Chormusik: Von Schnapsideen und Meisterchören

Chormusik : Von Schnapsideen und Meisterchören

Die Gesangsszene in der Region ist bunt und vielfältig - Viele Ensembles haben Nachwuchssorgen, aber es gibt auch neue Chancen.

100 Jahre muss ein Chor alt werden, dann kann er die Zelter-Plakette erhalten. Die nach Carl-Friedrich Zelter (1758–1832), dem Gründer der Berliner Liedertafel, benannte Auszeichnung wird vom Bundespräsidenten an Chöre verliehen, „die sich im langjährigen Wirken besondere Verdienste um die Pflege der Chormusik und des deutschen Volksliedes und damit um die Förderung des kulturellen Lebens erworben haben“. Einer der bundesweit 111 Chöre, die 2019 die Zelter-Plakette erhalten haben, ist der Kirchenchor St. Cäcilia Salmrohr. Das wäre ein klarer Fall für ein Porträt in der Reihe „Unsere Vereine“ gewesen – doch der Chor lehnte ab. Man stehe kurz vor der Auflösung.

Immer wieder kommt es vor, dass Chöre mit einer langen Tradition aus Mangel an Mitgliedern aufgeben müssen. Der Männer- und Frauenchor Prüm von 1879 etwa beschloss 2014 seine Auflösung nach 135 Jahren. Der Altersschnitt der Aktiven lag um die 70 Jahre, Nachwuchs war nicht in Sicht.

Ein anderer Chor, der 2019 die Zelter-Plakette erhielt, ist der Männergesangverein Osburg. Er zählt 24 aktive Sänger und versucht zumindest musikalisch neue Wege zu gehen. Kurt En­dres, der seit 1951 im Verein singt, fasste dies im Gespräch mit unserer Zeitung vor dem Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen so zusammen: „Angefangen habe ich mit ,Sonntag ist heute‘, gelandet bin ich jetzt bei den Toten Hosen.“ Chorleiter Thomas Siessegger betont daher: „Männerchöre sind nicht altbacken, sie haben aber das Image“. Und gegen dieses Image anzukommen ist eben nicht leicht.

Etwas leichter haben es da die Sänger aus Baustert in der Eifel: Sie haben – entgegen dem Trend – vor zwei Jahr einen neuen Männerchor gegründet. Die Idee dazu sei an der Theke entstanden, erzählt Werner Irsch, dessen Frau Birgit bereits mehrere Chöre leitet, aber zuvor eben noch keinen Männerchor. „Wir möchten auch singen!“ sagten nun 14 Männer von Anfang vierzig bis Ende sechzig, bis auf einen alle ohne jede Chorerfahrung. Also kramte Birgit Irsch die „Mundorgel“ hervor, um einfache Lieder herauszusuchen. „Ich hole sie ganz unten ab“, sagt sie über ihre Sänger. Und hat sie – aller Anfang ist schließlich schwer – manchmal gedacht „Das schaffst du nie“ oder „Das schaffen die nie“? „Nein“, sagt die Chorleiterin lachend, es sei ja gar nicht um eine bestimmte Leistung gegangen. „Sie sollen Freude haben und besser gelaunt aus der Probe kommen als sie hineingegangen sind.“ Und dieses Ziel ist offenbar erreicht: Bislang ist noch kein einziger Sänger abgesprungen, ein paar kamen sogar noch hinzu. Gesungen wird weltliche Musik aus allen Genres.

„Der traditionelle Männerchor hat seine Schwierigkeiten“, sagt auch Johannes Klar, Regionalvorsitzender der Region Trier im Chorverband Rheinland-Pfalz. Er glaubt daher: „Wir müssen uns besonders mit den Herren der Schöpfung beschäftigen.“ Denn erfahrungsgemäß sind es heutzutage vor allem Frauen, die Interesse am Chorgesang zeigen. Das hat auch Gudula Kinzler, die neben den Kyller Chorallen aus der Vulkaneifel zwei weitere reine Frauenchöre in Nordrhein-Westfalen und in Ostbelgien leitet, kürzlich im Gespräch mit der Woch bestätigt. „Wenn ich Sängerinnen und Sänger suche, dann kommen 20 Frauen und drei Männer.“ Und weil es so keinen ausgewogenen Klang geben kann, setzt die Chorleiterin von vornherein auf Frauenstimmen

In Waxweiler hat man sich die größere Sangesfreude der Frauen zunutze gemacht. Dort stand der 1887 gegründete Männergesangverein Harmonie nach 120 Jahren vor dem Aus. Waren zur 100-Jahr-Feier noch 35 Sänger aktiv, hatte sich diese Zahl bis 2007 auf 16 verringert. Also wurde der Chor auch für Frauen geöffnet und 2009 als Prümtal-Chor ins Vereinsregister eingetragen. Damit ist die Zukunft vorerst gesichert.

