1. Die Woch

Tannenbäume: Vom Samen zum Weihnachtsbaum in 13 Jahren

Tannenbäume : Vom Samen zum Weihnachtsbaum in 13 Jahren

Waren die Weihnachtsbäume früher oft keine Tannen, sonden in Westdeutschland zuerst Rot-, später Blaufichten, in Ostdeutschland vielfach auch Kiefern, so ist die  Nordmanntanne seit den 1980er Jahren zum beliebtesten Weihnachtsbaum geworden.

Die Bäume benötigen 30 Jahre, bis sie geschlechtsreif werden und eine Vermehrung erfolgen kann. Mit den 13 Jahre alten Weihnachtsbäumen, die in den Verkauf gehen, wäre das also nicht möglich. Doch glücklicherweise verfügt der Familienbetrieb über einen Bestand von 70 Jahre alten Nordmanntannen im luxemburgischen Hosingen – einen von nur wenigen Saatgutbeständen in Westeuropa. Das meiste Saatgut kommt dagegen aus Georgien, weil die Nordmanntanne im Kaukasus heimisch ist.

Die Nordmanntanne, eine Verwandte der Weißtanne, sei auch aus forstwirtschaftlicher Sicht interessant, sagt Roman Thielen. „Sie hat sehr tiefe Wurzeln, fast so tief wie der Baum hoch ist“, erklärt er. Damit kann sie auch trockene Perioden wie in den vergangenen Jahren gut verkraften – eine Eigenschaft, die ihr im Hinblick auf den Klimawandel Vorteile verschafft.

Während aus den Weihnachtsbaumkulturen  die besten und schönsten Bäume in den Verkauf gehen, wurde im Altbestand darauf geachtet, die schlechtesten Bäume zu entnehmen und die besseren und die gesünderen stehen zu lassen, um eine optimale Qualität des Saatguts zu gewährleisten.

Sind die Tannenzapfen mit den darin enthaltenen Samen geerntet, verlassen sie die Region, um erst ein paar Jahre später wieder als kleines Bäumchen zurückzukehren. Zuerst geht es nach Dänemark in die Klenge – „quasi ein Mähdrescher für Tannenzapfen“, erläutert Roman Thielen. Die Samen werden anschließend nach Schleswig-Holstein verkauft. Im Kreis Pinneberg kommen sie in eine Baumschule. Dort ist der Boden sandiger und weniger lehmig als in der Eifel, was das Umsetzen – das sogenannte Verschulen – der jungen Pflanzen erleichtert. Nach dem Verschulen wachsen die kleinen Bäume noch zwei Jahre bis sie eine Höhe von etwa 20 Zentimetern erreicht haben.

Zwei Jahre braucht es auch, bis Roman Thielen die Fläche vorbereitet hat, auf der die Weihnachtsbäume schließlich in der Eifel zu voller Größe heranwachsen. Wenn Bodenstruktur und Humus schließlich einen optimalen Nährboden bilden, werden die Bäume im Abstand von jeweils 1,30 Meter eingepflanzt.

In den ersten vier Jahren muss regelmäßig die Begleitvegetation – also alles, was nicht nach Weihnachtsbaum aussieht – entfernt werden. Danach wird der Stumpf beschnitten. Auf den unteren 20 bis 30 Zentimetern werden Äste entfernt, damit der Weihnachtsbaum später auch ein den Ständer passt. Außerdem erfolgt ein Formschnitt, denn der Baum soll ja hübsch aussehen. „Die Ansprüche der Kunden sind immer höher geworden“, sagt Roman Thielen. Was krumm, schief oder ungleichmäßig gewachsen ist, lässt sich kaum verkaufen. Die Ausfallquote liege bei etwa 30 Prozent. Auf der Anbaufläche bei Dackscheid sind einige Bäume aber schon mit einer roten Schnur versehen, was bedeutet: Sie sind bereits verkauft. Die meisten der etwa 3000 Weihnachtsbäume gehen an Wiederverkäufer, nur ein paar Hundert direkt an die Privatkunden in der Eifel.

Nach dem ersten Formschnitt wachsen die Bäume noch vier bis sechs Jahre weiter, bis sie eine wohnzimmertaugliche Höhe von 1,50 bis 2,50 Meter erreicht haben. Neue Triebe werden von Hand abgebrochen, damit keine unschönen Schnittflächen sichtbar werden. An der Spitze kommt eine Top-Stopp-Zange zum Einsatz. Damit wird die Rinde eingeschnitten, um den Trieb langsamer wachsen zu lassen und kahle Stellen zu vermeiden.

Insgesamt sind für jeden Baum etwa 50 Arbeitsschritte erforderlich, und diese Arbeit hat ihren Preis: Unter 20 Euro ist eine Nordmanntanne nicht zu bekommen – wenn doch, dann handele es sich um Notverkäufe, sagt Roman Thielen. Derzeit gäbe es ein Überangebot, jährlich würden in Deutschland etwa 21 Millionen Weihnachtsbäume verkauft, mehr als das Doppelte wäre aber verfügbar. Allerding entspreche fast die Hälfte davon nicht den Qualitätsstandards, so dass sich die Situation wieder relativiert.

Tannenzapfenernte Foto: Forstbetrieb Thielen/Roman Thielen
Tannenzapfenernte Foto: Forstbetrieb Thielen/Roman Thielen
Gruppenbild der Jungweihnachtsbaumanbauer:  Michael Spennesberger, Alex Cordes, Thomas Spennesberger, Matthias Schierer, Roman Thielen, Markus Grote, Stefan Geiß, Niklas Schierer und Selina Wohlgenannt (von links). Foto: tv/Magdalena Kistler
Der unteste Teil des Stammes soll frei von Ästen sein, wie Roman Thielen zeigt. Foto: Daniel John
Am Stamm sind Spuren der Top-Stopp-Zange zu sehen, die ein zu schnelles Wachstum der Spitze verhindern soll. Foto: Daniel John
Schnittgrün macht im Forstbetrieb Thielen den größten Teil des Umsatzes aus. Foto: Daniel John

Da der Familienbetrieb nach und nach gewachsen ist, wurden immer wieder einzelne Flächen hinzugekauft. Die insgesamt 50 Hektar bilden kein zusammenhängendes Gebiet, sondern liegen verteilt in einem Umkreis von 50 Kilometern. Aber nicht überall wachsen Weihnachtsbäume. Den Hauptumsatz erwirtschaftet der Forstbetrieb mit Schnittgrün, das jetzt zu Allerheiligen besonders gefragt ist. Und sind die Weihnachtsbäume einmal geschlagen, werden die alten Flächen wieder zu Wald aufgeforstet.