„Träume nicht vom Jakobsweg — geh einfach los!“

Pilgerreise : „Träume nicht vom Jakobsweg — geh einfach los!“

Ein ganz persönlicher Pilgerbericht von WOCH-Leser Karl Joachim Hofstätter

Für meine Frau Birgit (58) und mich (65) stand sehr schnell fest, wir werden den portugiesischen Jakobsweg von der Hafenstadt Porto in Portugal bis zur legendären Pilgerstadt Santiago de Compostela in Spanien gehen. In jene spirituelle Stadt Galiciens, in der die sterblichen Überreste des heiligen Apostels Jakobus in der dortigen Kathedrale aufbewahrt werden. Wir wollen selbst erfahren, was Millionen von Menschen seit dem 9. Jahrhundert, der Entdeckung des Apostelgrabes, antreibt. Ein Stück jenes Weges gehen, um den sich Mythen und Abenteuer ranken.

Nachdem wir einen Tag die wunderschöne Stadt Porto, auch bekannt durch ihre vielen Kachelfassaden (Azulejos), besichtigt haben, geht es endlich los. Gut vorbereitet starten wir am 6. Mai 2019 auf den etwa 280 Kilometer langen Küstenweg „caminho portugues“. Die Gesamtstrecke haben wir in 13. Etappen eingeteilt, durchschnittlich waren also etwa 20 Kilometer am Tag zu bewältigen. Das sollte auf dem eher flachen Streckenprofil machbar sein. Die Unterkünfte wurden vorher gebucht, und das war gut so. Viele Pilger waren schon im Mai unterwegs und deshalb war so manche Unterkunft auf der zunehmend beliebten Küstenstrecke ausgebucht. Ein Pilger berichtet uns, dass er noch 8 Kilometer weiter laufen musste, um ein Quartier für die Nacht zu finden.

Endlich am Ziel angekommen. Foto: Karl Joachim Hofstätter

Unsere ständigen Begleiter sind ab jetzt unsere Rucksäcke. Die ersten zwei Tage beschimpfe ich ihn als lästiges zehn-Kilo-Geschwür auf dem Rücken. Ab dem dritten Tag spüre ich ihn nicht mehr und ab dem vierten Tag vermisse ich ihn sogar, wenn ich ihn einmal ablege. Die Wanderschuhe sind zum Glück bequem und gut eingelaufen; anziehen und die Füße nicht mehr spüren, so soll es sein. Keiner von uns hatte Blasen an den Füßen. Und um es vorweg zu sagen: Nein, es gab keinen Ehekrach, ganz im Gegenteil, wir gingen harmonisch das gleiche Tempo und genossen die vielfältigen neuen Eindrücke. Es war ein gemeinsames Pilgern mit allen Sinnen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben viel Neues gesehen, gehört, gerochen und geschmeckt.

Die pulsierende Stadt Porto – Startpunkt der Reise. Foto: Karl Joachim Hofstätter

Die ersten fünf Etappen in Portugal verlaufen entlang der Atlantikküste. Immer links das mächtige Rauschen des Meeres und die unverkennbaren Schreie der Möwen. Es geht bei warmem, aber windigem Wetter kilometerlang und oft alleine, ruhig und entspannt über gut ausgebaute Holzbohlenwege, durch einsame Dünen und Buchten, die zum kurzen Verweilen und Verschnaufen einladen, vorbei an idyllischen Stränden und kleinen verträumten Ortschaften. Ab und zu gibt es kleinere Regenschauer, die uns nichts ausmachen. Hin und wieder treffen wir auf andere Pilger und wir rufen uns den obligatorischen Pilgergruß „buen camino“ zu. Mit einigen kommt man länger ins Gespräch und man geht ein Stück des Weges gemeinsam. Den ein oder anderen trifft man dann auf den Etappen immer wieder und jeder freut sich den anderen wieder zu sehen. Meine Frau begeistert sich an den fast überall wild wachsenden Callas und den Strelitzien. Auch der frische Fisch, den wir jeden Abend hier genießen, hat es ihr sehr angetan.

