Grenze: Und plötzlich war nichts mehr normal

Grenze : Und plötzlich war nichts mehr normal

„Es hat geschmerzt“: Die Grenzschließungen haben in den Orten an Mosel und Sauer ihre Spuren hinterlassen.

Es sind Worte wie aus einer anderen Zeit, dabei sind sie gerade erst vor einem guten halben Jahr, am 9. November 2019, hier in der Woch erschienen – anlässlich des 30. Jahrestags der Öffnung der Berliner Mauer. „Nur die längst ihrer Funktion beraubten Zollämter und die Wappen an der Brücke lassen die Grenze noch sichtbar werden. [...] Zwar ist die Einfuhr von Kaffee, Tabak und Alkohol aus Luxemburg auch heute nur begrenzt zollfrei erlaubt. Doch eine Mauer mitten durch den Ort – das wäre unvorstellbar. Genauso unvorstellbar wie vor 1961 in Berlin.“ (Den ganzen Text können Sie auf Seite 2 noch einmal nachlesen.)

Und jetzt? Nein, an der Sauer wurde keine Mauer hochgezogen wie an der Berliner Stadtgrenze. Dort schaute ich als kleiner Junge über den Teltowkanal, an der Knesebeckbrücke, vier Kilometer entfernt von meinem Zuhause, fünf Kilometer von unseren Verwandten in der DDR. Die Brücke hatte schon seit 1952 keine Funktion mehr – nicht für Touristen, nicht für Diplomaten, schon gar nicht für einen spektulären Agenten­austausch. Nicht einmal der Mauerfall konnte sie retten – im Gegenteil: Er besiegelte ihr Schicksal endgültig. Das Bauwerk war im Lauf der Jahrzehnte so marode geworden, dass es abgerissen und neu gebaut werden musste.

An der Sauerbrücke in Bollendorf war die Grenze nur einen Monat lang ganz geschlossen – nicht mit Mauer und Stacheldraht, sondern nur mit Absperrgittern und Flatterband. Weitere vier Wochen durften zumindest Pendler und der Güterverkehr die Brücke wieder passieren. Und doch: Die Zeit hat ausgereicht, um Spuren zu hinterlassen. In sozialen Netzwerken gab es erste antideutsche Ressentiments, manche Luxemburger schworen, nie wieder einen Fuß nach Deutschland setzen zu wollen, oder fühlten sich gar an die Zeit der Besatzung erinnert. Vereinzelte Stimmen zwar, aber es gab sie. „Was derzeit durch die Grenzschließungen an Schaden an unseren gut nachbarschaftlichen Verbindungen angerichtet wird, kann man gar nicht in Worte fassen“, sorgte sich die Bollendorfer Ortsbürgermeisterin Silvia Hauer am Europatag – bei einer kleinen Kundgebung mit ihrem Berdorfer Amtskollegen Joé Nilles. Vor dem Europatag waren in vielen luxemburgischen Gemeinden an Sauer und Mosel die Europaflaggen auf halbmast gesetzt worden.

„Besonders in Schengen hat es geschmerzt zu sehen, dass der normale Grenzverkehr nicht mehr möglich war“, sagt der Schengener Bürgermeister Michel Gloden rückblickend. „Konnte man noch anfangs irgendwie verstehen, dass aufgrund von Unwissenheit gehandelt wurde, so hat sich dieses Gefühl sehr schnell in Unverständnis und Enttäuschung gedreht.“

Dabei waren die Demonstrationen – zeitgleich zwischen Dasburg im Norden und Schengen im Süden – nur vordergründig politisch, erst recht nicht parteipolitisch motiviert. Der Unmut über Bundesinnenminister Horst Seehofer war zwar allerorten zu spüren, aber hier ging es nicht um Europa als politisches Projekt, sondern als längst gelebte Realität. In Bollendorf zum Beispiel um ein Dorf mit dem Metzger links und dem Bäcker rechts der Sauer – ein Dorf, das einfach so normal sein möchte wie andere Dörfer auch.

Daniel John

• Warum in der Krise auch eine Chance stecken könnte, lesen Sie auf Seite 2.