1. Die Woch

Warum Winzer wenig von Bauernregeln halten und der phänologische Kalender als Alternative

Phänologischer Kalender : Warum Winzer und Landwirte wenig von Bauernregeln halten

Traditionelle Witterungs­regel­fälle dienen der Landwirtschaft kaum noch zur Orientierung. Manche Bauern beobachten stattdessen regionalen Tieren und Pflanzen. Sogar der Deutsche Wetterdienst nutzt diese phänologische Methode.

Bauer Franz-Josef Heintges hält sich nicht an alte Bauernregeln. „Ich schaue den Wetterbericht an und nehme auch davon nur die nächsten zwei bis drei Tage ernst“, so der Landwirt vom Weiherwiesenhof in Malberg (Bitburger Land). Die dynamische Wetterveränderung könne man nicht in Schemata packen, wie es die Bauernregeln versuchen. Ob er seine frühen Saaten wie Karotten oder Rote Bete ausbringen und vorgesäte Pflanzen wie Lauch und frühe Salate setzen könne, richte sich nach einer „ein bisschen stabilen Wetterlage“. Tiefs und Atlantikdrifts seien dafür schlecht.

Auch Demeter-Bäuerin Ulrike Harborth vom Hof Steinich in der Vulkaneifel sagt: „Es klappt nicht mehr, sich an solche Bauernregeln zu halten“. Sie erlebe eine grundlegende Veränderung des Klimas. Etwa dass es mehr stabile Wetterlagen gebe, die dann häufiger zu Extremen führten. „Früher hatten wir schnelle Wetterwechsel, heute ist es lange trocken und dann wieder lange nass“, so die Bäuerin, die seit 25 Jahren auf dem Hof ist. In den gegenwärtigen Jahren habe sie schon gar keine Angst mehr, dass es ihr plötzlich das Heu verregnen könnte. Manch anderer Demeter-Kollege sei aber noch mehr als sie mit den alten Weisungen verbunden.

Winzer Ralf Haas vom Temmelser Elblinghof (Kreis Trier-Saarburg) nimmt Bauernregeln an, wenn sie positiv sind. Viele davon hält er aber schlicht für Aberglauben. „Bei den meisten Landwirten ist das Wetter sowieso in Fleisch und Blut übergegangen“, so der Winzer. Bei Aussaat und Schnitt gebe es schon so Regeln, an die er sich immer gehalten habe, aber der Klimawandel ändere da viel. Vor den Eisheiligen (Erklärung im Text auf Seite 1) und dem damit verbundenen möglichen Bodenfrost im Mai versuche er zum Beispiel keinen Stickstoff in den Boden zu bringen.

„Gerade unsere Elblingrebe an der Obermosel treibt recht früh aus und ist vor den Eisheiligen eher gefährdet“, so der Winzer. Auch Rebschnitt wäre besser nach dem Frost. Haas: „Aber in der Praxis und für größere Betriebe ist es oft nicht praktikabel zu warten.“

Auf die Bauernregel mit den Zugvögeln könne man sich aber immer verlassen. Wenn die Kraniche in ihr Winterquartier wegfliegen, bedeute das für ihn: „Jetzt wird es kalt,“ Wenn er sie wiedersehe, sei der Winter gebrochen. „Diesen Winter hätten sie aber grad dableiben können, so warm wie der war“, sagt der Temmelser lachend.

Manche Bauernregeln orientieren sich also auch am Verhalten von Tieren. Imker Christoph Postler kennt kaum alte Bauernregeln. Der Rioler gibt Seminare und Exkursionen zu Kräutern und Naturapotheke. „Auch dabei stelle ich fest, dass das alte Wissen von unseren Urgroßeltern oftmals verloren gegangen ist“, so Postler. Er beobachtet dennoch, dass seine Bienen sich je nach Wetterlage und Jahreszeit unterschiedlich verhielten. „Beispielsweise reagieren sie vor einem Gewitter oder nach der Ernte aggressiver, wenn ich eine Kontrolle im Bienenstock mache“.