Impressionen vom Küstenweg in Portugal. Foto: Karl Joachim Hofstätter

Als Wegeorientierung dient uns der verlässlich überall angebrachte gelbe Pfeil, der den Jakobsweg sicher markiert. Leider ist der Küstenweg in Portugal noch nicht ganz durchgehend fertiggestellt, so dass wir immer wieder auch ins tristere Landesinnere auf weniger attraktive Wege geleitet werden. Aber es geht immer wieder zurück zum Meer.

Eine Muschelwand mit vielen Sprüchen, Wünschen und Gebeten. Foto: Karl Joachim Hofstätter

Gerade hier in Portugal werden wir von vielen Menschen freundlich angesprochen, einige haben in Deutschland gearbeitet, zumeist im Hamburger Hafen, und sprechen etwas deutsch. Sie bewundern unser Vorhaben und wünschen uns ein portugiesisches „bom caminho“ oder „bom dia“. Andere sind den Jakobsweg selbst gegangen und geben uns bereitwillig Insidertipps und zum Einkehren für eine kleine Pause: immer die Cafés aufsuchen, die auch von Einheimischen genutzt werden. Ein guter Hinweis, wie wir auch an den günstigen Preisen feststellen. Wir waren überall willkommen. Als Pilger erkannt – schließlich tragen wir die Jakobsmuschel als Pilgersymbol an unseren Rucksäcken – zollt man uns große Anerkennung und sucht das Gespräch. Oft reicht ein lobendes „Daumen hoch“. Viele Autofahrer hupen anerkennend.

Ein alter Wanderschuh, von der Natur erobert. Foto: Karl Joachim Hofstätter
Der gelbe Pfeil zeigt die Richtung nach Santiago de Compostela, der blaue zur Wallfahrtsstätte Fatima. Foto: Karl Joachim Hofstätter
Ein bisschen Spaß muss sein. OK, an der Haltung muss ich noch arbeiten. Foto: Karl Joachim Hofstätter
Ein alter Wanderschuh von der Natur erobert, darüber der gelbe Pfeil Richtung Santiago de Compostela, der blaue zur Wallfahrtsstätte Fátima. Die beiden Pilger werfen ihre Schatten. Rechts: Endlich am Ziel angekommen. Foto: Karl Joachim Hofstätter
Das Land, wo die Zitronen blühen. Foto: Karl Joachim Hofstätter
Der Pilgerpass mit den täglichen Stempeln als Nachweis für die gelaufene Strecke. Foto: Karl Joachim Hofstätter

Eine unvergessliche und sehr emotionale Begegnung haben wir gleich in der dritten Etappe erlebt. Wir suchen die kleine Kirche Sankt Michael hinter dem Ort Esposende auf. Das gehört zu unserem Ritual, Kirchen zu besichtigen, einen Augenblick runter kommen, in sich kehren, eine Kerze anzünden und zugegeben, auch um etwas Abkühlung zu erfahren, es waren an diesem Tag sehr warme 29 Grad. Oft erhalten wir auch den Pilgerstempel in den Kirchen für unser Pilgerheft. Mit den täglichen Stempeln wird die gelaufene Strecke mit Datum dokumentiert, um später in Santiago de Compostela die Pilgerurkunde zu erhalten. Leider ist die Kirche geschlossen und wir wollen enttäuscht weitergehen, als ein älterer Mann erscheint. An seiner Kleidung erkennen wir den Pfarrer. Er schließt die Kirche auf und winkt uns hinein. Im portugiesischen Stakkato erklärt er uns die Kirche. Wir verstehen kein Wort. Dann bittet er uns in die Sakristei. Mit einem seltenen Prägestempel und seiner Unterschrift beglückt er uns und unser Pilgerheft. Dann legt er seine Hände über unsere Köpfe und erteilt uns seinen persönlichen Pilgersegen. Anschließend beten wir gemeinsam das „Vater unser“. Er auf Portugiesisch und wir auf Deutsch. Wir sind zutiefst gerührt. Ich schäme mich meiner Tränen nicht. Als wir noch völlig beeindruckt und schweigend weiter gehen, kommt uns der Pfarrer noch nachgelaufen, übergibt uns einen Zettel mit einem deutschen Gebet und eine Jesusfigur aus Holz. Herzlich verabschieden wir uns. Auf dieser Etappe haben wir nicht mehr viel miteinander gesprochen.

Mehr von Volksfreund