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Langlebige Mode / Handwerk: Total tote Hose – oder doch nicht?

Langlebige Mode / Handwerk : Total tote Hose – oder doch nicht?

Wer kaputte Kleidung reparieren lässt, unterstützt damit Schneidereien und geht gleichzeitig nachhaltig und wertschätzend mit Mode um.

„Jeans reißen immer an der gleichen Stelle, egal ob sie teuer oder billig waren“, sagt Gaby Lauterbach, gelernte Schneiderin aus Oberbillig. Sie lehne keine Hose ab, es gebe fast kein Stück, das man nicht mehr retten könne, sagt sie. „Manchmal aber, wenn die Jeans so oft hier war, dass der Stoff richtig porös oder dünn geworden ist und mehr Garn von mir stammt als vom Originalhersteller, dann bekommt die Hose Hausverbot“, gibt die 56-Jährige lachend zu.

In der Änderungsschneiderei Hans Lieser in Trier hängen an einer großen Wand an 1000 Nähgarnnadeln ebensoviele bunte Garnfarben und –arten. Schneidermeister Johannes Lieser, der den Familienbetrieb in der dritten Generation führt, sagt: „Hauptsächlich ändern wir Neuwaren oder Kleidung, die nicht passt. Immer mehr Kunden lassen aber auch Kleidung bei uns reparieren. Das macht etwa 20 Prozent unserer Arbeit aus.“ Vor allem Lieblingsstücke, an denen Erinnerungen hängen, würden gebracht – egal ob sie in der Anschaffung teuer oder billig waren. Acht von zehn Teilen seien Jeans. Seine acht Mitarbeiter und er können aber auch Löcher an Pullovern flicken oder kaputte Reißverschlüsse austauschen.

Die Preisliste auf seiner Webseite verspricht vom Knopf annähen für 2,50 Euro bis zum Reißverschluss einer Jacke erneuern für etwa 30 Euro eine große Bandbreite an Flickdienstleistungen. Abhängig seien die Reparaturkosten immer auch von Aufwand und Zeit, so der 51-jährige Lieser. Ebenso handhaben es auch Frau Mhin Vu in Daun und Sonja Schweinheim in Trier. Sie schauen sich die Kleidungsstücke an und sagen, was die Reparatur kosten wird. „Ich nehme mir vorher Zeit, Neukunden zu erklären, dass wir weiche Stoffe unter die gerissenen Stellen legen, sodass da nichts unbequem reibt nach der Reparatur. Was ich nicht mehr mache, ist, mich für die Preise zu rechtfertigen“, sagt Schneidermeisterin Schweinheim. Gerade ältere Menschen seien noch von ganz früher gewohnt, dass man einen Reißverschluss für umgerechnet drei Euro eingenäht bekomme. Mieten und Gehälter für die Mitarbeiter seien heute aber sehr viel teurer als früher. Bei fast allen befragten Schneidern der Region dauert die Reparatur eines Kleidungsstücks etwa eine Woche.

Sonja Schweinheim arbeitet seit 17 Jahren in Trier. Die Kundschaft und die Gründe, warum man Kleidung reparieren lasse, habe sich mit der Zeit verändert. „Männer kommen oft aus Bequemlichkeit, weil sie sich an eine Hos’ gewöhnt haben, die super passt,“ sagt Schweinheim.  Seit etwa einem Jahr bemerke sie auch häufiger Reparaturaufträge im Sinne der Nachhaltigkeit: „Die Kinder der Kunden, mit denen ich angefangen habe, kommen jetzt mit ihren eigenen Kindern. Also junge Leute, die ein gutes Vorbild sein wollen.“

Derzeit ist bei Gaby Lauterbach in Oberbillig und bei den vielen Schneidern der Region wie überall aufgrund der Corona-Ansteckungsgefahr und der Kontaktbeschränkung „total tote Hose“. Sie hoffen, dass es nach Corona weitergeht mit ihrem Handwerk.

Ein paar Schneider gibt es noch in der Region. Google findet in Trier 16 Ergebnisse, in und um Wittlich fünf, in Bitburg zwei, in Saarburg drei, in und um Konz sechs, in Hermeskeil eins und in Daun zwei.

Warum also nicht einmal im eigenen Schrank umsehen? Was ist das älteste Kleidungsstück, das Sie besitzen und immer noch gerne tragen? Gibt es ein geliebtes Stück von dem Sie sich nicht trennen können, obwohl es schon lange kaputt ist? Im Internet gibt es viele Tipps, wie man kleine Reparaturen selbst erledigen kann. Und wenn’s zu kompliziert wird: packen Sie eine Tasche mit den Kleidungsstücken, die Sie ganz bewusst erhalten wollen und bringen Sie sie nach der Corona-Pandemie bewusst zur Reparatur.

Schicken Sie uns ein Foto von Ihnen mit Ihrem ältesten Kleidungsstück und schreiben Sie uns, welche Geschichte Sie damit verbinden. Hier gehts zum Hintergrundartikel.