Auf die Frage, warum das Singen Frauensache geworden ist, hat Johannes Klar allerdings keine eindeutige Antwort; und auch nicht Julia Reidenbach, die an der Trierer Tuchfabrik ein erfolgreiches Format ins Leben gerufen hat: „Just Sing“ nennt sich die Reihe, die regelmäßig ausverkauft ist. Mehrere Hundert Menschen treffen sich, um an einem Abend einen Popsong einzustudieren und anschließend gemeinsam vorzutragen. Auch dort sind es laut Julia Reidenbach „deutlich mehr Frauen als Männer; wir würden uns über mehr Männer freuen.“ Derzeit muss die Reihe zwar pausieren, ist sonst aber bereits zwei Monate im Voraus ausverkauft. Als Grund für den Erfolg nennt Julia Reidenbach die Tatsache, „dass es jedes Mal von vorne anfängt“. Eine langfristige Mitgliedschaft in einem Chor ist nicht erforderlich.

Ein Rezept, Menschen für den Chorgesang zu begeistern, kann daher auch sein, einen Projektchor ins Leben zu rufen – für ein Musical oder ein Adventskonzert zum Beispiel. Da ist die Dauer des Engagements überschaubar und zeitlich begrenzt. Ein besonderes Projekt hat Petra Urbanus, Chorleiterin in Pronsfeld und Bleialf, ­initiiert: „Pronsfeld singt“. Dort soll das ganze Dorf mitmachen können, über alle Altersgruppen hinweg. Die Kinder aus Grundschule und Kita sind mit dabei, aber auch Eltern und Großeltern können mitsingen. Ziel war es, am Palmsonntag das Musical „Hinauf nach Jerusalem“ aufzuführen, das von den letzten Tagen Jesu erzählt. Die Corona-Krise hat das Projekt allerdings in diesem Jahr gestoppt. Für Johannes Klar sind Projektchöre eine Chance, „um Leute auf den Geschmack zu bringen“.

Zurück nach Baustert: Was als sprichwörtliche „Schnapsidee“ begann, hat es längst zur Bühnenreife gebracht. Im vergangenen Jahr hat sich der „Männerabend“ erstmals vor Publikum präsentiert. „Das war ein tolles Fest für Baustert“, berichtet Chorleiterin Birgit Irsch, die zugleich ein Problem schildert: „Es gibt kaum Literatur, die ich kaufen kann“, sagt sie. Stattdessen arrangiert sie die Lieder selbst, zwei- oder dreistimmig. Und inzwischen haben ihre Männer auch ihr erstes „Auswärtsspiel“ hinter sich – bei einem Gastauftritt in Mettendorf. Der Applaus des Publikums hat alle darin bestärkt, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Auch Johannes Klar lobt das Engagement des „Männerabends“, obwohl er mit seinem Vokalensemble Schweich in einer ganz anderen Liga unterwegs ist: Der gemischte Chor gehört zu den rund 70 Meisterchören in Rheinland-Pfalz. Um den Titel zu erhalten, muss sich ein Ensemble auf drei Ebenen qualifizieren und sich in allen Genres beweisen. Das Vokalensemble hat die Auszeichnung, die für jeweils fünf Jahre gültig ist, mittlerweile zum fünften Mal erhalten – das steht also für mehr als 20 Jahre Qualität auf höchstem Niveau. „Das Leistungsorientierte Singen hat einen gewissen Reiz“, findet Johannes Klar. Schließlich beweist die Auszeichnung, dass sich die Probenarbeit gelohnt hat. Das Ensemble sei einst aus dem Jugendchor herausgewachsen, sagt der Chorleiter. Die Fluktuation sei zwar groß, aber ein gewisser Stamm an Sängerinnen und Sängern habe sich bis heute erhalten – ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, Kinder und Jugendliche früh an den Chorgesang heranzuführen.

Das hat auch Birgit Irsch festgestellt, die eher durch Zufall Chorleiterin der „Kirchenengel“ in Bettingen wurde. „Vor 15 Jahren hat mein Pastor zu mir gesagt: ,Du machst einen Kinderchor‘“, berichtet sie. Und heute weiß sie, dass es sich lohnt, auch ganz gezielt Jungen mit einem Knabenchor anzusprechen: „Mittlerweile habe ich die im Tenor oder Bass im Kirchenchor“.

Das empfiehlt Johannes Klar auch den Männergesangvereinen: „Sie müssen Kontakt zur jungen Generation suchen. Wenn sie aufgeschlossen sind, haben sie eine Chance.“ Die Jungen unter sich alleine ohne Mädchen hätten möglicherweise auch weniger Hemmungen zu singen. Wichtig, so Johannes Klar, sei dann vor allem, „dass sie Spaß an sich selber kriegen und merken, dass sie Fortschritte machen.“

Ein neuer Männerchor? Auch das gibt’s – den „Männerabend“ aus Baustert. Foto: Daniel John
Erfolgreiche Reihe: „Just sing“ in der Trierer Tufa. Foto: Christina Bents

Aber ob Knaben-, Mädchen oder Kinderchor, Männer oder Frauen, eher leistungsorientiert oder rein aus Spaß am Singen – ein Rat von Johannes Klar gilt für alle Chorleiter: „Wenn du selber nicht brennst für die Sache, wen willst du dann animieren?“