“

Das kann Susanne Adrian vom Tälchen Karneval bestätigen: Die Büttenredner schrieben das ganze Jahr über an ihren Reden und auch die Garden trainierten durchgehend. Und nicht nur die Leute auf der Bühne investierten viel Zeit. „Man braucht ja auch Leute für den Bühnenauf- und abbau oder für den Standdienst“, erklärt die 35-Jährige. Sie hätten sehr viele Helfer.

RKK-Sprecher Blasweiler betont die Bedeutung dieses Engagements in den Vereinen. Die Mitglieder leisteten das ganze Jahr über qualifizierte Jugendarbeit. „Das ist eine Investition in die Gesellschaft“, sagt Blasweiler.

Und was treibt die Narren dabei an? „Ich finde es schön, sich im Dorf zu engagieren“, sagt Adrian, „und ich mag es, die Leute zum Lachen zu bringen.“ Das positive Feedback nach den Sitzungen motiviere sie jedes Jahr aufs Neue. „Es wird anerkannt, was wir machen.“

Ein lautes Helau für den närrischen Nachwuchs

Kindergarden, Kinderkappensitzungen und junge Vereine: Um den närrischen Nachwuchs machen sich die Karnevalisten in der Region derzeit keine Sorgen mehr. „In vielen Vereinen hat es in den letzten Jahren einen Generationswechsel gegeben“, sagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Trierer Karneval, Andreas Peters. Junge Leute zwischen 30 und 40 Jahren hätten übernommen und automatisch ihre Familien und Freunde mitgebracht. Dadurch kämen auch wieder viele Kinder dazu. „Wir sind im Trierer Bereich in allen Vereinen sehr gut aufgestellt“, sagt Peters.

Das bestätigt Werner Blasweiler, Pressesprecher der Rheinischen Karnevals-Korporationen (RKK) – des größten selbständigen Regionalverbands Deutschlands – für die gesamte Region: „Wir haben nicht das Gefühl, da blutet was aus.“ Im Gegenteil: Die RKK merkten in den letzten Jahren einen Zuzug. „Das ist allerdings kein Selbstläufer“, sagt Blasweiler, „wenn die Vereine in der Nachwuchsarbeit nachlassen würden, wäre das nicht mehr so.“

Während es im Bereich der Tanzgruppen und Showeinlagen überhaupt keine Sorgen gebe, sehe das im Bereich der Büttenredner anders aus. Das führt Blasweiler vor allem auf ein verändertes Publikumsinteresse zurück: Es gebe einen Trend hin zu Partyevents. Außerdem gebe es heutzutage übers Fernsehen eine dauerhafte Comedy-Berieselung. „Da ist es schwer, was zu finden, was es noch nicht gab“, erklärt Blasweiler. Und: Die Gags würden heutzutage über die sozialen Medien geteilt. Dadurch könne es passieren, dass ein Gag in einer Woche noch gut funktioniert „und in der nächsten Woche kennt den schon jeder“. In manchen Vereinen funktioniere es sehr gut: „Da nehmen erfahrene Büttenredner junge an die Hand und führen sie langsam auf die Bühne.“ Wenn man aber den Zeitpunkt verpasse, Jüngere anzulernen, werde es schwierig.

Ein viel größeres Problem sieht Blasweiler allerdings in dem immer größeren Aufwand, den die Vereine für ihre Züge betreiben müssen, sowohl finanziell als auch organisatorisch. So wurden beispielsweise durch einen Erlass des rheinland-pfälzischen Verkehrsministeriums vom Juli 2018 die Sicherheitsbestimmungen für Faschingswagen deutlich verschärft – mit schwerwiegenden Folgen. Laut den RKK „drohte, insbesondere dem urwüchsigen ländlichen Straßenkarneval vielfach das Aus.“

Deshalb hätten sie sich mit der Landesregierung auseinandergesetzt und einen Kompromiss erreicht: Aktuell brauchen die Wagen keine offizielle Betriebserlaubnis, müssen aber durch einen unabhängigen Sachverständigen zugelassen sein. Damit ist ein Wagen zwar teurer als früher, aber nicht ganz so teuer wie nach dem Erlass befürchtet. „Das ist eine zusätzliche Belastung für die Vereine“, sagt Blasweiler, „aber Sicherheit ist natürlich ein wichtiges Gebot“.

Bitburger Tollitäten: Prinz Daniel I., Prinzessin Bianca I. und das Kinderprinzenpaar Jana I. und Florian l. Foto: Bitburger Karnevalsverein Freunde der Bütt/Fotostudio Nieder
Die KG Hau-Ruck Saarburg hat keine Nachwuchssorgen. Foto: TV/Marion Maier
Anneliese Altenhof (links) und Melanie Peters gehören, wie sie selbst sagen, „zur aussterbenden Spezies der Büttenredner“. Als Masseusen Margot und Helga sind sie daher gern gesehene Gäste – zum Beispiel bei der Proklamation und der Kostümsitzung in Kordel, dem Möhnenball in Preist und den Kappensitzungen in Aach und Schleidweiler. Foto: H. Altenhof
Der Elferrat der Wittlicher Narrenzunft wünscht sich zahlreiches Publikum. Foto: TV/Guennes Eller

Aber nicht nur die Kosten, mit denen auch Vereine aus der Region zu kämpfen haben, sind ein Problem. Aktuell brechen zum Beispiel einigen Karnevalsgesellschaften die Räumlichkeiten für ihre Veranstaltungen weg und durch die Winterferien, die in die närrische Zeit fallen, wandert Publikum ab.