Bei der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) in Trier ist Eva Maria Altena für den Anbau des Gemüses verantwortlich. Sie hält sich dabei zwar an die Regel des möglichen Frosts der Eisheiligen. Die gelernte Gärtnerin beobachtet aber vor allem die Pflanzen um sich herum.

 Boden ist je nach Region unterschiedlich früh bereit, bepflanzt zu werden. Wann es soweit ist, kann zum Beispiel ein Haselnussstrauch daneben anzeigen, sagt Gärtnerin Eva Maria Altena aus Trier. 
Boden ist je nach Region unterschiedlich früh bereit, bepflanzt zu werden. Wann es soweit ist, kann zum Beispiel ein Haselnussstrauch daneben anzeigen, sagt Gärtnerin Eva Maria Altena aus Trier.  Foto: TV/Pixabay

„Statt einem festen Datum zu folgen, wie es die Bauernregeln vorschreiben, kann man sich auch an der Entwicklung der Natur orientieren. Also zum Beispiel auf Blattaustrieb oder auf die Blüte der Stachelbeere schauen, ob der Boden bereit ist, dass man schon unempfindliche Gemüse aussäen kann“, erklärt Altena. Diese Pflanzenzustände hingen oft auch davon ab, ob man eher leichten Boden oder eher schweren, wie in Trier, habe.

„Der Boden ist je nach Region unterschiedlich und Vorgartenboden hat einen höheren Humusgehalt als Ackerboden. In der Stadt blühen die Bäume oft auch früher als im freien Feld, weil es da wärmer ist.“ Da das Anbauklima so individuell sei, empfiehlt sie, über mehrere Jahre ein kleines Gartentagebuch zu führen und aufzuschreiben, wie es sich im eigenen Beet verhält. Daraus könne man dann individuelle Regelmäßigkeiten erschließen.

Die Philosophie, aus der Pflanzenbeobachtung Erkenntnisse für die Landwirtschaft und den Garten zu bekommen, nennt sich Phänologie. Ein phänologischer Kalender gliedert das Jahr nicht in die klassischen vier Jahreszeiten, sondern in zehn Phasen, deren Beginn und Ende jeweils durch charakteristische Entwicklungsstadien bestimmter Gewächse – sogenannter phänologischer Zeigerpflanzen – signalisiert wird. Den Vollfrühling von Mitte April bis Ende Mai erkennt man zum Beispiel daran, dass Apfel und Süßkirsche blühen und der Kuckuck zu rufen beginnt.

Die Phänologie ist auch beim Deutschen Wetterdienst (DWD) ein Teilgebiet der Klimatologie. Sie befasst sich mit den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungsphasen der Pflanzen. Dafür schicken über 1200 ehrenamtliche Beobachter seit vielen Jahren Meldebögen zum DWD nach Offenbach, in denen die Ehrenamtlichen vermerken, wann die Haselnuss in ihrem Messgebiet stäubt oder die Schneeglöckchen blühen. Der DWD sammelt die Daten und wertet sie aus, indem er sie zum Beispiel mit den Vorjahren vergleicht.

Die Agrarmeteorologin Bianca Plückhan vom DWD liest daraus: „Die Pflanzenentwicklung in den frühen Phasen ist stark vorangeschritten. Die Winter in Deutschland sind deutlich milder und im Schnitt zwei bis drei Wochen kürzer geworden, als früher.“ Das sei vermutlich eine Folge des Klimawandels.

Wer sich also Regeln sucht, nachdenen er Gemüse und Blumen anbauen kann, hat heute mehr Möglichkeiten als nur alte Heiligentage – und das ist auch gut so. Schön sind die alten Reime aber trotzdem. Ein bisschen nostalgisch und mit gutem Gefühl dürfen wir uns ihrer auch weiterhin erinnern.

Teil eins dieses Artikels (Alte Bauernregeln zwischen Aberglauben, Nostalgie und Wissenschaft) lesen Sie HIER.